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Die Grabgeister warten darauf, dass etwas mit ihnen passiert

Kolumbien fordert von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz antike Skulpturen aus der Nekropole von San Agustín zurück. Sie sind wohl illegal nach Berlin gelangt. Aber es geht um mehr: um unantastbares Kulturgut und indigene Rechte

Von José David Escobar Franco

Der archäologische Park San Agustín in den Anden ist eine Totenstadt mit Hunderten großer Steinskulpturen, sie zählt zu den größten antiken Nekropolen der Welt. Seit vielen Jahren schon bereitet das indigene Volk der Yanakuna, das in dieser Region im Süden Kolumbiens lebt, den Ort ri­tuell auf die Rückkehr von über 20 solcher Grabfiguren vor. Denn jene uralten Grabwächter aus Vulkangestein, halb Mensch, halb Tier, erschaffen zwischen dem 1. und 10. Jahrhundert von einer schamanisch geprägten Gesellschaft, die es schon nicht mehr gab, als die Spanier 1492 in Südamerika ankamen, liegen derzeit 9.450 Kilometer von San Agustín entfernt: im Ethnologischen Museum Berlin. Dass diese Skulpturen fehlen, könne zu einem Ungleichgewicht führen, befürchtet Jair Quinayas von den Yanakuna während eines Gespräch mit der taz. „Die Geister in den Steinen könnten eine Mutter, eine Großmutter oder ein Kind sein“, fügt der Yanakuna-Älteste Segundo Burbano hinzu.

Um diese steinernen Grabwächter aus San Agustín hat sich in den letzten Jahren ein Disput entwickelt zwischen der kolumbianischen Regierung und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), deren Verbund das Ethnologische Museum Berlin angehört. Denn der Verdacht besteht, dass der Ethnologe Konrad Theodor Preuß (1869–1938) sie um 1920 herum illegal in den Besitz der Berliner Museen brachte.

Schon seit Jahrzehnten fordern in Kolumbien zivilgesellschaftliche Initiativen die Grabfiguren zurück, unter anderem die des „Pueblo Escultor“, benannt nach jenem präkolumbianischen Volk, das die Skulpturen von San Agustín hervorgebracht hat. Auch einige der Yanakuna organisieren sich in der Initiative „Pueblo Escultor“. Für sie geht es um mehr als um Besitzfragen. Es geht um ein nationales Kulturgut, mit dem sie sich spirituell verbunden fühlen, und das vor gut 100 Jahren zu Unrecht zertrennt wurde.

2021 stellte die kolumbianische Regierung einen Rückführungsantrag an die SPK, seither wird der Fall verhandelt. Die taz gelangte an einen Briefwechsel zwischen Hermann Parzinger, dem Präsidenten der SPK von 2008 bis Mai 2025, und Alhena Caicedo, der Direktorin des kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte (ICANH). Am 2. Januar 2025 erklärt Parzinger, dass eine Rückgabe der Objekte nach deutschem Recht nur dann gerechtfertigt sei, wenn sie aus einem „kolonialen Kontext“ stammten und wenn sie „auf eine Weise angeeignet worden wären, die rechtlich und/oder ethisch nicht mehr akzeptabel ist“. Kolumbien war aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits eine unabhängige Republik, mit der Deutschland diplomatische Beziehungen unterhielt. Parzinger nennt ein weiteres Kriterium: Wenn „es sich um archäologische Objekte aus vorchristlicher Zeit handelt, die nicht von einer Gemeinschaft stammen, deren Nachkommen heute noch leben“, auch dann könne das heutige Kolumbien keinen Anspruch darauf erheben. Das Gesuch wurde vorerst abgelehnt.

