Berliner Vogelbestände: Tschilp und tschüss
Berlins frechster Mitbewohner wird selten, dabei passt der Spatz gut zu Berlin: laut, gesellig und allzeit bereit für Streit um die letzten Pommes.
Schon mal einen Spatzen beim Sandbad zugesehen oder eine Pommes gegen einen verteidigt? Nein? Dann sollten Sie sich beeilen, denn Berlins Spatzenbestände befinden sich im Sinkflug. Um rund 70 Prozent sollen sie seit 2021 geschrumpft sein. Ausgerechnet in Berlin, der deutschen Spatzenhauptstadt, die für den Haussperling lange das war, was eine klebrige Frittenbude nach einer durchtanzten Nacht ist: einfach unwiderstehlich.
Hinzu kommt jener sympathische Charakterzug: Der Spatz ist eher kompakt als elegant, ein kurviger Vogel mit kräftigem Schnabel und der Haltung eines Wesens, das jederzeit bereit ist, sich um die letzten Krümel zu prügeln. Das Männchen trägt braune Flügel und einen schwarzen Kehlfleck, der aussieht, als sei beim Mittagessen etwas hängengeblieben. Das Weibchen ist dezenter gekleidet, graubraun, funktional, Berliner Übergangsjacken halt. Dieser Vogel ist so hübsch wie ein zerlesenes Taschenbuch: reichlich zerrupft, aber auf jeden Fall gelesen.
Und dann das: Spatzen sind nie allein. Sie treten in Cliquen auf, wie kleine marodierende Jugendbanden. Sie besetzen selbstbewusst Hecken, Baumscheiben, Bahnhofsvorplätze und Biergärten. Wenn einer was findet, wissen es sofort alle. Dann wird wie bei Punks im Moshpit gehüpft und gepogt, gerempelt, geflattert und geschnattert.
Der Haussperling singt nicht wirklich, er kommentiert eher. Eine anarchische Dauerbeschallung aus Beschwerden, Warnungen, Besitzansprüchen – und ja, vermutlich auch Beleidigungen. Eigentlich wie eine Zeitungsredaktion fünf Minuten vor Redaktionsschluss. Jeder hat recht, niemand hört zu, irgendwer zetert aus dem Hintergrund, und am Ende wird trotzdem gemeinsam was draus. Deshalb ist der Spatz so sympathisch. Gemeinschaft bedeutet bei ihm, sich möglichst vernehmbar auseinanderzusetzen.
Ritzen, Nischen, Gestrüpp und Müll
Auch sein Verhältnis zur Ordnung ist entspannt. Der Spatz liebt Ritzen, Nischen, Gestrüpp und Müll. „Je schmuddeliger, desto besser“, sagt der Berliner Biologe Jörg Böhner über seine Ansprüche. Deshalb war Berlin auch beliebt beim Spatzen, denn trotz zunehmender Gentrifizierung ist diese Stadt immer noch unaufgeräumter als andere.
Böhner nimmt deshalb an, dass es nicht an Nahrungsmangel und fehlenden Nistplätzen allein liegt, dass sich dieser nette Vogel so rar macht. Man vermutet eher eine Seuche, etwa Vogelmalaria, die von Stechmücken übertragen wird. Stechmücken gedeihen gut in den heißen Sommern des menschengemachten Klimawandels.
Und deshalb: Schauen Sie doch mal einem Spatzen beim Sandbad zu, solange noch Gelegenheit dazu ist! Er wirft sich in die staubige Mulde, plustert sich auf, schlägt wie irre mit den Flügeln, wühlt und schüttelt die Federn, als wolle er in möglichst kurzer Zeit viel Chaos anrichten. Das Bad dient durchaus der Gefiederpflege, das ist unbestritten. Nur sieht das Tier hinterher nicht unbedingt sauberer aus. Eher wie jemand, der beim Putzen beschlossen hat, dass vorher eigentlich alles besser war.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert