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Ryuichi Sakamoto in BerlinKosmische Überzeugungen

Die Ausstellung „Seeing Sound, Hearing Time“ im Hamburger Bahnhof Berlin zeigt erstmals in Europa Kunstwerke des japanischen Popstars und Komponisten Ryuichi Sakamoto.

Eine Waldlandschaft mit Tannen und Laubbäumen, Moosflechten am Boden und Nebelschwaden in der Luft. Rechts auf dem 18 Meter langen Splitscreen laufen schlierige Strahlen, die das vertikale Licht- und Farbspektrum des Walds aufnehmen und horizontal über das Bild wandernd in Streifen darstellen, bis sie Pixel für Pixel eingescannt werden und verschwinden. Der französische Satz „encore la pleine lune se lever?“ (Geht der Vollmond wieder auf?) flimmert milchig-weiß über einem Streifen.

Wer nun glaubt, gleich fliegt Antoine Saint-Exupéry auf einem Looping vorbei, wird von der dezenten, mit Widerhaken und Glitches aus einem EMS-Synthesizer zerschredderten Pianomusik aus den Boxen des monumentalen 14-Kanal-Soundsystems eines Besseren belehrt. Was meditativ zurückhaltend wirkt, betäubt gleichzeitig vom reinen Überfluss der Technik- und Medieninszenierung: „seeing sound, hearing time“ heißt die immersive Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin, die das vielgestaltige künstlerische Werk des japanischen Popstars, Filmkomponisten und Schauspielers Ryuichi Sakamoto erstmals überhaupt mit einer Schau in einem europäischen Museum würdigt.

„async – immersion“ ist dabei nur eine von fünf raumfüllenden Großinstallationen in den Riekhallen. Nichts bleibt beim Design der Ausstellung dem Zufall überlassen. Fotos, Filme, Musik und Found Objects werden vom Schwarz der Wände wie eingesaugt, auch der Fußboden ist ganz in Schwarz getaucht und so blank gebohnert, dass er als spiegelnde Wasseroberfläche eines Sees zum romantischen Waldambiente in 3D glitzert.

Ryuichi Sakamoto

„Ryuichi Sakamoto. Seeing Sound, Hearing Time“, Hamburger Bahnhof Berlin, bis zum 20. Juni 2027, Katalog 20 Euro

Ryuichi Sakamoto & Alva Noto: „12 Conversations“ (Noton)

Musik, Rhythmus und Klang in Bilder zu überführen, wie der Ausstellungstitel suggeriert, bekommt hier nicht nur eine formale synästhetische Ebene aus einer Richtung. Es ging Sakamoto auch darum, Naturereignisse wie den Tsunami von 2011 hörbar zu machen. Als junger Mann studierte er in den späten 1960ern Musik am Konservatorium von Tokio, zu einer Zeit also, als die japanische Studentenbewegung im Zuge des Vietnamkriegs auf Abstand zu den USA ging und sich mit Umweltschutzthemen beschäftigte. Anders als die Anti-Imp-Fraktion unter den Studierenden blieb Sakamoto dem radikalen Pazifismus verhaftet und widmete auch als Star sein Engagement dem friedlichen Kampf gegen Atomkraft.

Von der Natur beschädigte Musik

Gleich die erste Installation, „IS YOUR TIME“, platziert ein beim Tsunami 2011 ramponiertes Schulklavier in die Raummitte, es steht in einem Wasserbecken und unter einer Videoleinwand, die von oben Schneeflocken auf das Klavier schneien lässt. Seine Tasten werden von einem automatischen Metallaufsatz betätigt, gefüttert von seismologischen Echtzeitdaten von Erdbebenaktivitäten rund um die Welt, erklingt so von der Natur beschädigte Musik.

„Hearing Time“ ist als Signal zu verstehen: Zeichen der Zeit erkennen, innehalten, loslassen. Sakamotos Kunstverständnis liegt eine tiefe kosmische Überzeugung zugrunde, wonach unsere wandernden Seelen im Strom der Zeit sich ständig verändern. Lange blieb Sakamato Technik- und Gear-affin. Als Elektronik im Zuge der Digitalisierung gegen Ende der 1990er immer mehr zu einem Kontrollinstrument wurde, wandte er sich basalen Themen zu, bildete fließendes Wasser als Quelle des Lebens ab, was bisweilen esoterische Züge annimmt.

Be­su­che­r:in­nen können in „Seeing Sound“ eintauchen wie in einen Timetunnel. Sakamotos Zen-artige Inszenierung vom Raum-Zeit-Kontinuum blendet für eine Weile die trübselige Gegenwart aus. Angesichts der reaktionären gesellschaftspolitischen Umwälzungen in Deutschland mag das dringend benötigte Ruhe und Kraft spenden.

Das scheinbar milde Licht von Ambient täuscht, die Karriere von Ryuichi Sakamoto verlief widersprüchlicher und mit mehr Reibungspunkten, als die manchmal banale musikalische Oberfläche verrät. Der 2023 nach langer Krankheit verstorbene multidisziplinäre Künstler war ein Meister der Täuschung. Schon als Teil des Technopop Trios Yellow Magic Orchestra (1978–1984) begegnete Sakamoto exotischen westlichen Zuschreibungen von Fernost spielerisch und mit absurdem Humor. „Firecracker“, der erste YMO-Hit, war die Coverversion eines US-Easy-Listening-Klassikers von Martin Denny, komponiert 1959, als das Exotica-Fieber in den USA am Scheitelpunkt war.

Konzerte in Mao-Anzügen

Durch die umgekehrte Aneignung spitzte YMO die „niedliche“ Anmutung der Musik einerseits zu und arrangierte andererseits den Song discotauglich für die westliche Tanzfläche. Bei Konzerten trugen die drei YMO-Musiker zunächst Mao-Anzüge, wobei ihre Inszenierungen dem State of the Art der elektronischen Klangerzeugung stets wohlwollend zugetan blieben.

Sakamoto arbeitete bis kurz vor seinem Tod an neuen musikalischen (Kunst-)Projekten, parallel zum Start der Ausstellung wird auch das Album „12 Conversations“ mit 17 unveröffentlichten Tracks veröffentlicht, die der japanische Künstler zusammen mit Alva Noto (Carsten Nicolai) noch zu Lebzeiten aufgenommen hatte. Zwischen elegisch flimmernd und rätselhaft verstörend, zwischen Ambient und haarscharf am Kitsch der Neoklassik vorbeischlitterndem Impressionismus sind Sakamotos Pianoskulpturen und die oftmals mikrotonalen elektronischen Interludes des Berliner Künstlers Nicolai konstruiert. Mittendrin erhebt die Sängerin Emma Maeda ihre Stimme und deklamiert Rainer-Maria Rilkes Prosa „Ur-Geräusch“, die Geschichte eines Lehrers, der ein Grammophon im Unterricht bauen lässt, mit hauchzarter Stimme.

Eine ähnlich gelagerte Zusammenarbeit von Nicolai und Sakamoto, „Endo Exo“, findet sich in der Berliner Ausstellung. Zu den Klängen von Sakamotos Klavier werden Bilder von ausgestopften Vögeln und Amphibien eingeblendet. Man fühlt sich an den spanischen Philosophen José Ortega y Gasset erinnert, der die ästhetische Sinnlichkeit der Gegenwart von der Kunst der Vergangenheit unterschied und beide Dimensionen zusammen als bereichernd empfand. In den Kunstwerken von Sakamoto schwingt die Geschichte mit, aber sie verstellt nicht den Blick.

„Zum Fluss laufen“, ist die chinesische Umschreibung für den Akt des Sterbens. Sakamoto, der um seine schwere Krebserkrankung kein Geheimnis machte, nahm die eigene Vergänglichkeit zum Anlass, um Kunst für die Ewigkeit zu erschaffen, aber auf die für ihn typisch bedächtige Weise.

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