Nach Angriff auf CSD: Welche Rolle spielte der Libanon?
Der Angreifer Abdul B. reiste laut Staatsanwaltschaft im Mai vergangenen Jahres in den Libanon. Rekrutierte ihn dort die Terrorgruppe Islamischer Staat?
Foto: Marwan Tahtah/getty images
Nach dem gewaltsamen Angriff auf den Berliner CSD stellt sich die Frage, welche Rolle der Libanon bei der Radikalisierung des Tatverdächtigen spielte.
Der Deutsch-Libanese Abdul B. war am Samstag mit einem Transporter in die feiernde Menschenmenge gerast und hatte so eine Frau getötet und 29 weitere Menschen verletzt. Er sympathisierte mit dem Islamischen Staat (IS): einer sunnitischen Terrororganisation, auch „Daesch“ genannt.
Auch im Libanon ist der IS aktiv. Dort flog erst kürzlich der 32-jährige H. R. auf. Der Syrer hatte unauffällig in einer Wohnung in der libanesischen Hauptstadt Beirut gelebt. Von dort koordinierte er als „IS-Emir“ Kommunikationsnetzwerke der radikal-islamistischen Gruppe. Er war hochrangiger regionaler Kommandeur und plante Anschläge in Syrien.
Libanons Geheimdienst kam ihm auf die Schliche. Am 30. Juni stürmten Sicherheitskräfte seine Wohnung und nahmen ihn fest. Die Behörden beschlagnahmten seinen Computer. Darauf fanden sie Pläne für einen Angriff auf eine syrische Militäreinrichtung in Dara’a in Süd-Syrien.
Ob H. R. und der Berliner Attentäter Abdul B. sich jemals begegnet sind, ist unklar, aber möglich. Laut Staatsanwaltschaft Berlin soll B. zu mehreren Personen Kontakt aufgenommen haben, die er für Daesch-Mitglieder hielt. Am 24. Juli 2025 wurde er im Libanon verhaftet, vor ein Militärgericht gestellt und für drei Monate inhaftiert.
Verurteilte wurde er unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten. Nach seiner Entlassung reiste Abdul B. am 17. November 2025 zurück nach Deutschland. Am Flughafen in Berlin ließ ihn die Generalstaatsanwaltschaft Berlin wegen eines Haftbefehls des Amtsgerichts Tiergarten festnehmen. Bis zum Urteil saß er in Untersuchungshaft.
Auf taz-Anfrage antwortete das libanesische Militär, es habe zu dem Fall nichts zu sagen. Das zuständige Militärgericht hält Akten unter Verschluss und verhandelt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Richter sind meist ehemalige Militär-Angehörige. Menschenrechtsorganisationen kritisieren intransparente Verfahren.
Was sucht ein Schiit beim sunnitischen IS?
Zwar sind seine Eltern libanesischstämmig, doch allein deshalb scheint der Libanon nicht relevant für B.s Radikalisierung gewesen zu sein, sondern eher als Transitland auf dem Weg zum IS in Syrien. Sein Vater soll dem Spiegel gesagt haben, die Familie, Muslime aus dem Libanon, sei schiitisch geprägt. Der Daesch aber ist eine sunnitische, salafistische Gruppe, die sich seit seiner Gründung gegen Schiiten im Libanon stellt – allem voran mit Anschlägen im Jahr 2014 in Süd-Beirut, wo die schiitische Hisbollah politisch stärkste Kraft ist.
Nach der Ermordung des Hisbollah-Chefs im Libanon, Hassan Nasrallah, im September 2024 hieß es in einer IS-Zeitschrift, dass Sunniten nicht um Schiiten trauern sollten. Die gläubigen Sunniten sollten sich auf eine Art Endkampf mit Schiiten vorbereiten, so die Propaganda.
Laut Abdul B.s Vater habe „Gehirnwäsche“ seinen Sohn zu der Terrortruppe getrieben. Experten halten dagegen: Nicht Psychopathen oder „Gehirngewaschene“ schließen sich dem Daesch an, „sondern ganz normale junge Menschen im sozialen Umbruch, am Rande der Gesellschaft oder in einer Identitätskrise“, wie der amerikanische Psychiater Omar Sultan Haque schrieb. In der Hochphase des Daesch analysierte der Forscher aus Harvard, warum Menschen aus reichen westlichen Ländern von der radikalen Gruppe angezogen werden. Besonders gefährdet seien einsame, jugendliche Außenseiter.
Laut Issam al-Absi, Sicherheits-Experte im Libanon, seien Daesch-Mitglieder im Libanon der Führung der Gruppe in Syrien unterstellt. Diese sei für die Planung verantwortlich, während libanesische Zellen lokale Operationen in Koordination durchführen. Daesch rekrutiere Mitglieder, indem die Gruppe „soziale Marginalisierung, Gefühle der Ausgrenzung, familiäre Bindungen“ ausnutze und „geschlossene Netzwerke, Gefängnisse und verschlüsselte digitale Plattformen“ nutze, so al-Absi zum „Middle East Broadcasting Network“. Abdul B. soll über Telegram den Kontakt zu Daesch-Mitgliedern im Libanon gehabt haben.
Wie steht es aktuell um den IS?
Der Daesch galt in Syrien und Irak als besiegt. Einzelne Zellen in Syrien erstarken seit dem Fall des Assad-Regimes. Sie verüben Angriffe gegen Sicherheitskräfte im Norden, zuletzt vermehrt Anschläge in Damaskus. Das UN-Generalsekretariat warnt, dass der Daesch weiter ausländische Kämpfer rekrutiert. Es gebe rund 3.000 Kämpfer im Irak und in Syrien.
Sicherheitsbehörden in Beirut verweisen auf vereinzelte Anti-Terror-Einsätze als Beweis für einen angeblich funktionierenden Sicherheitsapparat. Im Dezember 2024 nahm Libanons Militär Abu Saeed al-Shami fest, Anführer der proklamierten Provinz Libanon. Im Juni 2025 nahmen die Sicherheitsbehörden seinen Nachfolger fest. Im Juli 2025 verhaftete der Geheimdienst des libanesischen Militärs drei Bürger, die eine IS-unterstützende Zelle bildeten und Angriffe auf Militärposten planten.
Deutschland unterstützt das libanesische Militär bei der Sicherung seiner Land- und Seegrenzen gegen illegalisierte Grenzübertritte. Die Bundesregierung stellt Personal und Geld für Grenzmanagement und verstärkte Migrationskontrolle bereit.
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