Nach Verlegung von Gaza-Veranstaltung: Ist die humanitäre Hilfe in Gaza neutral genug?
Eine Veranstaltung an der Uniklinik Köln wurde aus Neutralitätsgründen abgesagt. Jetzt fand sie an der benachbarten Uni statt. Wie neutral war sie?
Foto: Abdel Kareem Hana/ap
Dass Sicherheitspersonal bei einer ihrer Veranstaltungen anwesend ist, war Anica Heinlein bisher auch noch nicht passiert. Doch hier, vor dem Hörsaal C an der Universität zu Köln, stehen drei Menschen in Westen mit der Aufschrift „Security“. In wenigen Minuten wird Heinlein, die Vorsitzende des Verbands Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (Venro) ist, im Saal über die humanitäre Lage in Gaza sprechen. Und die drei Sicherheitskräfte außerhalb darauf achten, dass nichts passiert.
Das vorab: Bei der Veranstaltung an diesem Donnerstagabend in der Kölner Uni mit dem Titel „Gaza – Humanitäre Situation und Möglichkeiten der medizinischen Hilfeleistung“ musste der Sicherheitsdienst nicht eingreifen. Dass die Universität ihn dennoch einsetzte, hatte eine Vorgeschichte.
Eigentlich hätte die Veranstaltung nämlich schon am 2. Juli stattfinden sollen, ein paar Meter entfernt in der Uniklinik. Dort hat der Anmelder, die Kölner Regionalgruppe von Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), schon häufiger getagt, außerdem war der Gruppenvorsitzende Uwe Trieschmann dort Oberarzt. Doch die Uniklinik sagte die Veranstaltung ab.
Trieschmann findet das einen Skandal, sagt er. Nicht nur die Absage stößt ihm auf, sondern auch die Begründung der Uniklinik. Diese erklärt auf taz-Anfrage: „Die Uniklinik Köln ist zu politischer Neutralität verpflichtet.“ Deswegen habe man IPPNW keine Genehmigung für die Veranstaltung erteilt und die Reservierung des dafür vorgesehenen Raums storniert. Was genau Neutralität bedeutet, erklärte die Uniklinik auf Nachfrage nicht.
Helfer berichten: Kaum Hilfsgüter für Gaza
Humanitäre Hilfe im Sinne des hippokratischen Eids sei eine zentrale Aufgabe aller Ärzt*innen, findet Trieschmann. Als die rund 150 Zuhörer*innen im Hörsaal Platz genommen haben, spricht er das und die Vorgeschichte aber nur mit „einem kurzen Wort“ an. Viel wichtiger sei ihm nämlich, was seine Nachredner*innen zu sagen haben.
So berichtet die Venro-Vorsitzende Heinlein von ihren Erfahrungen mit NGOs, die Hilfsgüter, darunter medizinisches Material, nach Gaza bringen wollen, das aber kaum können. So sei das Geschehen im Gazastreifen der „weltweit tödlichste Konflikt für humanitäres Personal“. Von den dort lebenden Menschen ganz zu schweigen.
Der Israel-Palästina-Konflikt wird vor allem in linken Kreisen kontrovers diskutiert. Auch in der taz existieren dazu teils grundverschiedene Positionen. In diesem Schwerpunkt finden Sie alle Kommentare und Debattenbeiträge zum Thema „Nahost“.
Nach Heinlein spricht Abed Schokry. Er ist Ingenieur, kommt aus Gaza und kennt die Lage der humanitären Versorgung vor Ort genau. Auch er betont, dass kaum Hilfsmittel in die Region gelangen – weil das israelische Militär an der Grenze zu Gaza beinahe unüberwindbare Hürden an Hilfsorganisationen stellt, sowohl physisch als auch administrativ.
Daraus folge, laut Schokry, dass zum Beispiel Krankenhäuser in Gaza – wenn sie denn im Einsatz sind – keine sterilen Orte der Heilung seien, sondern überfüllte Gebäude, in denen es nach Wunden und Infektionen rieche, und zwar nach unbehandelten, weil die medizinischen Güter fehlten. Dabei seien die sichtbaren Wunden nicht das einzige Problem. Es gebe auch „diese Verletzungen, die kein Röntgenbild erfassen kann“, so Schokry, jene an der Seele.
Vermeidbare Todesfälle
Umso wichtiger sei es ihm, die Bedeutung von humanitärer Hilfe hervorzuheben. „Sie darf kein politisches Pfand sein“, sagte er. Denn das Einzige, was im Gazastreifen aktuell helfen würde, sei eine unbeschränkte Zufuhr von Hilfsgütern.
Dass diese Hilfe eigentlich möglich wäre, betont der dritte und letzte Redner des Abends, Aladin Atalla. Er ist App- und KI-Entwickler. Rund 70 seiner Verwandten seien in Gaza getötet worden. Einige von ihnen, darunter seine Oma, seien wegen fehlender Medikamente gestorben. Unter normalen Bedingungen hätte ihnen also geholfen werden können.
Doch Atalla will nicht nur von seinem persönlichen Schicksal berichten, sondern auch von Möglichkeiten, etwas zu tun. So setzt er sich dafür ein, dass speziell verwundete Kinder – mit ihren Eltern, das ist ihm wichtig – aus Gaza rauskommen können, um anderswo in ausgestatteten Krankenhäusern behandelt zu werden.
Bevor er Fragen aus dem Publikum aufnimmt, sagt Trieschmann, dass er die Sache mit der Absage jetzt wirklich nicht diskutieren wolle, auch nicht darüber sprechen, was neutral eigentlich bedeute. Sondern über die Sache. Ganz neutral eben.
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