IAA in Hannover: China will den E-Truck-Markt erobern
Strombetriebene Lastwagen werden immer günstiger. Auf dem EU-Nutzfahrzeugmarkt startet deshalb gerade die Verkehrswende. Aber woher kommen die Lkws?
Foto: Moritz Frankenberg/dpa
Kaum Pannen, leicht zu fahren, günstig: 93 Prozent der vom Öko-Institut befragten deutschen Firmen fanden ihre neuen Elektrotrucks besser als die alten Diesellaster. Dennoch war der E-Marktanteil bei den Neuzulassungen mit 2,3 Prozent im ersten Halbjahr 2026 in Europa noch relativ mickrig. Gegenüber dem Vorjahr hat er sich allerdings fast verdoppelt. Die Verkehrswende startet also in dem Segment gerade. Insgesamt fahren derzeit erst 14.000 E-Lkws auf Europas Straßen.
Der Markt ändert sich gerade rasant. Ob Europas Lkw-Hersteller wie bei den Pkws von der Elektro-Konkurrenz aus China und den USA überrollt werden, ist die große Frage der Nutzfahrzeugmesse IAA Transportation, die am Dienstag in Hannover eröffnet wurde. 70 Prozent der knapp 1.600 Aussteller kommen aus dem Ausland, vor allem aus – China.
Noch dominieren in Europa heimische Hersteller wie Daimler Truck, die VW-Tochter Traton mit ihren Marken MAN und Scania, Volvo, DAF und Iveco. Doch Konzerne wie Tesla, Foton, Skyworth Auto oder Sitrak pushen ihre zum Teil deutlich günstigeren E-Trucks Richtung Europa. Das könne hiesige Hersteller in ihrer Existenz bedrohen, heißt es in einer aktuellen Untersuchung der Verkehrs-NGO Transport & Environment (T&E). Die Ankündigungen einiger Hersteller aus der Volksrepublik, bis 2030 etwa ein Viertel des E-Lkw-Marktes in Europa zu erobern, seien sehr ernst zu nehmen. „In diesem kritischen Moment sollten die Lkw-Hersteller aus den Fehlern der Automobilindustrie lernen“, so T&E-Expertin Johanna Braun.
Der Kostenvorteil der Wettbewerber ist deutlich. Ein Kilometer mit einem chinesischen E-Lastwagen koste insgesamt 55 Cent gegenüber 63 Cent mit einem europäischen Produkt, rechnet T&E vor. Insgesamt ergebe sich über einen Zeitraum von fünf Jahren eine Ersparnis von 43.000 Euro. Bei Reichweite, Ladezeit, maximaler Nutzlast und Energieeffizienz sei die Konkurrenz aus dem Ausland zudem „genauso gut“ wie europäische Lkws, warnt T&E. Und mahnt: Die Flottengrenzwerte für Lastwagen, die EU-weit im kommenden Jahr novelliert werden, müssten streng ausfallen. Das nutze den technisch versierten hiesigen Herstellern.
Kostenvorteile bei E-Brummis
Klar scheint: Die Zukunft des Nutzfahrzeugsmarkts ist elektrisch. Je nach Untersuchung liegt der Kostenvorteil eines E-Brummis in fünf Jahren durch die rasant gestiegenen Dieselpreise, bessere Ladeinfrastruktur sowie Maut- und CO2-Kosten zwischen 11 und 13 Prozent. In Deutschland, wo elektrische Lkws bis 2031 von der Maut befreit sind, sind die Strom-Brummis sogar bereits jetzt schon samt Betriebskosten günstiger als die Diesel-Stinker.
Mehr Elektro-Lkws helfen auch dem bei den Klimazielen hinterherhinkenden Verkehrssektor. Knapp 30 Prozent der CO2-Emissionen in der EU entfallen laut Verband der Automobilindustrie (VDA) auf den Schwerlastverkehr. Für VDA-Präsidentin Hildegard Müller gibt es hier „enormes Potenzial“, wie sie anlässlich der IAA-Eröffnung sagte.
Batterieelektrische Lkws kämen auf Reichweiten von bis zu 500 Kilometern, Wasserstoff-Lastwagen, von denen es deutlich weniger gibt, sogar 700 bis 800 Kilometer weit. Allerdings mangele es europaweit an Ladepunkten und Wasserstoff-Tankstellen: „Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist riesig.“
E-Lastwagen im Fernverkehr müssen an besonders leistungsfähigen Ladesäulen laden können, damit ihre Fahrer die gesetzlichen Lenk- und Pausenzeiten einhalten können. Der VDA geht für 2030 von einem Bedarf von rund 4.000 solcher Megawatt-Ladepunkte aus. Im Juli 2026 standen in der gesamten EU aber gerade einmal 730, davon 355 in Deutschland. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) kündigte in Hannover an, entlang der Autobahnen ein Schnellladenetz für E-Lkws aufzubauen. An 124 unbewirtschafteten Rastanlagen bundesweit beginne gerade die konkrete Umsetzung.
„Natürliche Wettbewerbsvorteile“ der Chinesen
Wegen der Herstellung der Lkw-Batterien in China und happiger Subventionen hätten die Hersteller aus Fernost „natürliche Wettbewerbsvorteile“, warnt auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Allerdings sei der Nutzfahrzeug-Markt deutlich komplizierter als der Pkws. Hier bringen chinesische Hersteller derzeit die Europäer in Bedrängnis. Unter anderem müssten die neuen Wettbewerber „24-Stunden-Werkstattsysteme entlang der Autobahnen, schnelle Ersatzteilversorgung und ein vielfältiges Angebot von Aufliegern und Anhängern“ anbieten, so Dudenhöffer.
Wie bei den E-Autos fangen die Chinesen derzeit an, eigene Produktionsstätten in der EU aufzubauen, um Zölle und Einfuhrbeschränkungen zu umgehen. So promotet der Lkw-Produzent Sinotruk seine Kooperation mit Steyr Automotive.
Die Österreicher montieren seit Frühjahr 2026 eine neue Sinotruck-Modellreihe für den europäischen Markt. Dabei möchte das Unternehmen gezielt nicht mehr als chinesischer Import wahrgenommen werden. Auch das chinesische Start-up SuperPanther hat für seinen neuen eTopas 600 ein eigenes Europawerk aufgebaut. Chinas E-Weltmarktführer BYD will dagegen im kommenden Jahr seinen ersten Schwerlaster „ETT 44“ in Europa einführen – und plant auch langfristig eine hiesige Lkw-Herstellung. „Langfristig werden wir alles, was wir in Europa verkaufen, hier produzieren“, sagte BYD-Vizechefin Stella Li in Hannover.
Europäische Hersteller wie MAN fordern, dass die EU bei Lkws so vorgehen soll wie gegen subventionierte Elektroautos aus China. Zölle und Vorschriften für lokale Produktionsanteile wären Instrumente, um unfaire Wettbewerbsvorteile auszugleichen, meint der Hersteller aus München.
MAN-Chef Alexander Vlaskamp forderte die EU bei der IAA auf, für fairen Wettbewerb zu sorgen. Dabei sprach er vor allem Produktionsvorgaben an. Sein Unternehmen müsse in China 60 bis 70 Prozent der Teile vor Ort einkaufen und könne nur in Gemeinschaftsunternehmen produzieren, sagte Vlaskamp der Nachrichtenagentur Reuters. „Solche Bedingungen sollten auch in Europa herrschen.“
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