Ausstellung über Rembrandt als Marke: Eine Art kühner Andy-Warhol-Vorgriff
Geschickt mischte Rembrandt ab 1630 als Künstler-Unternehmer am gerade aufsteigenden Kunstmarkt mit. Das zeigt eine Ausstellung in der Heritage Kassel.
Der niederländische Künstlerstar des 17. Jahrhunderts hinterließ 80 Selbstportraits, das früheste wird „Selbstbildnis mit verschatteten Augen“ genannt. Und sie sind tatsächlich ordentlich verschattet, diese Augen des jungen Rembrandt: Durch die obere Hälfte des Gesichts, dessen Dunkelheit von seinen wilden, bis in den Nacken wuchernden Locken zu stammen scheint, sind sie gerade eben noch zu erkennen, neugierig, fast verwundert scheinen sie den Betrachter unter hochgezogenen Brauen zu mustern. Nur die Nase ragt prominent und ein wenig adoleszent glänzend aus dem Schattenfeld hervor.
Rembrandt Harmenszoon van Rijn war Anfang zwanzig, als er das Bild schuf. Vier Jahre später pfiff er auf seinen komplizierten Nachnamen, zog von seiner Heimatstadt Leiden nach Amsterdam, kaufte sich dort in die Werkstatt des niederländischen Kunsthändlers Hendrick van Uylenburgh ein und lebte als „Kostgänger“, eine Art Untermieter mit Familien- und Mahlzeitanbindung, in dessen Haus (etwas später heiratete er zudem dessen Nichte). Er suchte sich eine neue Käuferschaft – und erfand dabei die „Marke Rembrandt“.
Im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe untersucht die Sonderausstellung „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ nun, wie dieser Prozess vor sich ging. Und woran es liegt, dass von den 349 zurzeit anerkannten Rembrandt-Bildern beeindruckende 32, also fast 10 Prozent, in jenem einen arbeits- und ideenreichen Jahr entstanden.
„Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“. Schloss Wilhelmshöhe, Hessen Kassel Heritage, bis 9. August. Ab 6. September Stiftung Schloss Friedenstein Gotha. Katalog (Michael Imhof Verlag): 39,95 Euro
Die Definition des Begriffs Marke hat viel mit Urheberrecht und seinem Schutz zu tun – bei Rembrandt war das nicht anders: Einen großen Teil widmet die Schau dem Thema Kopien, Repliken und Varianten. Denn es könnte sein, dass nicht die Mitarbeiter oder „Mitmaler“ der „Rembrandt-Werkstatt“ Motive und Arbeitsweise kopierten, sondern Rembrandt selbst in einer Art kühnem Andy-Warhol-Vorgriff Kopien seiner Bilder herstellte, um mehr davon verkaufen zu können.
Dreimal Original
In Kassel kommunizieren drei solcher fast gleichen Bilder miteinander, eines stammt aus den Beständen und galt lange als einziges Original, eines aus Amsterdam, eines aus dem Knightshayes Garden Trust im englischen Devon. Sie zeigen immer wieder den selbstbewussten, direkten Blick des jungen Malers unter den schweren Gesichtsschatten. Nach neuesten kunsttechnologischen Untersuchungen stammen tatsächlich alle drei von ihm – unter anderem wurde dafür das Baumholz der dazugehörigen Holztafel analysiert.
Rembrandt scheint auf einen Hype um seine Bilder reagiert zu haben – denn die durch Hollands Rolle als Kolonialmacht zu Wohlstand gelangte niederländische Gesellschaft muss sich damals sehr für Porträts interessiert haben. Auch das stellt die Ausstellung fest und hinterfragt damit den seit ein paar Jahren öffentlich kritisierten Begriff des „Goldenen Zeitalters“ der niederländischen Malerei.
Ein weiterer Raum mit knapp 70 Werken (davon 49 Leihgaben) nimmt sich Rembrandts Historien- und Genremalerei und die „strategische Vermarktung“ seiner Druckgrafiken vor, die er für weniger Geld verkaufte. Auf „Die Auferweckung des Lazarus“, das zeigt, wie jener Lazarus (laut Johannesevangelium) nach vier Tagen Tod von seinem guten Freund Jesus reanimiert wurde, scheint der hoch aufragende, mit dem Rücken zum Betrachter gezeigte Gottessohn den Toten mit dramatischer Geste wie eine Marionette an Fäden ins Leben zurückzuziehen.
Das Erstaunen der Beobachter, denen Münder und Augen offenstehen, verwundert nicht – und man kann sich gut vorstellen, wie gut damals ein solches mit Pathos, mediokrem Grusel und Gottesfurcht versehenes Bild ankam.
Die Zusammenarbeit zwischen Rembrandt und dem zeitgleich tätigen Maler Jan Lievens artete um 1632 in einen Konkurrenzkampf aus – auch das untersucht die Ausstellung. Beide malten „Tronies“, Gesichtsstudien mit beeindruckend vielfältiger Mimik, die in der Stärke ihres Ausdrucks an Theatersituationen erinnern.
„Die Anatomie des Dr. Tulp“
Und das so unheimliche wie faszinierende Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“, das ebenfalls 1632 fertiggestellt wurde, wird in Beziehung zur Entstehung ähnlicher Gruppenbilder, wie dem in Kassel gezeigten Nicolaes-Eliaszoon-Pickenoy-Gemälde, gesetzt. Auf Rembrandts Gruppenversion schauten seinerzeit sieben bärtige Barbiere und Chirurgen in weißen Halskrägen dem Anatomen Nicolaes Tulp dabei zu, wie er den Arm eines auf dem Tisch liegenden Toten seziert, dessen geisterhafte Blässe den Kontrast zum Blutrot der offengelegten Sehnen verstärkt.
Dass die Marke Rembrandt noch immer auch „objektfremd“ funktionieren soll, wie es einer der beiden Kuratoren ausdrückt, zeigt eine Sammlung der unterschiedlichsten Dinge, über die Rembrandt sich wahrscheinlich amüsiert hätte: Die angeblich „erste aufhellende Zahnpasta auf dem Markt“ nennt sich nach ihm, genauso eine Armbanduhr, ein Weinbrand, ein IC zwischen Amsterdam und Frankfurt, ein Kleid aus Strick und jede Menge Zigarettensorten.
In einer Magazin-Werbekampagne aus den 60ern sitzt ein distinguierter Mann im Auto und zieht sinnierend am Künstler-Glimmstängel. „Im harten Klima des Erfolgs das milde Klima der Rembrandt“ prangt in Weiß darüber, weiter unten wird ebenso großspurig und nichtssagend weiter geschwelgt: „Erfolg ist die Freude am Erreichten“. Am besten passt die Marke Rembrandt wohl doch zu einem echten Rembrandt.
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