4-Stunden-Musk-Doku in Venedig: Hier spricht die Simulation
Dokumentarfilmer Alex Gibney zeichnet bei den Filmfestspielen von Venedig ein Porträt von Elon Musk. Es ist unheimlicher als die Gothic-Geschichte von Regisseur Casey Affleck.
Am Anfang steht das Ende. Ein Erdball, genauer die Computeranimation eines Erdballs. Aus dem Off die Stimme des Unternehmers Elon Musk, der von seiner Faszination für Simulationen spricht, und der Wahrscheinlichkeit, dass wir selbst in einer Simulation leben. Von da springt er zur Idee einer Vielzahl von Simulationen unserer Wirklichkeit, bei denen für ihn ganz selbstverständlich ist, dass nur die beste von ihnen „überlebt“. In dem Augenblick explodiert der Erdball.
„Musk“ nennt sich der Dokumentarfilm von Alex Gibney, der in Venedig außer Konkurrenz läuft und in dem der Regisseur über vier Stunden den Werdegang des vorübergehend reichsten Menschen der Welt nachzeichnet. Schon in der Eingangssequenz mit den Simulationen sieht man Musk im Bild, in einer seltsam glänzenden Lederjacke auf einem Sci-Fi-artigen Sessel sitzend. Auch sein Gesicht hat etwas seltsam Unnatürliches.
Gibney erklärt den Grund für diese künstliche Anmutung. Für sein Projekt hat er selbstverständlich Musk kontaktiert, um ein Interview mit ihm zu bekommen. Musk lehnte ab. Darauf entschied sich Gibney für einen Ansatz, der zum Gegenstand seines Films zumindest konzeptuell gut passt. Er verwendete eine Vielzahl von Statements, die Musk im Internet schriftlich auf X gemacht hat. Diese lässt Gibney in Ermangelung des echten Musks vom artifiziellen Musk sprechen. Ästhetisch ist das gewöhnungsbedürftig.
Erfreulicherweise gibt es reichlich Archivmaterial mit Musk, zudem hat Gibney noch andere Menschen als Interviewpartner angefragt, darunter seine erste Frau Justine Musk, die Influencerin Ashley St. Clair, verschiedene ehemalige Geschäftspartner von Tesla bis SpaceX und eine Reihe von Journalisten. Gibney erinnert an Stationen in Musks Leben, die das Bild des von Erfolg gesegneten Überunternehmers zurechtrücken.
Viele seiner Firmen hatten keinen oder zumindest anfangs keinen Erfolg, dank seines Egos gelang es ihm jedoch, immer wieder seinen Wert zu steigern. Das auch mit sehr unsauberen Mitteln. So setzte Musk einen der eigentlichen Firmengründer von Tesla, Martin Eberhard, nach einigen Jahren vor die Tür, um selbst als Gründer in Erscheinung zu treten und so seinen Marktwert zu erhöhen.
Ein „Heer“ aus eigenen Kindern
Besonders irritieren unheimliche Aspekte wie der, dass Musk verschiedensten Frauen anbietet, mit ihm ein Kind zu bekommen, mit dem Ziel, „Legion“ zu werden, seine eigenen Gene zu verbreiten, um damit ein „Heer“ zu schaffen. Die Mütter behandelt er nach erfolgter Reproduktion mitunter, gelinde gesagt, sehr respektlos, so auch die Musikerin Grimes, mit der Musk drei Kinder hat. Ein Sorgerechtsstreit war ein Nachspiel ihrer Beziehung.
Gibney schafft so ein verstörendes Bild eines Machtmannes, den einzelne Menschen herzlich wenig interessieren. Sein Zwischenspiel in der Trump-Regierung als Chefeinsparer bei staatlichen Ausgaben legt davon ausgiebig Zeugnis ab. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt kommen indirekt ebenfalls vor.
Unheimlich ist auch der Stoff, den der Schauspieler Casey Affleck in seiner dritten Regiarbeit erzählt, dem Wettbewerbsfilm „Company“. Auf drei Ebenen recht verschachtelt erzählt, spielen darin verschiedene schwarz gewandete Figuren eine Rolle, die zu verschiedenen Zeitpunkten im 19. und 20. Jahrhundert vor der Haustür fremder Leute auftauchen und ihren überraschten Gastgebern eine Geschichte erzählen, wobei jede weitere Ebene zur ursprünglichen Geschichte dazugehört. Hier ist alles auf wundersame Weise verbunden, wie, begreift man erst recht spät. Spuk gehört dazu, winterliche Landschaften und Menschen, die sich ihrer eigenen Wünsche oft nicht bewusst sind. Ein Rätsel, das einen am Grübeln hält.
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