Proteste nach Wahlen in Sachsen-Anhalt: Zwischen Enttäuschung und Entschlossenheit
Vor der Landesvertretung Sachsen-Anhalts in Berlin demonstrieren am Sonntagabend mehrere hundert Menschen – sie fordern erneut ein Verbot der AfD.
Foto: Gustav Cattapan
Einmal pro Woche erklingt mitten im Regierungsviertel ein Mix aus Bachata, Salsa und Cumbia. Auch an diesem Sonntagabend tanzen vor dem erleuchteten Bundestag an der Marschallbrücke mehrere Dutzend Paare. Diesmal hat sich ein Mannschaftswagen der Polizei dazugesellt.
Denn nur wenige hundert Meter weiter haben sich laut Angaben des Veranstalters 300 bis 400 Menschen vor der Landesvertretung Sachsen-Anhalt versammelt. Auf dem Weg dorthin mischt sich die lateinamerikanische Musik mit „Alerta“-Sprechchören. Ein großes Polizeiaufgebot hat einen Teil der Luisenstraße abgesperrt.
Cornelia Kerth
Zur Kundgebung aufgerufen hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Zwischen „Refugees Welcome“-Schildern und schwarzen Antifa-Fahnen wird ein großes Banner gehalten, das ein sofortiges AfD-Verbot fordert. „An so einem Abend ist es ganz schwierig, alleine zu Hause zu sitzen“, sagt Cornelia Kerth, die Vorsitzende der VVN-BdA. „Wir wollen ein Zeichen senden, dass dieses Wahlergebnis nicht das Ende des Antifaschismus bedeutet.“
Auch Sprecherinnen von „Widersetzen“ und „AfD-Verbot jetzt“ halten Reden, spontan kommt auch jemand aus der LGBTQIA+-Community mit einer großen Trans-Flagge zu Wort. Gestört werden sie dabei vom Rattern der S-Bahn und zwei lauten und aufgeregten rechten Streamern, die mit Kameras und unter viel Polizeischutz die Demonstrantinnen filmen. Neben ihnen hat auch der Axel-Springer-Verlag ein Kamerateam vor Ort.
Regenschirme werden aufgespannt, um sich vor den rechten Bloggern zu verstecken, die ein oder andere Corona-Maske erhält eine neue Verwendung. „Die wollen unsere Gesichter abfilmen und uns als Feinde markieren“, sagt Cornelia Kerth. „Der Tenor bei uns allen ist heute Abend eine Mischung aus Enttäuschung darüber, dass so viele Menschen einer im Kern rechtsextremen Partei ihre Stimme gegeben haben“, so Kerth, „und aus der Überzeugung, dass es jetzt gilt, den Faschismus entschlossener zu bekämpfen.“
Forderung eines sofortigen AfD-Verbots
Die Kundgebung endet mit lauter Punkmusik direkt vor der Polizeikette. Die rechten Blogger und das Springer-Team filmen noch etwas. Als die Transparente eingerollt werden, haben auch sie keine Lust mehr. Auch die letzten Antifas machen sich auf den Heimweg, die Polizei räumt ihre Zäune zusammen.
Cornelia Kerth beendet den Abend mit einem Zitat von Hape Kerkeling. Der könne es besser sagen als irgendwelche Politiker*innen: „Eigentlich strebt doch der Mensch danach, dass es ihm besser geht. Im Moment scheint es mir aber, dass es vielen Menschen reicht, wenn es den anderen schlechter geht. Dass sie sich dann besser fühlen. Und das ist eine ganz schlimme Tendenz. Da fängt Faschismus an.“ Genau das sei heute Abend bei der Wahl in Sachsen-Anhalt passiert.
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