CSD in Wittenberg: Dem Rechtsruck entgegen
Erneut ziehen Queers beim CSD durch Wittenberg. Eine rechte Gegendemo gibt es dieses Jahr nicht. Die anstehende Wahl gibt dennoch genug Anlass zur Sorge.
„Your hate won’t silence our pride“, steht auf einem selbstgebastelten Protestschild einer Besucherin des CSD in Wittenberg. Sie ist an diesem Samstag mit zwei Freund:innen unterwegs, die jeweils eine Trans*- und eine Regenbogenflagge stolz um ihre Schultern gebunden haben. Neben ihnen gehen zwei Polizist:innen durch die kleine Menschenmenge, die sich an diesem Mittag auf dem Marktplatz der Lutherstadt versammelt hat.
Jubelnder Applaus ertönt, als Luna Möbius, Content Creator, Kommunikationsstrategin und dieses Jahr Schirmherrin des CSD Wittenberg, auf die Bühne tritt. „Ich finde es voll schön, dass ihr hier seid, aber die Lage ist ehrlicherweise schon auch ein bisschen beschissen.“ Die 25-jährige Aktivistin ist überzeugt: „Wir sind nicht wütend genug!“
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Zu Besuch auf dem CSD in Wittenberg
Es ist erst der zweite CSD in Wittenberg und obwohl im Gegensatz zum letzten Jahr keine rechte Gegendemo angemeldet ist, liegt trotz Freude auch viel Ernsthaftigkeit in der Luft. Viele hier beschäftigt vor allem die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. In Umfragen liegt die rechtsextreme AfD aktuell bei über 40 Prozent.
„Es wird in unserer Heimat keine rechtsextreme Regierung geben. Und es wird erst recht keine geben, die wir dulden werden“, sagt Luna Möbius mit selbstbewusster Stimme in ihr Mikrofon. Die Menschenmenge klatscht und jubelt. Die Aktivistin ist sich sicher: Nicht alle AfD-Wähler:innen seien überzeugt von rechtsextremen Einstellungen und es lohne sich, weiter miteinander zu sprechen.
Bundesweit „abstrakte Gefährdungslage“ für CSDs
Die Demonstration zieht laut Polizei mit etwa 400 Teilnehmer:innen los – etwas weniger als im vergangenen Jahr. Dafür ohne größere Störungen. Carsten Liebelt, Pressesprecher des CSD Wittenberg, beschreibt die Sicherheitslage als „sehr gut“. Im Vorfeld habe es viele Gespräche mit der Polizei gegeben. Sowohl die Eingänge der Stadt als auch die Laufdemonstration wurden mit Einsatzkräften abgesichert.
Am Rande der Demonstration tauchen zwei Männer mit Sonnenbrillen und Bierflaschen auf, als der Demozug für einige Reden anhält. Sie gucken etwas grimmig, die Polizei schickt sie direkt weg.
Grit Merker ist die hauptamtliche Ansprechperson für LSBTTI bei der Landespolizei Sachsen-Anhalt und betreut hier gemeinsam mit einigen Kolleg:innen einen Infostand. „Generell besteht bundesweit eine abstrakte Gefährdungslage für CSD-artige Veranstaltungen“, sagt die Polizistin. Die Anzahl der queerfeindlichen Straftaten steige kontinuierlich an. „Es ist ernstzunehmend. Wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld riesig ist, weil die Leute Straftaten eher nicht zur Anzeige bringen.“
Die Sonne knallt auf das Kopfsteinpflaster der Lutherstadt. Es hat knapp 30 Grad. Das hält die beiden Schwestern Anna (28) und Eva (25) aber nicht davon ab, in ihrer Heimatstadt an diesem Tag auf die Straße zu gehen. Eva trägt ein Schild in der Hand. Darauf steht: „If being gay was a choice I would be even gayer.“
Pride-Flagge an der Kirche
Die beiden sind in Wittenberg aufgewachsen. Ihren Nachnamen wollen sie nicht veröffentlichen. Die beiden sind zum Studieren weggezogen – wie so viele ihrer Freund:innen. „Es ist schön zu merken, dass hier Menschen sind, die für unsere Rechte kämpfen“, sagt Eva. Durch den CSD können sie sich besser vorstellen, vielleicht irgendwann wieder nach Wittenberg zurückzuziehen. In ihrer Jugend gab es für Eva zu wenig queere Sichtbarkeit in der Stadt.
Die beiden Schwestern haben gemeinsam mit ihrem Vater die Pride-Flagge in der Schlosskirchengemeinde aufgehängt. Wie schon im vergangenen Jahr. Damals hätte jemand aus einer vorbeigehenden Gruppe ihnen zugerufen: „Wir hoffen, dass ihr die abhängt und nicht aufhängt.“
„Das hat mich ganz schön getroffen“, sagt Eva. In diesem Jahr prangt auch an der Stadtkirche eine Regenbogenflagge, sie ist vom Marktplatz aus sichtbar. Außerdem gibt es einen ersten queeren CSD-Gottesdienst in der Schlosskirchengemeinde. „Es ist toll, dass die Kirche Solidarität zeigt – egal, wie nah oder fern man ihr steht“, sagt Anna.
„Queeres Leben gehört gefeiert, aber queeres Leben gehört auch hart erkämpft, und das erkämpft sich an Orten wie Lutherstadt Wittenberg“, sagt Luna Möbius der taz. Ihre Rede beendet sie mit den Worten: „Auch in Lutherstadt Wittenberg, komme was wolle, egal wie diese Wahlen ausgehen, lautet unsere Antwort immer wieder: Widerstand.“
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