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„Katechon“ von Volker WeißTotalitäre Fantasien, biblisch hochgerüstet

Rechte sind fasziniert vom biblischen „Katechon“, der den Untergang aufhalten soll. Der Historiker Volker Weiß spürt der Karriere des Begriffs nach.

Der griechische Begriff „Katechon“, zu Deutsch: der Aufhalter, stammt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gläubigen in Thessaloniki ( 2. Thess 2, 3–1o). Allerdings ist Paulus’ Autorschaft des ganzen Briefs unter Fachleuten umstritten.

Der Autor warnt an der genannten Stelle vor dem Vertrauen auf den falschen Messias, der Irrlehren verbreite und die Gläubigen verlocke und verführe. Der AfD-Ideologe Maximilian Krah mobilisiert heute wie viele Rechtsintellektuelle auf der ganzen Welt mit dem Slogan „Trump ist der Katechon“ gegen Irrlehren, womit vor allem die völkerrechtskonforme Weltordnung und ihre institutionelle Verankerung in den UN-Gremien gemeint sind.

Im Gefolge von Carl Schmitt plädieren zeitgenössische Rechte für eine von einer Hegemonialmacht dominierten „Großraumordnung mit absoluter Souveränität, „d. h. Interventionsverbot für raumfremde Mächte“. Diese Raumkonzepte schließen an zumeist deutschnational gestimmte Geopolitikideologien des 19. Jahrhunderts und andere geschichtsphilosophisch oder -theologisch fundierte Ideologien an, in Anlehnung an die biblische Apokalypse. Amerikanische Hightech-Barone wie Elon Musk und Peter Thiel ebneten dem Begriff des Katechon oder Aufhalters den Weg ins deutsche Feuilleton der Gegenwart sowie zu den Randbezirken der rechtsextremen Propaganda.

In einem kurzen Essay widmet sich der Historiker Volker Weiß der Karriere des Katechon. Er schildert, wie Warnungen in „biblisch aufgerüsteter Rhetorik“ vor dem Antichristen und dessen Machtübernahme auf der ganzen Welt erblühten. Nach 1945 revidierte Carl Schmitt seine Position. Der Katechon trug nun das Kostüm des Aufhalters, das heißt: des Widerstands gegen die „US-dominierte Weltordnung“, während Russland Krieg gegen den gottlosen Westen und den Liberalismus führe und so in die Rolle des Aufhalters schlüpfe. Während sich der Neokonservatismus in den USA als „heilsgeschichtliche Macht“ drapierte, empfahl sich die orthodoxe Kirche ausgerechnet in der heidnischen Sowjetunion als Hüterin und Bewahrerin des heiligen Russlands und der „traditionellen Ordnung in der Welt der Sünde“ (David G. Lewis).

Ausgerechnet in der heidnischen Sowjetunion empfahl sich die orthodoxe Kirche als Hüterin des heiligen Russlands

Unter der Fahne des Ideologen Alexander Dugin: „Wir bekämpfen den Antichristen: Das ist unsere russische Idee und sie wird alles richten.“ Das entspricht der älteren demagogischen These, wonach Moskau nach dem Fall von Rom und Byzanz die aufhaltende Rolle zum Schutz des Christentums übernehmen werde – wie zumindest dem Anspruch nach – vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert die deutschen Kaiser.

Volker Weiß zeigt überzeugend, wie der Begriff seit den 1930er-Jahren politisch hochgradig aufgeladen und in Konzepten der politischen Theologie instrumentalisiert wurde. Hier wurde der Begriff in totalisierende Weltperspektiven eingebaut, die den argumentativ relevanten Vorteil besaßen, sowohl ein politisches Ziel als auch eine Entwicklung zu bezeichnen. Als Ziel und Entwicklung bilden sie „asymmetrische Gegenbegriffe“ (Reinhart Koselleck) wie Freund und Feind oder Christ und Heide. Diese Gegensatzpaare gehen zunächst von einer universalen Einheit aus – beide setzen sich aus Menschen zusammen. Diese Einheit wird jedoch in einem zweiten Schritt als politisch, religiös oder ethnisch unvereinbare Sondergruppe von der Ausgangseinheit abgespalten, womit die universalistische Voraussetzung partikularisierend und hierarchisierend und exkludierend unterlaufen wird. Damit trennen sich auch Ziel und Entwicklung, womit etwa in Theologie und Politik die Stellen von Souveränität und oberster Autorität undeutlich oder vakant werden.

Katechon

Volker Weiß: „Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 128 S., 13,99 Euro

So geriet das Konzept des Katechons wie das der politischen Theologie immer mehr in den Sog von Spekulation, Beliebigkeit und Unglaubwürdigkeit und wurde jüngst vom Theologen Klaus Mertes als „irrlichternde Theorie“ bezeichnet. Ihre Schwundstufe erreichte schließlich Trumps Kriegsminister Peter Hegseth, der seinen Präsidenten am 6. 3. 2026 öffentlich als „von Jesus gesalbt, um seine Rückkehr auf die Erde vorzubereiten“ herbeifantasierte. Damit geriet der selbsternannte Aufhalter des Untergangs ungewollt zum willigen Beschleuniger des Untergangs seiner Position und seiner MAGA-Bewegung. Es verdient Respekt und Beachtung, wie sorgfältig Volker Weiß die Konjunktur eines immer schon problematischen und mittlerweile nur noch sektiererisch zu nennenden Konzepts politischer Theologie analysiert.

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