Elspeth Barker „O Caledonia“: Die Unverstandene
Barkers neuer Roman „O Caledonia“ spielt in der romantischen Landschaft der schottischen Highlands. Der Humor ist finster.
Dieser Roman beginnt, gothic genug, mit der Leiche einer jungen Frau, malerisch hingegossen in der großen Halle eines alten Schlosses in Schottland, „verdreht und zusammengesunken in blutigem, mörderischem Tod“. Aber dieses Eingangsbild, das wie einem klassischen Schauerroman entnommen wirkt, sollte wohl nicht zu buchstäblich genommen werden, sondern eher als Quintessenz der Fantasien eines jungen Mädchens, das, hochbegabt und hypersensibel, in einer Umgebung aufwächst, die ihre Eigenart nicht zu schätzen weiß.
„O Caledonia“, der einzige Roman der schottischen Autorin Elspeth Barker (1949–2022), ist eine Coming-of-age-Geschichte der besonderen Art. Es ist anzunehmen, dass sie sich zu großen Teilen aus eigenen Jugenderlebnissen der Urheberin speist.
Außergewöhnlich ist bereits das Setting: Auchnasaugh, wie der vermutlich unaussprechliche Name des Schlosses lautet, auf dem die junge Heldin aufwächst, liegt abgelegen im schottischen Hochland, inmitten einer melancholischen Landschaft aus Heide und Moor, in der Janet, die Älteste einer fünfköpfigen Geschwisterschar, oft einsame Spazierritte auf ihrem Pony unternimmt.
Elspeth Barker: „O Caledonia“. Aus dem Englischen von Verena von Koskull. Berlin Verlag, Berlin 2026. 202 S., 24 Euro
Das Alleinsein in der Landschaft entspricht der Einsamkeit in Janets Innerem. All ihre kleinen Schwestern scheinen besser geraten als sie selbst, sind hübsche, freundliche, dem Leben zugewandte Wesen, während Janet selbst meist liest oder reitet, in ihrer eigenen Welt lebt und sich von den Eltern ungeliebt fühlt.
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Sie ist ein „Misfit“, eine Außenseiterin
Solange sie jünger ist, muss sie in dem Jungeninternat, das ihr Vater auf dem Schloss betreibt, am Unterricht teilnehmen und wird von den Jungen gepiesackt; als Teenagerin wird sie fortgeschickt in ein Mädcheninternat, in das sie ebenso wenig passt. Wohin sie auch geht: Janet ist und bleibt ein misfit.
Aus dieser tendenziell deprimierenden Grundkonstellation schlägt Elspeth Barker zahllose Funken finster blitzenden Humors, die sich zu einem selbstbewussten, trotzigen Antierziehungsroman summieren. Denn Janets eigentümlichem Wesen ist schlicht mit keinerlei erzieherischen Maßnahmen beizukommen. Und obwohl sie oft an ihrer Unfähigkeit verzweifelt, der Welt und ihren Erwartungen gerecht zu werden, ist gleichzeitig ihr Blick auf diese seltsame Welt und die Menschen darin von unbestechlicher Klarsichtigkeit.
Eine unausgesprochene, aber stets präsente Verbündete hat die Heranwachsende: die Natur, deren Ungezähmtheit in schroffem Kontrast zur – damals in der Jugendzeit der Autorin – immer noch sehr calvinistisch geprägten schottischen Gesellschaft steht. Von vorn bis hinten ist der Roman durchzogen von nebenbei mitgelieferten Beschreibungen landschaftlicher Schönheit als zuverlässiger Trost und Ausgleich für die Zumutungen des Lebens.
Die Liebe zu einem Vogel
Aus dieser Natur kommt auch das einzige Geschöpf, das Janet aus ganzem Herzen lieben kann und von dem sie ebenso zurück geliebt wird: eine junge Dohle, die sie rettet und großzieht. Anders als das Mädchen kann der Vogel fliegen, wohin er will, kehrt aber immer wieder zu ihr zurück.
Janets erste Verliebtheit in einen Menschen dagegen verläuft natürlich unglücklich – und lädt, wenn man sich entscheidet, das blutige Anfangsbild des Romans als Metapher zu lesen, zur finstersten, selbstzerstörerischsten Fantasie von allen ein: der Vorstellung eines blutigen, dramatischen Todes durch fremde Hand.
Das (Selbst-)Bild der Protagonistin als unverstandenes, besonderes Wesen ist highly relatable für Heranwachsende zu allen Zeiten; doch „O Caledonia“ ist keineswegs in erster Linie als Jugendbuch zu lesen. Bereits der Titel markiert den deutlich weiter gefassten Fokus.
Gleichzeitig ein Porträt Kaledoniens
Das dem Mädchen Janet angeborene Unvermögen, im Mainstream gesellschaftlicher Erwartungen mitzuschwimmen, stellt gleichzeitig ein Gesellschaftsbild ex negativo dar: ein Porträt Kaledoniens, also Schottlands, in den 50er und frühen 60er Jahren, als harscher Puritanismus und Konformitätsdruck noch recht schmerzhaft mit dem Bedürfnis nach individueller Eigenart zusammentreffen können. Janets Persönlichkeit ist auch ein Spiegel der ungezähmten Natur, die sie umgibt. Ein Coming of age als zahmes junges Fräulein der guten Gesellschaft ist ihr schlicht nicht möglich. Sehr erfrischend.
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