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Filmkünstler É. Baudelaire im CCA BerlinWie fühlt sich die Gesellschaft an?

Éric Baudelaire ist als Filmkünstler bekannt. Im Berliner Kunstraum CCA zeigt er auch Skulpturen – ein sinnlicher Trip von der Börse bis zur Schönheit.

Es kann sein, dass man vom Westberliner Breitscheidplatz aus ins CCA Berlin – Center for Contemporary Arts gespült wird, ins Foyer der Gedächtniskirche, das Architekt Egon Eiermann von der Rundfliese bis zum Sichtbeton korrekt im Stil der leichten Nachkriegsmoderne durchgestaltete, und dann gerade das zögerliche „deux, trois“ einer Kinderstimme aus den Lautsprechern schallt. Oder irgendwelche Motorengeräusche, die den Soundtrack geben zu den zwölf zunächst recht unerklärlichen Holzobjekten auf Tischgestellen in den mittlerweile charmant in die Jahre gekommenen Räumen.

Was sind diese aus Kirschholz herausgearbeiteten Gebilde mit ihren Hubbeln, Wülsten, dicken Adern, aus denen auch mal die Konturen eines Duplo-Legosteins hervortreten? Sie ähneln Landschaftsmodellen. Man darf sie sogar berühren. Das fühlt sich betörend an, wenn man den Finger in eine Mulde gräbt oder mit der Hand die spitzen wie flachen Erhebungen auf der weichen Holzoberfläche nachfährt. Geradezu therapeutisch wirkt das, würde der Sound nicht auch irritieren.

Überhaupt ist man angesichts der skulpturalen Objekte überrascht, denn dies ist ja eine Ausstellung von Éric Baudelaire, dem Konzeptkünstler, Filmemacher und Fotografen, der 2019 den Prix Marcel Duchamp für „Un film dramatique“ erhielt oder der jetzt auf der Venedig-Kunstbiennale auf fünf riesigen Videoscreens die hektischen Bilder der so schnellen wie monotonen Abläufe eines industrialisierten Blumenhandels abspulen lässt. Ein Beispiel für „das Schöne und Tragische zugleich“ sei die Blumenindustrie, hatte Baudelaire dazu gesagt. Und jetzt diese sonderbaren Holzlandschaften?

Die Ausstellung

Éric Baudelaire: „When Night Falls“. CCA Berlin – Center for Contemporary Arts, bis 29. August

Sehen kann man Baudelaires Arbeiten auf Filmfestivals ebenso wie in Galerienausstellungen oder großen institutionellen Schauen – im Centre Pompidou, dem MMK Frankfurt, dem Museo Reina Sofía in Madrid, auf der São Paulo Biennale, der Whitney Biennial oder der Sharjah Biennale – you name it. Und nun also im kleinen CCA, das schon mehrmals etablierte Künst­le­r:in­nen in das Eiermann’sche Foyergebäude holte, aber eben ohne den Druck der Größe. Das macht die Ausstellungen hier so interessant.

Europas größte Blumenfarm

Ob Éric Baudelaire auch im Centre Pompidou zur Skulptur übergegangen wäre? Doch auch hier tut er es nur teilweise. Denn im Untergeschoss des CCA führt er sein Fünf-Kanal-Filmprojekt aus Venedig fort. Die 80-minütige, ziemlich in ihren Bann ziehende Videoinstallation ist auch die Quelle der Lautsprechergeräusche. Unterschiedliche Orte tauchen darin auf, unter anderem Europas größte Blumenfarm in Soria, ein Wahllokal in der Normandie, der Versammlungssaal einer Unesco-Generalkonferenz, das Französische Nationale Labor für Metrologie – Heimat des Originalkilogramms und des Urmeters – und das Nationale Institut für blinde Jugendliche in Paris. Sie stehen alle symbolhaft für unsere gesellschaftliche Organisation durch Industrie, Normen, Sicherheit – und was aus ihnen herausfällt.

Der Film ist trotz wackliger Handkamera streng durchkomponiert (Kamera: Claire Mathon; Edit: Claire Atherton), Detail- und Totalaufnahmen wechseln sich ab, springen, kreisen, stocken. Rosen hängen kopfüber am Fließband, junge Männer fläzen sich auf ihren Bürostühlen, während auf den Bildschirmen die Börsenentwicklungen ablaufen, ein blindes Mädchen fährt zielgenau mit den Fingern an den Rändern von Euromünzen entlang, um deren Wert zu ertasten. Mal verdoppelt sich eine Szene, mal wird ein Bildschirm schwarz. Die Aufmerksamkeit muss stets neu justiert werden.

Um dieses Neujustieren der Aufmerksamkeit geht es auch bei den ausgestellten Holzskulpturen: Baudelaire bat Schü­le­r:in­nen des Instituts für blinde Jugendliche, mit Knete Formen zu schaffen, die sie als schön empfänden. Die Modelle davon wurden anschließend nachgearbeitet. Was man also an diesen ungewöhnlichen Objekten ertasten kann, ist die Schönheit für diejenigen, denen die Erfahrung visueller Schönheit verwehrt bleibt. Über das pure Mittel des Kunstobjekts kommt man mit den blinden Menschen zusammen. Das ist eindringlich, berührend, konzeptuell klar. Und macht sinnlich erfahrbar, was wir trotz äußerlicher Trennung auch teilen können in einer Gesellschaft.

Barthes-Booster

Den Titel der Ausstellung „When Night Falls“ hat Baudelaire übrigens einem Zitat von Roland Barthes aus seiner Vorlesungsreihe „Wie zusammen leben“ entnommen: „Einander fremd zu sein, ist unausweichlich, ja sogar notwendig und wünschenswert, außer wenn die Nacht hereinbricht.“ Den Barthes-Booster hätte Baudelaire aber gar nicht gebraucht.

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