Queere Sichtbarkeit im Pride Month: Jeder CSD ist auch eine Demonstration
In Deutschland gibt es immer mehr Christopher Street Days. Das ist bemerkenswert. Denn niemand organisiert einen CSD, weil es besonders bequem wäre.
Foto: Patrick Pleul/dpa
J uni ist Pride Month – und Jahr für Jahr wird dieser Monat gefährlicher. Denn während in immer mehr Städten Regenbogenfahnen gehisst werden, müssen Christopher Street Days gleichzeitig immer häufiger unter Polizeischutz stattfinden. Rechtsextreme mobilisieren gegen CSDs, bedrohen Teilnehmende, organisieren Gegendemonstrationen und greifen Veranstaltungen an. Fast jeder zweite CSD in Deutschland war 2025 von Angriffen, Störungen oder Einschüchterungsversuchen betroffen. Besonders stark traf es Ostdeutschland.
Man könnte auf diese Entwicklungen blicken und verzweifeln. Man könnte die Bilder sehen von Neonazis, die gegen queere Menschen marschieren, und zu dem Schluss kommen, dass die Lage immer schlechter wird. Doch es gibt da noch eine andere Zahl:
Jahr für Jahr steigt die Zahl der Christopher Street Days – vor allem im Osten des Landes. In Brandenburg finden in diesem Jahr 22 CSDs statt, so viele wie noch nie! Auch in Thüringen werden zahlreiche CSDs organisiert und das nicht nur in den größeren Städten, sondern auch in kleineren Orten. Überall entstehen neue Veranstaltungen. Überall entscheiden sich Menschen dafür, sichtbar zu sein.
Das ist bemerkenswert. Denn niemand organisiert einen CSD, weil es besonders bequem wäre. Menschen organisieren CSDs, weil sie wissen, dass diese Sichtbarkeit wichtiger denn je ist.
Vielleicht vergisst die hetero Dominanzgesellschaft manchmal, was der Ursprung dieser Bewegung eigentlich war. Der CSD entstand aus Widerstand. Queere Menschen wehrten sich gegen Polizeigewalt, Diskriminierung und ein System, das sie unsichtbar machen wollte. In gewisser Weise kehren die CSDs gerade umso mehr zu ihren Wurzeln zurück.
Ich wünsche mir eine Welt, in der queere Menschen einfach feiern können, und zwar ohne Drohungen und Angst. Aber solange eine solche Welt nicht existiert, bleibt jeder CSD auch eine Demonstration. Widerstand sieht nicht immer spektakulär aus. Manchmal bedeutet es einfach, trotzdem zu kommen. Trotz der Drohungen, des Hasses und der Menschen, die wollen, dass man verschwindet.
Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung dieses Pride Month: dass sich immer mehr Menschen entscheiden, der Gefahr nicht nachzugeben. Aus Prinzip Hoffnung zu haben bedeutet manchmal, sich zu weigern, den öffentlichen Raum denjenigen zu überlassen, die andere einschüchtern wollen, und stattdessen die Städte und Ortschaften dieses Landes in Regenbogenfarben einzuhüllen. Und vielleicht ist genau das die älteste Tradition des CSD: sichtbar zu bleiben.
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