Die Wahrheit: Sei’s trumm
Die gerade installierte Neue Sternbrücke entzweit Hamburg und hat in der Hansestadt einen schweren Brückenschaden angerichtet.
S eit der Hinrichtung Störtebekers hat die Hamburger nichts mehr so polarisiert wie die Neue Sternbrücke. Während die einen die unlängst installierte Bahnquerung zwischen Hauptbahnhof und Altona als elegantes, das Stadtbild völlig neu prägendes Bauwerk feiern, zeigen sich andere zutiefst enttäuscht von dem stählernen Monster.
Vor allem Anwohner sind entsetzt über die quasi geköpfte Identität ihres Stadtteils. Sie spüren ein nagendes Gefühl der Entfremdung, sind von einem regelrechten Brückenschock erfasst, wähnen sich wie erschlagen von der gewaltigen Konstruktion. Entsprechend betrübt ist die Stimmung im Kiez. Verzweiflung und Langzeittraumata drohen.
Die bisherige, fast 1.000 Jahre alte Brücke hatte wenigstens noch Charakter. So hutzelig, so pittoresk wie alles hier. Die neue aber ist einfach nur stahlglatt und überdimensioniert. So hört man jetzt die Heimeligen seufzen – und irgendwo bellt ein Hund. Sein Herrchen will das Brückentrumm am liebsten gar nicht mehr schauen, macht jetzt immer weite Umwege beim Gassigehen.
Besonders schwer trifft es jene, die jahrelang gegen den kühnen Brückenschlag über eine der absurdesten Hamburger Straßenkreuzungen agitierten; das eigentliche Monster, wie man angesichts der knapp zwei Millionen Autos, die diese Kreuzung täglich belärmen, anmerken könnte. Hätte man nicht eher dagegen aufbegehren müssen? Schließlich machte das Straßenungetüm den gewagten Stahlbau darüber erst nötig.
Selbsthilfegruppen im Viertel
Unterdessen haben sich im Viertel Selbsthilfegruppen gebildet. Man trifft sich bei Flaschenbier und gitarrenbegleitetem Jungsgesang, um die gute alte Zeit zu beschwören. Eine Zeit, in der noch die gute alte Eisenbahnbrücke stand. Die man so sehr liebte, weil man sie kannte und unter ihr so krass abfeiern konnte. Weil ihre Nieten gleichsam die Seelen der Community spiegelten und ihre ehernen Stützen das Rückgrat der Szene. Dass auch diese alte Brücke irgendwann mal eine neue war, wird nicht vertieft.
Sei’s trumm. Der Brückenschaden ist nun angerichtet, die Gegend auf ewig verhunzt. Da helfen auch so quasitherapeutische Maßnahmen nichts, wie sie die Brückenverantwortlichen plötzlich anzetteln. Während der zuständige Senator anregt, den stählernen Koloss mit seinen aufragenden Bögen hinter einer rundum deutlich höheren Neubebauung zu verstecken, erwägt die Bahn, ihrem ungeliebten Stahlwerk durch eine möglichst kiezkonforme Deko mehr Akzeptanz zu verpassen; vielleicht indem man es schon vorab mit diesen typisch krustenen Ablagerungen verzieren lässt, ehe das gänzlich unkontrolliert die Tauben erledigen?
Statt die Zukunft durch Übertünchung des Fortschritts einfach auszublenden, setzen wir Neue-Sternbrücken-Fans eher auf die hierzulande allerdings nicht sehr verbreitete Einsicht, dass sich auch das allerliebste Dorf gelegentlich verändern muss. Sogar dann, wenn man das vom eigenen Küchenfenster aus mit ansehen muss.
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