piwik no script img

Ungarischer Journalist über Maja T.„Ich sehe große Chancen auf ein besseres Ergebnis“

Ein Film erzählt den Fall Maja T. Was sich für den Prozess mit dem neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar ändern könnte, weiß Journalist Bénjamin Lázár.

Interview von

Nele Rebentisch

taz: Herr Lázár, wie geht es Maja T. momentan?

Bénjamin Lázár: Ich habe Maja vor etwa zwei oder drei Wochen zusammen mit der Filmemacherin Marta Massa im Budapester Stadtgefängnis besucht, wo Maja seit fast zwei Jahren in Haft sitzt. Maja geht es gut, sie sah gesund aus und lernt Ungarisch. Natürlich möchte Maja nach Hause.

Im Interview: Bénjamin Lázár

32, ist ungarischer Journalist beim linken Online-Medium „Mérce“. Er lebt in Budapest.

taz: Die Ära von Ministerpräsident Viktor Orbán ist vorbei und Péter Magyar ist nun seit eineinhalb Monaten im Amt. Wie ist die Stimmung in den ungarischen Medien, der Zivilgesellschaft und bei der Antifa?

Lázár: Das größte Thema ist momentan der Abbau des Orbán-Systems, denn nach 16 Jahren ist es natürlich überall tief verwurzelt. Aber noch immer folgen die Medien eher der Linie der Regierung, anstatt eigene Themen zu setzen.

taz: Die Antifa wurde vergangenes Jahr von Orbán als terroristische Vereinigung eingestuft und ist seitdem massiven Repressionen ausgesetzt. Welchen Schaden hat das angerichtet?

Lázár: Dieses Gesetz hat in der antifaschistischen Szene einfach enorme Unsicherheit ausgelöst. Dass Menschen als Antifa gelten und Repressionen fürchten müssen, weil sie sagen: „Nazis sind schlecht.“ Ich denke, die krasseste Folge war das Verbot einer Gedenkveranstaltung, bei der die Holocaust-Überlebende Katalin Sommer gesprochen hätte. Am selben Tag durften ungarische Neonazis in SS-Uniformen marschieren.

Richter:innen werden weniger unter finanziellem Druck und dem Druck der Regierungspropaganda stehen. Ich glaube, das wird eine befreiende Erfahrung sein

taz: Wie steht Magyar zur Antifa und rechnen Sie damit, dass er das Gesetz aufheben wird?

Lázár: Die Medien – mich eingeschlossen – haben darüber noch nicht berichtet. Aber ich bin zuversichtlich, dass er diese Einschränkungen in Zukunft aufheben wird. Im Moment steht das leider nicht auf seiner Agenda.

taz: Hat sich Magyar überhaupt zum Fall von Maja T. geäußert?

Lázár: Nein, soweit ich weiß nicht. Er hat kontroverse Themen wie Antifa und Pride gemieden.

taz: Ein Teil seines Wahlkampfs bestand darin, für unabhängige Gerichte zu kämpfen. Wird sich das auf Maja T.s Prozess auswirken?

Lázár: Ja! Rich­te­r:in­nen werden weniger unter finanziellem Druck und dem Druck der Regierungspropaganda stehen. Ich glaube, das wird eine befreiende Erfahrung sein. Richter:innen, die früher Angst hatten, werden nun offen dafür sein, Entscheidungen zu treffen, die sie für gerecht halten. Gerade im Hinblick auf die Berufung und das neue Verfahren sehe ich eine große Chance auf ein besseres Ergebnis.

Der Film

„Maja T. Extracts from the trials“, Regie: Marta Massa, Italien/Deutschland/Belgien/Portugal 2025, 25 Min.

Aufführung am So, 28. Juni, 15 Uhr, Abaton-Kino, Hamburg. Im Anschluss Gespräche mit der italienischen Regisseurin Marta Massa und dem Journalisten Bénjamin Lázár.

taz: Die italienische Regisseurin Marta Massa hat ihren Film noch während Orbáns Amtszeit gedreht. Sie konzentriert sich auf die geschlechtsspezifische Diskriminierung. Gab es deshalb Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten?

Lázár: Bei den Dreharbeiten gab es keine Schwierigkeiten, da das Justizsystem auf den unteren Ebenen wirklich unabhängig ist. Die Pressestelle des Gerichts war sehr hilfsbereit und stellte Übersetzer zur Verfügung. Andererseits kann es passieren, dass man als offen linker Journalist gedoxed wird. So findet man sich manchmal in Telegram-Kanälen von Neonazis wieder.

taz: Wie sah die ungarische Berichterstattung zu dem Fall Maja T. aus?

Lázár: Die Regierungsmedien sagten, Maja T. sei Terroristin, spiele die Gender-Karte aus, und die Opfer seien zufällige Passanten gewesen, keine Neonazis. Wir bei „Mérce“ haben einfach versucht, objektiv über den Fall zu berichten.

taz: Im Jahr 2018 wurden viele Jour­na­lis­t:in­nen durch regierungstreue ersetzt. Magyar verfügt über die erforderliche Zweidrittelmehrheit, um das rückgängig zu machen. Wie wahrscheinlich wird sich die Medienlandschaft zum Besseren wandeln?

Lázár: Natürlich sind alle hoffnungsvoll, denn wir können bereits beobachten, dass diese großen Propagandamedien Mit­ar­bei­te­r:in­nen entlassen, weil es keine staatlichen Mittel mehr gibt. Sie werden untergehen, weil sie keine echte Leserschaft haben. Weniger Mittel für künstlich aufgeblähte politische Propagandamedien bedeuten mehr Raum für echten Journalismus.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare