Literaturpreis für Graswurzel-Lyrik: Die Poesie des Lieferfahrers
Der chinesische Essenslieferant Wang Jibing erhält für seine Gedichte den renommierten chinesischen Lu-Xun-Literaturpreis. Das ist ein echtes Novum.
Es ist ein Aufbruch im Wortsinn: Erstmals in der Geschichte des renommierten chinesischen Lu-Xun-Literaturpreises wird ein nicht professioneller Autor geehrt. Für seinen Gedichtband „Tiefflug“ hat der 56-jährige Essenslieferant Wang Jibing den von der chinesischen Schriftstellervereinigung verliehenen Preis bekommen. Benannt ist er nach Lu Xun (1881–1936), der als Begründer der modernen chinesischen Literatur gilt.
Wobei „Tiefflug“, so berichtet die chinesische Global Times, nicht Wang Jibings Erstling ist: Seit rund zehn Jahren veröffentlicht er Texte auf Social Media. 2022 ging sein Gedicht „Mann in Eile“ online viral. Es basiert auf jenem Tag, an dem er auf der Suche nach einer falsch eingegebenen Adresse stundenlang durch die Stadt irrte. 2023 erschien dann seine gleichnamige Gedichtsammlung, Untertitel: „Gedichte eines Essenslieferanten“.
Sein jetzt preisgekröntes Gedicht „Tiefflug“ – der Bezug zu Hektik und Körperhaltung seines Berufs ist offenkundig – gehört zu einer 2024 edierten Sammlung und basiert laut BBC auf 200 Interviews mit Kollegen. Eine Graswurzelliteratur, wie sie authentischer nicht sein kann. Zugleich ist das ein Politikum, repräsentieren diese Menschen doch die Kehrseite der Gig-Economy – der Plattform-Wirtschaft, die mit kurzfristigen Aufträgen an „flexible“ Dienstleiter arbeitet.
Graswurzel-Stimmen werden lauter
Wobei die Stimmen dieser Marginalisierten in den letzten Jahren hörbarer werden und sich in Chinas Literatur zu behaupten beginnen, vom Publikum hoch gefeiert. Manche nennen es gar historische Transformation der literarischen Welt von den „großen Narrativen“ zu realistischen Geschichten der „kleinen Leute“. Deren Grundhaltung ist keineswegs larmoyant; vielmehr verseht sich diese Literatur als lebensnah und dokumentarisch.
„Jeder gewöhnliche Mensch hat sein einzigartiges Strahlen“, sagt Wang Jibing. „Auch unsere triviale Brillanz kann den literarischen Himmel erhellen.“ Er, der aus Geldnot die Schule früh abbrach, eine Zeitlang Müll sammelte, auf dem Bau und als Straßenhändler arbeitete, ist gern Lieferfahrer und will erst in ein paar Jahren aufhören, wenn er 60 ist. „Ich liebe die Stimmung dieser Arbeit, und sie hält mich fit“, hat er der BBC gesagt. „Ich möchte ein bodenständiges Leben führen. Die Auszeichnung wird niemals ändern, wer ich bin.“ Oder, wie er es in einem Gedicht formuliert: „Wer sagt, dass Flügel-Ausbreiten bedeutet, hoch zu fliegen? Auch Tiefflug ist Fliegen.“
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