Ausstellung „Inventing Queer Cinema“: Mehr schwules als lesbisches Kino
Die Deutschen Kinemathek in Berlin zeigt zum ersten Mal eine Ausstellung zum queeren Kino. Ihr Kern ist das Archiv des queeren Filmverleihs Salzgeber.
Foto: Salzgeber
Meterlang hängen Stahlseile mit Abbildungen aus vielen Jahrzehnten queerem Kino von der Decke in der Halle des ehemaligen Umspannwerks, das seit letztem Jahr als Übergangsdomizil der Deutschen Kinemathek dient. „Inventing Queer Cinema“ – noch knapp zwei Monate lang widmet die Kinemathek zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Ausstellung explizit dem queeren Kino. Am Eingang der Halle fächert sich auf mehreren Etagen, teils etwas versteckt in Schubladen, ein kleiner Ausschnitt des Reichtums an Archivalien und historischen Filmkostümen auf, der die lange Geschichte des queeren Films bis zurück ins Kaiserreich skizziert.
Kern der Ausstellung ist jedoch das Archiv des Berliner queeren Filmverleihs Salzgeber, das parallel an die Deutsche Kinemathek übergeben wird. Dessen Leiter Björn Koll zeichnet – gemeinsam mit Nils Warnecke, Kristina Jaspers und Georg Simbeni von der Deutschen Kinemathek – für die Kuratierung der Ausstellung verantwortlich. Entsprechend ist es denn auch in erster Linie der Kosmos des Verleihs, der in der Ausstellung gezeigt wird. Von dem Gründungsfilm des Verleihs, Arthur J. Bressan Jr.s „Buddies“ von 1985, dem ersten Film über die Aids-Epidemie der 1980er Jahre, bis in die Gegenwart des Verleihs reichen die Exponate und Filmausschnitte.
Während die große Halle mit Filmausschnitten und Reproduktionen auf Bildtafeln grundsätzlich dafür da ist, einen Überblick zu geben, gibt es zwei Vertiefungsoptionen: die Manfred-Box und die Fernseh-Box. In Ersterer ist Manfred Salzgeber, der Gründer des Verleihs, mit einer „Einführung in die queere Filmgeschichte“ von 1993 zu sehen. Daneben laufen Interviews mit Weggefährt_innen, darunter der vor wenigen Tagen verstorbene ehemalige Berlinale-Leiter Moritz de Hadeln. Ergänzt werden die Exponate in der großen Halle durch eine Schatzkammer, im ehemaligen Schaltwerk des Gebäudes, die kleinteiligere Ausstellungstücke zeigt. An Objekten wie dem Adressbuch von Manfred Salzgeber wird nicht zuletzt dessen Vernetzung sichtbar.
„Inventing Queer Cinema“. Deutsche Kinemathek, Berlin. Noch bis 13. September
Doch die eigentliche Besonderheit von „Inventing Queer Cinema“ ist, dass die Vielfalt queeren Kinos im Begleitprogramm noch stärker sichtbar wird als in der Ausstellung selbst. Im kleinen Studiokino, das von der Ausstellung aus frei zugänglich ist, laufen jeweils von Donnerstag bis Sonntag viermal täglich Filme. Insgesamt 96 Filme laden dazu ein, queere Filmgeschichte in großer Vielfalt zu entdecken oder wiederzusehen.
Queerer Aktivismus in der Filmbranche
Damit nicht genug. Bis Ende August läuft noch die Reihe mit Gesprächsformaten, die der Kurator Toby Ashraf begleitend zur Ausstellung organisiert hat. Diesen Freitag sind ab 19 Uhr Vertreter*innen der Queer Media Society, von #ActOut, Jünglinge und dem Hauptverband Cinephilie zu Gast und sprechen über queeren Aktivismus in der Filmbranche.
In einer Fishbowl, einem Gesprächskreis mit allen Teilnehmenden, geht es um Vernetzungen und Hürden für mehr Queerness im (deutschen) Film. In der Woche darauf geht es um „Selbstverständlichkeiten und Rollenverständnisse: Frauen, Männer, Trans* im Film“. Die Schauspieler_innen Thea Ehre, Tucké Royale und Zazie de Paris diskutieren um die Sichtbarkeit von Trans*identität.
„Inventing Queer Cinema“ ist dem etwas irreführenden Titel zum Trotz in erster Linie ein vom Salzgeber-Chef Björn Koll selbst kuratiertes Institutionenporträt des Filmverleihs Salzgeber und erst in zweiter Linie Überblicksausstellung zu queerer Filmgeschichte – als solches jedoch sehenswert. Wie bei jeder Überblicksausstellung wird man auch dünne Stellen finden, so ist entlang der Geschichte von Salzgeber schwules Kino deutlich besser vertreten als lesbisches – eine Schlagseite, die auch das Konzept von queerem Kino in der Ausstellung prägt.
Aber je nach Interesse kann man als Besucher_in vor Ort eigene Schwerpunkte setzen. Am besten, indem man sich vorher zum Beispiel mit dem Filmprogramm vertraut macht und einen der Filme in den Ausstellungsbesuch mit einbaut. Und schon als Begleitprogramm zur Talkreihe muss man dankbar sein, dass es die Ausstellung gibt. Möge es nach dieser ersten viele weitere Ausstellungen der Deutschen Kinemathek zu queerem Kino geben.
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