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Hitze in IsraelGefährliche Bräune

In Israel sonnen sich viele junge Menschen zu den gefährlichsten Stunden des Tages für schnelle Bräune. Über den Trend „Tanmaxxing“.

E in Nachmittag Anfang September, 14 Uhr. Am Strand von Tel Aviv brutzeln die bronzefarbenen Körper junger Frauen und Männer langsam, doch zuverlässig unter einer strahlenden Sonne. Weit und breit keine Wolke in Sicht, leichte Brise.

Hitzschlag

Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz. Bisher erschienen:

Schwarzer Humor im Libanon

Hundstage in Südkorea

Wie eine Wüstenstadt in den USA die Hitze bekämpft

Japans kreative Hitze-Gadgets

Randmeldungen in Italien.

Angst vor den Bränden in Kroatien

In Irland sind schon 25 Grad Hitze

Flucht ans Meer in der Türkei.

Lernerfolge in Skandivien

Hitzestau in Österreich

Volle Saunen in Uganda

Wasserknappheit in den Niederlanden

Sommerhitze in der Ukraine

[Link auf Beitrag 8629168]Rekordhitze in Nordafrika

Wellen rauschen in rhythmischen Abständen, brechen sich sanft am Ufer. Unweit des Wassers sitzen drei langhaarige Frauen auf ihren Handtüchern, ihre grellen Bikinis leuchten in der Sonne. Eigentlich sollte man bei einem UV-Index 9 nicht unbedeckt am Strand sitzen, sondern irgendwo im Schatten. Mit Sonnenbrille, langärmligem Hemd und Kopfbedeckung. Und am besten mit einer Sonnenschutzlotion mit Schutzfaktor 30 bis 50 auf der Haut.

Den Index haben kanadische Wissenschaftler Anfang der 1990er Jahre erdacht, um vor den Gefahren von UV-Strahlung zu warnen. Heute dient er in Israel vor allem jungen Menschen dazu, sich effizient und bräunungssicher genau dieser auszusetzen.

Wenn ich Krebs bekomme, dann wegen der Zigaretten, nicht wegen der Sonne

Rona, 21, am Strand von Tel Aviv

„Tanmaxxing“ ist vor allem unter jüngeren Generationen auf dem Vormarsch. Schnell in die Sonne, wenn sie am höchsten steht. Teilweise ohne Sonnenschutz, um in kürzester Zeit braun zu werden.

„Ist immer noch Index 9? Toll!“, ruft die 21-jährige Rona enthusiastisch. Die Sonne brennt auf der Haut, der Sand glüht unter den Füßen. Zwei, drei Stunden wollen die Freundinnen bleiben. Mit Bräunungslotion, doch ohne Schutzfaktor. Sorgen vor den gesundheitlichen Folgen dieser Sonnenorgie schütteln sie so gekonnt weg wie die Sandkörner von ihren Liegetüchern. „Es ist absolut gefährlich, aber ich sage dir eins: Ich rauche auch. Wenn ich Krebs bekomme, dann wegen der Zigaretten, nicht wegen der Sonne.“

Dabei betonen Haut­ärz­t:in­nen in Israel so wie überall sonst auf der Welt, dass die Bräune, wie sie in der westlichen Welt noch immer als schön und gesund gilt, eher ein Hilfeschrei der obersten Hautschicht ist – und späteren Jahren Hautkrebs begünstigt. Kinderhautärztin Efrat Bar-Ilan ereiferte sich kürzlich in der israelischen Zeitung Times of Israel über den Teenagertrend: „Sie wissen, dass UV-Strahlung schädlich ist, aber sie können das langfristige Gesundheitsrisiko nicht begreifen. Sie wollen einfach die sofortige Bräune, den sofortigen Glow. Jeder will braun sein.“ Tiktok und Apps zeigen, wie das geht.

Intensives Sonnen als Lebensgefühl

Etwas weiter am Strand liegen zwei andere junge Frauen in der Sonne. Eine hat blonde Haare und porzellanfarbene Haut, die andere ist schon etwas dunkler gebräunt. Nur eine Stunde wollen sie bleiben, über die Gefahren wissen sie Bescheid. „Wir benutzen aber immer Creme mit Schutzfaktor 50“, sagt eine rechtfertigend. Es sei „Teil des Lebens“, in der Sonne zu liegen.

Nicht alle machen beim Trend mit. Vier junge Männer, die etwas weiter hinten unter einem improvisierten Zelt sitzen, wollen nichts davon wissen. „Ich gehe an den Strand, um Spaß zu haben, nicht für die Bräune“, sagt einer, der aber dafür verdächtig bronzefarben aussieht.

In Tel Aviv scheint die Sonne vier Monate lang nahezu jeden Tag, die Temperaturen schwanken zwischen 28 und 33 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent. Das Jahr 2025 galt als eines der wärmsten in der Geschichte des Landes, mit fast 50 Grad im Jordantal.

Klimapolitik? Nebensache

Gegen die zunehmende Hitze arbeiten vor allem die Klimaanlagen, jeder Gang in den Supermarkt gleicht einer Mission an den Nordpol. Das Betreten der städtischen Busse ist wie ein Gang in Eiskönigin Elsas Schloss.

Dabei tragen genau solche Klimaanlagen zu der globalen Erwärmung bei, die sie bekämpfen sollten. Israel landete 2024 laut einer EU-Studie auf dem 55. Platz weltweit beim CO2-Ausstoß. Vor allem Industrie und Verkehr sind daran schuld. Die Regierung wollte bis 2026 die Kohleverstromung einstellen und bis 2030 die Einfuhr von Autos mit Verbrennungsmotor stoppen. Das erste Ziel wurde verschoben, das zweite wird voraussichtlich verfehlt. Der Fokus liegt gerade eher auf den regionalen Kriegen. Die die globale Erwärmung weiter anheizen.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Serena Bilanceri

Serena Bilanceri Autorin

Freie Auslandskorrespondentin für Jordanien und den Nahen Osten. Jahrgang 1983, lebt in Bremen und Amman. 2020 erhielt sie ein IJP-Stipendium. Seitdem berichtet sie u.a. über soziale Themen, Menschenrechte und Politik in Nahost. Geboren in Pisa, hat sie in Deutschland, Spanien, Großbritannien und Italien studiert.
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