Auf kolumbianischer Seite akzeptiert man diese Argumente nicht, erst recht nicht der „Pueblo Escultor“. Einer ihrer Aktivisten, der Forscher David Dellenback, erhielt schon im Jahr 1992 Zugang zu den Depots des Ethnologischen Museums in Berlin. Dort fand er, wie er der taz sagt, nicht nur 21 Steinfiguren aus San Agustín, er entdeckte auch 14 weitere Kunstwerke aus Na­riño, an der Grenze zu Ecuador, die nicht offiziell verzeichnet waren. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Konrad Theodor Preuß, damals Kustos des Königlichen Museums für Völkerkunde, wie die Vorgängerinstitution des Ethnologischen Museums hieß, sie nach Berlin bringen lassen. Heute noch besitzt man dort 440 Objekte aus der sogenannten Preuß-Sammlung.

Preuß war ein Pionier für die Archäologie Kolumbiens: „Nirgends in ganz Amerika steht die prähistorische Forschung so ratlos vor größeren Kulturresten wie hier vor einer schier endlosen Reihe gewaltiger Statuen eines barbarischen Kunstgeschmacks. Gerade die geistige Spannkraft, die solche ungeheuerlichen Gebilde schuf, ist für den Beschauer das Überwältigende und Erstaunliche“, schrieb er in seinem Buch „Monumentale vorgeschichtliche Kunst“. Das war die erste wissenschaftliche Dokumentation über die San-Agustín-Kultur, veröffentlicht 1929, als gerade die Altertümer Südamerikas für Museen und private Sammler weltweit interessant wurden.

Dellenback vermutet, dass hunderte Statuen aus San Agustín in Sammlungen auf dem ganzen Globus verteilt sind, „aber wir haben nur Hinweise auf die in Berlin, weil Preuß ein ehrlicher Dieb war, der Aufzeichnungen darüber hinterließ, was er gestohlen hatte“.

Ein ehrlicher Dieb also. Das kam Alhena Caicedo, Direktorin des ICANH gelegen, als sie am 15. April 2025 auf Parzingers Schreiben mit Auszügen aus Preuß’ Korrespondenz antwortete: „Seit dem Jahre 1906 besteht ein Ausfuhrverbot für hervorragende Altertümer und naturwissenschaftliche Objekte“, schrieb Preuß 1915 an Wilhelm von Bode, den damaligen Direktor der Königlichen Museen zu Berlin, und bezieht sich damit auf das kolumbianische Dekret Nr. 21. Das verbot jegliche Entwendung von Kulturgütern im Land. Aber „mit einer gewissen Vorsicht“, fuhr Preuß fort, „besteht jedoch keine Gefahr, die Gegenstände herauszubringen“. Und mit welcher List er gedachte, das zu tun, darüber geben weitere Briefe von Preuß Auskunft: „2 Figuren, nämlich 117 vom Cerro de Pelota und 119 von Jabon, sind von mir absichtlich in 2 Stücke gespalten (…), doch fügen sie sich tadellos zusammen. Sie können sich meinen inneren Kampf vorstellen, bis ich zu diesem Entschluss kam, aber ich hätte sie entweder zurücklassen müssen, oder von vornherein auf die ganze Sierra-Nevada-Tour verzichten müssen“. Preuß eigenen Worten zufolge muss er viele Statuen und andere antike Objekte geteilt, zersägt oder zerlegt und sie „als ‚Mineralien‘ registriert“ haben, „um die Aufmerksamkeit der kolumbianischen Behörden nicht auf sich zu ziehen“.

Hat er bewusst gegen das Gesetz verstoßen? Und dies, damit die Skulpturen letztlich in Deutschland nur selten öffentlich gezeigt werden sollten? Preuß hatte sie noch 1923 im damaligen Museum für Kunstgewerbe in Berlin präsentieren können, eine letzte größere Ausstellung war 1986 in Bad Godesberg. Seither warten die alten Grabwächter die meiste Zeit im Museumsdepot darauf, dass irgendetwas mit ihnen passiert.

Preuß’redliche Korrespondenz, die Alhena Caicedo in ihrem Schreiben an die SPK vorgelegte hatte, konnte etwas bewegen. Man sei „offen für eine Neubewertung der historischen Fakten“, bekundete Parzinger am 22. Mai 2025, kurz bevor er sein Amt an die Kunsthistorikerin Marion Ackermann übergab. Bei den zitierten Briefen handele es sich „tatsächlich um Quellen und Beschreibungen von Fakten, die bisher noch nicht in unsere Überlegungen eingeflossen waren“.

