Festival Theaterformen in Braunschweig: Die Bühne ist ein Gefängnis
In Braunschweig lässt Intendantin Anna Mülter das Festival Theaterformen ein abgeschlossenes Areal erkunden: Statt Folter gibt's dort nun blaue Blumen.
Abgeschlossen ist das Areal durch meterhohe Mauern, eingeschlossen ist dort aber niemand mehr und noch kein Arbeitsplatz eingerichtet. Rückerobernd drauflos wuchert die Natur. Die denkmalgeschützte Architektur beginnt mit der Selbstaufgabe ihrer schmucken Stabilität, bröselt hier, rostet da. Schimmel bildet sich.
Die Blicke der Braunschweiger:innen blieben bisher ausgeschlossen von dieser historischen Trutzburg der Justiz auf dem Rennelberg. Sie wurde 1884/85 erbaut auf dem Gelände des ehemaligen Kreuzklosters als Kreis- und Untersuchungsgefängnis für rund 300 Häftlinge. Bei der Befreiung 1945 durch US-Truppen wurden mehr als 900 Inhaftierte angetroffen.
Heute liegt die Einrichtung mitten in einem dicht besiedelten Wohngebiet – und steht seit Mai 2024 leer. Es ist die wohl beste Idee der sechsjährigen Theaterformen-Intendanz von Anna Mülter, ihr letztes Festival dort anzusiedeln. Einen Ort der Abschottung als Raum für Kultur und Stadtentwicklungsdebatten zu nutzen, begehbar zu machen, seine Geschichte auf- und künstlerisch zu verarbeiten. Und weiterzudenken.
Für das Projekt „No Prison“ öffnet sich erstmals die Eingangsschleuse der Justizvollzugsanstalt (JVA) für alle Bürger:innen und sie eröffnet Perspektiven auf die Zukunft der aktuellen Leerstelle im Stadtbezirk Westliches Ringgebiet. Steht die JVA doch zum Verkauf, Mindestgebot 3,6 Millionen Euro. Einige Investoren sollen ihr Bereitschaft bekundet haben, die 1,3 Hektar große Anlage zu einem Wohn-, Hotel-, Gastronomie-, Kleingewerbe- und Freizeitareal umzugestalten.
Das Interesse der Bevölkerung an den Themen ist riesig. Alle Theaterformen-Touren durch die Anlage waren fix ausgebucht. Die Info- und Diskursveranstaltungen sind sehr gut besucht. Reichlich genutzt wird der kostenlose Zugang zum Freigelände. Auch wenn das Festivalzentrum keine Gemütlichkeit herbeizaubern kann, da bei jedem Blick nach oben doppelstöckige Natodrahtrollen im Sonnenlicht glitzern.
Jeder Blick geradeaus trifft auf vergitterte Fenster und unüberwindbare Mauern. Ein paar Liegestühle und -säcke helfen da nicht mal in Nutzungskooperation mit einem Gin-Tonic-Foodtruck. Die JVA-Werkhalle beherbergt nun ein Info-Zentrum.
Zu erfahren ist, wie der Freistaat um das rote Braunschweig, ein Brennpunkt der Arbeiterbewegung, zur „braunen Hochburg“ wurde: Die NSDAP war hier bereits 1930 Teil der Landesregierung geworden. Innenminister Dietrich Klagges hat den staatenlosen Adolf Hitler 1932 eingebürgert, damit er als Reichspräsident kandidieren konnte. An konkret recherchierten Fällen wird deutlich, wie in der JVA Rennelberg zunehmend Regimegegner:innen inhaftiert und später zur Hinrichtung in die JVA Wolfenbüttel überführt wurden.
Deswegen soll die Braunschweiger JVA zukünftig auch Gedenkstätte für die Justizverbrechen der NS-Zeit sein, fordern Bürger:inneninitiativen. Die Investoren sollen mehr als nur die drei von der Stadt festgeschriebenen Zellen originalgetreu zur Erinnerungsarbeit freihalten. Befürworter dieser Idee warben dafür mit einem Podiumsgespräch. Ein Vortrag beleuchtete die Bedeutung der JVA als einziges Frauengefängnis in der Region.
Bagatelldelikte führten zu Todesurteilen
In der NS-Zeit führten Anklagen wegen Bagatellen wie Diebstahl und Betrug schnell zu Todesurteilen, wenn die Lebensweise der Beschuldigten nicht dem Frauenideal der Faschisten entsprach, erklärte Lisanne Schmitz von der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. Aus Abschiedsbriefen wird während einer Führung durch die Zellengänge zitiert und erläutert, dass alle JVA-Insassen auch Zwangsarbeiter:innen für Braunschweiger Unternehmen waren. Nach dem Krieg saßen NS-Funktionäre in Erwartung ihres Entnazifizierungsverfahrens zwischen den Rennelberg-Mauern ein.
