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CSD in Sachsen-AnhaltWo Queers ständig im Feuer stehen

In der Kleinstadt Sangerhausen fand zum ersten Mal ein CSD statt. 200 Menschen feierten ein Fest der Liebe – auch wenn der Hass im Ort präsent war.

Stefan Hunglinger

Aus Sangerhausen

Stefan Hunglinger

Gerald Vetter ist CSD-Profi. Leipzig, Halle, Dresden, der 66-Jährige war schon bei so einigen queeren Paraden. „Um den Sohn zu unterstützen“, sagt der Rentner aus Eisleben. „Der Sohn ist mit einem Mann verheiratet.“

Solche Unterstützung kostet zuweilen Schweiß. Vater Vetter, Regenbogenarmband, selbst kreierte Regenbogenkappe, sitzt am Samstagnachmittag mit seiner Frau Angela vor der Marienkirche in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt – bei 38 Grad. Und auch politisch steigt die Temperatur hier und steigt und steigt.

Bei der Kommunalwahl 2024 ist die queerfeindliche AfD stärkste Partei geworden in Sangerhausen, bei den Wahlen im September könnte dasselbe auf Landesebene passieren. Drüben an der Thälmann-Straße demonstriert heute die „Heimat“, Nachfolgepartei der NPD, gegen den ersten „CSD Mansfeld-Südharz“ hier in Sangerhausen.

Queere Feste stehen unter Druck. 2025 haben Rechtsextreme die Kundgebung „Bad Freienwalde bleibt bunt“ in Brandenburg angegriffen. 2024 kamen gegen den CSD Bautzen 700 Neonazis zusammen, in Görlitz skandierten sie: „HIV, hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch!“

Hass gegen Liebe

„CSDler ins Gas“ hat in der Nacht noch jemand auf Klohäuschen hier am Sangerhausener Marienplatz geschrieben. Drüben an der Kirchenmauer stützen sich drei KZ-Häftlinge aus Stein aufeinander, „Zur Mahnung“, steht auf dem Denkmal aus den Fünfzigerjahren.

Gerald Vetter schüttelt den Kopf. „Man kann nur versuchen, anderen ins Gewissen zu reden. Und man kann versuchen, sie zu animieren, wählen zu gehen.“ Aber eben nicht die Rechten. Vor dem Ruhestand hat Vetter in einem Callcenter gearbeitet. Er nimmt einen Schluck Spezi.

Ein Foto? Gerald Vetter sieht ernst seine Frau an. Nicht leicht, Gesicht zu zeigen in dieser Zeit, doch Mutter Vetter sagt: „Ich steh’ dazu“, nimmt den Sohn im Regenbogenkleid in den Arm und lächelt in die Kamera. Die 63-Jährige arbeitet im Kinder- und Jugendhaus in Eisleben, auf ihrem T-Shirt steht: „Just love your life“.

Vorne auf der Bühne rappt eine junge Mutter gegen die Hitze an, über Liebe und die Frage, wen man da eigentlich sieht, wenn man in den Spiegel schaut. Eine der vielen Po­li­zis­t:in­nen hier macht begeistert ein Foto. Jugendliche mit ledernen Hundemasken laufen über den glühend heißen Platz und zwei aufgeblasene Einhörner. Vereine haben um die Kirche herum Stände aufgebaut, die FDP neben den Linken, die Grünen neben der islamischen Gemeinde, die salziges Gebäck mitgebracht hat.

Nazis bringen Kohle

Fiona Harms steigt nun auf die Bühne, sie hat den CSD mitorganisiert: „Schaut euch um, das ist doch unglaublich!“, ruft Harms freudig den 200 Applaudieren zu. Vor drei Jahren ist die Transfrau aus Nordfriesland hergezogen, aus privaten Gründen, wie sie sagt. Anfangs sei sie ein wenig ängstlich gewesen ob der politischen Lage, sagt sie, sei dann aber ganz herzlich aufgenommen worden. Sangerhausen, das sind Rosenbüsche und die riesige Abraumhalde des Sangerhäuser Reviers. Bis 1990 wurde hier Kupferschiefer abgebaut. Heute leben hier 25.000 Einwohner:innen, in vielen Biografien gibt es Brüche.

„Viele versuchen, mit Ablehnung und Hass an die Macht zu kommen“, sagt Harms, Strohhut, rotes Kleid. „Wir stehen dagegen, denn es ist so wichtig, dass es Lachen gibt und ein Miteinander.“ Beifall. Dann wirft Harms ihren Arm in Richtung der rechten Gegenkundgebung. „Für jede Stunde, die die Heimat dort steht“, spende sie persönlich zehn Euro an die queere Jugend. „Bleibt also ruhig“, ruft sie den Nazis zu.

Am Ende muss Harms nur zehn Euro spenden, länger als eine Stunde hält es die Handvoll Neonazis – „gegen einen kranken Zeitgeist“ – nicht aus an der glühenden Thälmann-Straße. Doch selbst, wenn am Montag dann die Temperaturen fallen sollten, Queers leben hier in Sachsen-Anhalt im Feuer. „Sicher und in Ruhe bei Rewe einkaufen können“, sagt Harms später am Rand des Festes, das wäre doch was.

Eine richtige Demo, das wäre was, sagt Raven, 23, auf dem Grasstück hinter der Kirche. Doch eine Versammlung um den Marienplatz herum, wo sich alle im Blick haben, schien sicherer.

Gehen oder bleiben?

Raven trägt die gelb-weiß-lila-schwarze Flagge der Nichtbinären um die Schultern und ist in Sangerhausen geboren. Heute hat Raven die Schwestern Ilay und Mila aus Eisleben eingeladen und Chris, um den ersten CSD in der Heimatstadt zu feiern. „Wir sind hier, um für unsere Rechte zu kämpfen und die Community zu unterstützen“, sagt Ilay, 25. Ihre Klarnamen wollen alle vier nicht sagen, um sicherzugehen.

Reicht es Raven nicht manchmal mit der ständigen Bedrohung? Wie wird das erst nach der Landtagswahl? Ist Wegziehen keine Option? Schließlich überlegen das gerade viele. „Nee“, sagt Raven. „Meine Nichte lebt hier, meine Familie ist hier.“ Außerdem, wirft Ilay ein, reiche ja wohl ein „totaler Ossi-Verräter“ in der Clique. Alle lachen, bis auf Chris, der mittlerweile in Darmstadt lebt.

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