Schon einmal wurden Objekte aus der Berliner Preuß-Sammlung an Kolumbien zurückgegeben. Die damalige Bundesbeauftragte für Kultur und Medien von den Grünen, Claudia Roth, hatte 2023 gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zwei Masken des indigenen Volkes der Kogui an den kolumbianischen Präsident Gustavo Petro – ein progressiver Linker – übergeben. Die Masken haben noch heute eine rituelle Bedeutung für die Kogui. Das gilt für die Figuren aus San Agustín seitens der SPK angeblich nicht. Die Yanakuna sind da jedoch anderer Meinung.

Die kolumbianische Botschaft fordert nun 34 Stein­skulp­tu­ren aus Berlin zurück. Darauf angesprochen, erklärte Roth der taz: „Sollte sich herausstellen, dass Preuß die Statuen tatsächlich zerlegt und als Mineralien deklariert hat, um sie an der Grenzkontrolle vorbei und aus dem Land zu schmuggeln, dann handelt es sich um eine illegale Aneignung. Es wäre schlichtweg Diebstahl. (…) In einem solchen Fall müssen die Statuen zurückgegeben werden.“

Doch im Gespräch ist Alhena Caicedo skeptisch, ob sich die jetzige schwarz-rote Bundesregierung dafür einsetzt. Sie glaubt sogar, dass man in Berlin lieber den Regierungswechsel in Kolumbien abwartet. Am 7. August wird dort der rechtsgerichtete Abelardo de la Espriella als Präsident vereidigt. Der steht in radikaler Opposition zur Petro-Regierung. Noch hat de la Espriella keine Aussage zu der Sache von San Agustín gemacht.

Der Ethnologe Konrad Theodor Preuß schrieb, er habe Statuen und antike Objekte zersägt oder zerlegt

Man könnte die Vorgehensweise in Berlin tatsächlich als Verzögerungstaktik ansehen. Gemäß eines Berichts des kolumbianischen Außenministeriums soll das Ethnologische Museum Berlin vor wenigen Monaten um umfassende neue Provenienzrecherchen von kolumbianischer Seite aus gebeten haben, insbesondere um detaillierte Transportunterlagen über den Weg der Statuen von San Agustín zu ihrem Exporthafen in Barranquilla. Um in der Sache weiter zu entscheiden, gilt es die Ergebnisse dieser neuen Recherchen erst einmal abzuwarten, bekundet das Haus des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, auf taz-Anfrage.

Dabei müsse die Klärung des Sachverhalts gar nicht lange dauern, meint der deutsche Jurist und Experte für Kunstrecht, Hannes Hartung, im Gespräch. „Es handelte sich schlichtweg um Plünderung“ und es sei problematisch, dass Deutschland „die Verantwortung für die Rückgabe nicht übernehmen will“.

In der Vergangenheit, so erinnerte Parzinger in einem Brief von 2013, habe die kolumbianische Regierung es sogar begrüßt, dass die Statuen von San Agustín als „Kulturbotschafter“ im Ausland fungierten. Das hat sich jedoch spätestens 2017 geändert. Da verpflichtete nämlich das Verwaltungsgericht Cun­di­na­mar­ca in einem rechtskräftigen Urteil die Regierungen Kolumbiens dazu, sich für die Rückführung der in Berlin befindlichen Skulpturen aus San Agustín einzusetzen, unabhängig von deren parteipolitischer Agenda. Das Urteil ist nach öffentlichem Druck des „Pueblo Escultor“ und der Yakanuna ergangen.

Heute arbeitet die kolum­bia­nische Botschafterin in Berlin, Yadir Salazar Mejía, daran, die Frage nach dem legitimen Eigentum der 34 Figuren zu klären. Es bleibt aber offen, ob auch der rechte Hardliner de la ­Espriella den Kurs beibehält.

Der Beitrag entstand im Rahmen des Internationalen Journalistenprogramms (IJP). Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Sophie Jung

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