Das ist die faktische Seite, die das Festival gut bedient. „Until we are all free“ ist der performative Parcours durch die dunklen Gänge betitelt. Noch heute sind Leuchtstoffröhre, Waschbecken und WC in jeder Zelle vorhanden. Der Spülkasten befindet sich aus Sicherheitsgründen auf dem Flur, den alle paar Meter dicke Eisentüren und Gitter versperren. Die engen Zellen der Isolation werden im Miteinander zur Bühne ästhetischer und inhaltlicher Aufbrüche.
Zum Start poetisieren und rappen die Schauspieler:innen Simonida und Adrian Selimović, dass Menschen sich der Vergangenheit stellen müssen, um die Zukunft zu gestalten. In der nächsten Zelle sind Videobilder aus dem syrischen Staatsfoltergefängnis Saidnaya zu sehen, das nach dem Sturz Assads von Bürger:innen auf der Suche nach Verwandten gestürmt wurde.
Auf dem Friedhof der Lebendigen
Aus den Inschriften dieses „Friedhofs der Lebendigen“ versucht der syrische Theatermacher Mohammad Al Attar die einstigen Schrecken psychischer und physischer Zerstörungspraktiken zu erahnen. Von erschöpfter Sehnsucht ist dort zu lesen, vom Recht auf Tod, vom Lügen als verzweifelter Überlebensstrategie. Mit Koranzitaten und Stoßgebeten wird der Glaube an einen gütigen Gott für die Reste des Überlebenswillens wachgehalten.
177.000 Menschen seien in syrischen Gefängnissen „verschwunden“, so Mohammad Al Attar. Ein bestürzender Appell, all das nicht zu vergessen und diese Orte zur Mahnung zu bewahren. Politisch noch aktueller präsentiert sich das Performancekollektiv „cindy+cate“. Über Kopfhörer ist das Schlussplädoyer von Maja T. zu hören, das sie in Ungarn vor Gericht gehalten hat, wo sie zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Ihr wurde vorgeworfen, mit anderen Antifaschist:innen einen rechtsextremen Aufmarsch angegriffen zu haben.
Laut T. sollte der Prozess das Narrativ einer „mörderischen Antifa“ untermauern. Die Künstler:innen haben eine komplette Zelle mit Lobelia Erinus bepflanzt, Männertreu heißt diese kleine blaue Blume im Volksmund. Sie soll Loyalität und Widerstandsfähigkeit symbolisieren. Jede:r Besucher:in bekommt eine Pflanze als „Zeichen unserer Solidarität mit allen Antifaschist*innen“ geschenkt.
Die kurdische Künstlerin Zehra Doğan ließ einen Brief an eine Zellenwand kleben, in dem sie sich mit ihren Inhaftierungen in der Türkei, ihrem jetzigen Gefängnis Exil und dem Tod auseinandersetzt. In der JVA-Kapelle, einst auch als Sporthalle genutzt, animiert Symara Sarai als Gospelsängerin die Performerin Chimi zu einem Tanz, der sich aus der Bodenlage stolz in die Senkrechte erhebt.
Mark Tehs Lecture Performance beschreibt, wie in seiner Heimatstadt Kuala Lumpur ein Gefängnis abgerissen und durch eine Shopping-Mall überbaut wurde. Er beklagt, dass nun ein Teil des historischen Gedächtnisses der Stadt zerstört sei. Abschließend erzählt Simone Dede Ayivi von der Bespitzelung, Denunziation und Festnahme ihres SPD-Opas während der NS-Zeit – und wie in ihrem hessischen Heimatdorf heute noch die Familien der einstigen Widerständler und der Nazis einander aus dem Weg gehen.
Die jeweils zehnminütigen Interventionen sind teilweise als kluge Angebote zum Thema Gefängnis als Symbol für gesellschaftliche Machtstrukturen und staatliche Gewalt zu verstehen – im Sinne von „Überwachen und Strafen“. Michel Foucaults gleichnamiges Buch haben die Theaterformen-Macher:innen ausgelegt.
Nachzulesen ist, wie Disziplinierungs- und Kontrollmechanismen genutzt werden, um Individuen gefügig und zu normierten Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Vor allem aber bietet der Parcours diverses Nachdenken über die Verletzlichkeit des Menschen und die Fragilität von Freiheit. Also eine gelungene Eröffnung der Theaterformen, die bis 28. Juni insgesamt 14 Produktionen aus ebenso vielen Ländern präsentieren.
Anmerkung: In einer früheren Fassung war der Unterschied zwischen der bis 1933 SPD-geführten Stadt Braunschweig und dem historischen Freistaat gleichen Namens, der Hitler eingebürgert hat, vergessen worden. Die Darstellung wurde korrigiert, d. Red.
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