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Völkische Siedler in NiedersachsenWenn der Verfassungsschutz absurde Schlüsse zieht

Andreas Speit
Kolumne
von Andreas Speit

Niedersachsens Verfassungsschutz schreibt im Bericht 2025, es habe keine Aktivitäten völkischer Siedler gegeben. Das Amt weiß, dass das so nicht stimmt.

D as ist „keine rechtsextreme Veranstaltung“, brüllt eine Frau aus dem Dreiseiten-Hof, „sondern ein Weihnachtsmarkt!“ Im niedersächsischen Masendorf hatte im vergangenen Jahr, wie gewohnt am ersten Advent, eine völkische Familie auf ihren Hof geladen. Bemüht abgeschirmt trafen sich an die 200 Gäste aus rechtsextremen Netzwerken – darunter Aktive der AfD, der Identitären Bewegung (IB) und der Jungen Nationalisten (JN). Sogar ein Mitglied aus dem Bundesvorstand der Jungen Nationalisten ist gekommen, mit Lastenrad und Familie.

Das niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) aber stellt im Jahresbericht 2025 fest: „Im Berichtszeitraum sind keine Aktivitäten von Gruppierungen oder Einzelpersonen im Zusammenhang mit dem Beobachtungsobjekt ‚Völkische Personenzusammenschlüsse/Völkische Siedler in Niedersachsen öffentlich bekannt geworden‘“.

Diese Einschätzung ist für Martin Raabe nicht nachvollziehbar. „Entsetzlich“, sagt der Sprecher von der Gruppe beherzt für Demokratie und Vielfalt“. Seit Jahren wehrt sich die Gruppe in der Region gegen völkische Siedler:innen, die versuchen den ländlichen Raum zu erobern, indem sie weitere Höfe kaufen. Sie verfolgen ihre Aktivitäten – informieren und demonstrieren. Auch beim völkischen Weihnachtmarkt in Masendorf waren sie vor Ort. Erlebten wie Männer mit Regenschirmen Jour­na­lis­t:in­nen bedrängten.

Größte Versammlung der völkisch-nationalistischen Kreise

„Nach unserer Einschätzung dürfte dies die größte bekannte Versammlung der völkisch-nationalistischen Kreise gewesen sein“, sagte Raabe im Dezember 2025 der taz. Ebenfalls 2025 fand ein Hortentreffen der völkischen Gruppe „Sturmvogel“ in Nienburg an der Weser statt, zu dem rechtsextreme Eltern ihre Kinder schicken. Seit Jahren bietet auch die rechtsextreme Organisation Sturmvogel in der Region Fahrten und Lager für Jugendliche an. Und in Bad Bevensen wirken laut Andrea Röpke, Rechtsextremismusexpertin und Journalistin, Völkische bei einem Tauschmarkt mit. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Das Landesamt für Verfassungsschutz blendet die völkischen Siedler im Jahresbericht 2025 nicht aus, sondern geht im Unterkapitel zu Rechtsextremismus vier Seiten lang auf diese Bewegung ein. Auf Nachfrage der taz führt das Amt aus, dass die völkischen Siedler „durch ihre umfängliche Brauchtums- und Gemeinschaftspflege (Sonnenwendfeiern, Fahrten, Lager, Wanderungen, Theater- und Tanzveranstaltungen) zur breiten Vernetzung innerhalb der rechtsextremistischen Szene“ beitrügen und „Eheschließungen“ hier oftmals „ihren Ursprung“ hätten. Doch auf die „Entwicklung des Rechtsextremismus“ hätten sie „keinen prägenden Einfluss“.

Völkische Sied­le­r:in­nen

Völkische Sied­le­r:in­nen sind in den letzten Jahren sichtbarer geworden. Sie sind aber kein junges Phänomen in der rechtsextremen Szene. Die völkische Bewegung formierte sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Ideologie Völkische vertreten ein antisemitisch-rassistisches Weltbild und reaktionäre Geschlechterrollen. Sie glauben an die Existenz einer deutschen Rasse und denken in Jahrhunderten. Im Sinne der nationalsozialistischen Idee von „Blut und Boden“ ziehen Völkische das Leben auf dem Dorf den vermeintlich überfremdeten und globalisierten Städten vor.

Strategie Die meisten Familien haben viele Kinder und tragen die extrem rechte Einstellung über Generationen weiter. Völkische Siedlungen gibt es in ganz Deutschland, meist in dünn besiedelten Gegenden. Neben der Lüneburger Heide sind Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schleswig-Holstein Schwerpunkte. Dort versuchen sie, sich im Dorf zu etablieren – manchmal, indem sie sich als harmlose, alternative Ökos geben.

Zur Einschätzung im Jahresbericht, in Niedersachsen liefen keine völkischen Aktivitäten, könnte geführt haben, dass keine „juristischen relevanten Aktionen“ aufgefallen seien, sagt Raabe. Anders könne er sich das nicht erklären. „Wir erleben sie doch tagtäglich.“ Das niedersächsische Innenministerium hat er bereits um Stellungnahme gebeten.

Dass sich der Verfassungsschutz vor allem auf Parteien und andere feste politische Strukturen konzentriert, führt schon lange dazu, dass der erstarkende Rechtsextremismus im vorpolitischen Raum ausgeblendet wird. Die völkischen Sied­le­r:in­nen wurden jahrzehntelang in den Jahresberichten Verfassungsschutzes nicht erwähnt, blieben so für die Öffentlichkeit unsichtbar.

Der völkische Nationalismus ist jedoch die ideologische Basis der heterogenen rechten Szene. Bis heute pflegen rechtsextreme Kulturnetzwerke, Verlags- und Jugendgruppen diese Weltanschauung. Und aus diesen Netzwerken schöpft die AfD ideologisch geschulte Kader, die in der Partei politische Mandate übernehmen oder als Angestellte arbeiten. Dass die völkischen Sied­le­r:in­nen in Niedersachsen keinen prägenden Einfluss auf Entwicklung des Rechtsextremismus haben sollen, wie der Verfassungsschutz das darstellt, darf mindestens hinterfragt werden.

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Andreas Speit

Andreas Speit Autor

Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
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