Buch über Exilanten in Hollywood: Traumfabrik im Würgegriff
Jan Jekals Buch „Paranoia in Hollywood“ skizziert eindrucksvoll die Exilantengemeinde in Hollywood während des Zweiten Weltkriegs – und die Verwerfungen danach.
Inhaltsverzeichnis
Eine Männerleiche schwimmt in einem Pool. Der Erschossene spricht, erzählt seine Geschichte: die vom erfolglosen Drehbuchautor, der eines Tages in der Villa einer früheren Stummfilmdiva strandet und ein altes Drehbuch von ihr überarbeiten soll. Doch wie kam es dazu, dass seine Glückssträhne jäh endete?
Billy Wilders’ Film „Sunset Boulevard“ von 1950 gilt heute als Meisterwerk, das Film noir, Gesellschaftssatire und Hollywoodkritik intelligent verwob. Entstanden ist das subversive Werk in einer Zeit übelster Restriktionen: Filmschaffende konnten leicht ins Visier des „House Committee for Unamerican Activities“ (HUAC) geraten, der „Kommission für unamerikanische Umtriebe“.
Der Berliner Kulturjournalist Jan Jekal zeigt in seinem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Sachbuch „Paranoia in Hollywood“, wie sich die Stimmung in Hollywood kurz nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich drehte – auf das liberale künstlerische Milieu wird zunehmend politischer Druck ausgeübt, um linke, kommunistische, sozialkritische Stimmen auszugrenzen – diffus umschrieben durch den neu kreierten Begriff des „Unamerikanischen“.
Nachdem das Feindbild des Nazismus verschwunden war, setzten konservative bis rechtsextreme Kräfte auf ein neues Schreckgespenst von links. Die seit dem Kriegseintritt der USA am 7. Dezember 1941 weitgehende Einigkeit der Gesellschaft im Kampf gegen Hitler war schnell dahin, eine Spaltung setzte ein. Gerüchte reichten aus, um über Biografien, Schicksale zu entscheiden. Denunziationen verdächtiger Personen wurden eingefordert.
Hoover war Hollywood ein Dorn im Auge
Hinter den Diffamierungen und Verdächtigungen standen Politiker. Zunächst war es ein einzelner demokratischer Abgeordneter, John E. Rankin, mit ausgeprägt antisemitischen und rassistischen Ansichten, der den schon 1934 gegründeten, ursprünglich gegen Nazi-Aktivitäten gerichteten HUAC-Ausschuss 1945 wiederbelebte. Funktionäre wie FBI-Direktor J. Edgar Hoover unterstützten das Komitee. Das „dekadente“ Hollywood war ihm schon lange ein Dorn im Auge …
Jekals Buch setzt lange vor dieser „Hexenjagd“ an. Er beschreibt zunächst, wie sich in Hollywood eine neue Exilantengemeinde bildet. In den 30er Jahren und insbesondere nachdem die Nazis an die Macht kamen, verlassen immer mehr Kulturschaffende Deutschland. Die USA scheinen eine Demokratie, in der Schutzbedürftige sich sicher wähnen können. Insbesondere jüdische Künstlerinnen und Künstler sehen sich in Europa bedroht, wie auch solche mit linker, regimekritischer Haltung. Los Angeles mit seiner Filmindustrie bietet ihnen zudem Arbeitsmöglichkeiten. In Hollywood gibt es bereits viele schon früher Ausgewanderte, die die Traumfabrik prägten. Zur zentralen Figur dieser Community wird die erfolgreiche Drehbuchautorin Salka Viertel.
Die ehemalige Schauspielerin österreichisch-jüdischer Herkunft lebt seit 1928 in den USA. In ihrem Haus in Santa Monica veranstaltet sie Salons, in denen sich regelmäßig eine illustre Gesellschaft versammelt: Der Nobelpreisträger Thomas Mann trifft hier auf die Komponisten Theodor W. Adorno und Arnold Schönberg. Adorno arbeitet zusammen mit Max Horkheimer an epochalen philosophischen Schriften wie der „Dialektik der Aufklärung“. Auch der Dramatiker Bertolt Brecht und der Komponist Hanns Eisler sind mit Viertel befreundet. Viele von ihnen haben es nur durch Bürgschaften ihrer die US-Staatsbürgerschaft besitzenden Bekannten geschafft, hier sesshaft zu werden.
Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941–1953“. Matthes & Seitz, Berlin 2026, 400 S., 28 Euro
Der 33-jährige Jekal ist selbst nach Los Angeles gereist, hat Wirkungsorte wie das Thomas Mann House oder Lion Feuchtwangers Villa Aurora in Pacific Palisades besucht. Er hat die Lebensläufe teils prominenter und teils vergessener Exilanten studiert und skizziert deren Schicksale in eindringlicher, oft berührender Weise. Nicht jeder dieser Geflüchteten hat beruflich Erfolg, selbst ein Bertolt Brecht kann gerade mal ein Drehbuch verkaufen. Sein Komponistenfreund Hanns Eisler ist umgänglicher und kann einige Filmmusiken schreiben, wird sogar mehrfach oscarnominiert. Alle Exilanten treibt der Kampf gegen die Nazis an, sie beteiligen sich an Kriegseinsätzen, drehen Dokumentationen oder kümmern sich um Truppenbetreuung wie Marlene Dietrich.
Diese vielseitigen Beiträge werden keine Rolle mehr spielen, als sich zwei Jahre nach dem Krieg die Stimmung ändert und manch Exilant wie Hanns Eisler vor den HUAC zitiert wird. Zuvor Vertriebene wie Thomas Mann sehen darin „die Herrschaft faschistischer Gewalt“, sie hassen „das Committee und seine activities fast schon so wie einst Hitler“. Sie spielen mit dem Gedanken, die neue Heimat wieder in Richtung altes Europa zu verlassen. Den Umständen zum Trotz entstehen in dieser bedrückenden Zeit viele wegweisende Kunstwerke.
Jekal zeichnet ein packendes, facettenreiches Panorama deutscher Exilanten in Hollywood während der Nazidiktatur und des beginnenden Kalten Krieges. Ein abgründiges Porträt der USA entsteht dabei, das direkt in die Gegenwart weist.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert