Kunstausstellung über Müll in Dortmund: Schrott, der die Geister weckt
Von Agitprop zur ambivalenten Schönheit: Eine Ausstellung des Museums Ostwall Dortmund zeigt Kunst der letzten 60 Jahre zum Weltproblem Müll.
Abfall ist ein dreckiges Geschäft. Davon singt Emeka, Migrant aus Nigeria, in Karimah Ashadus Videoarbeit „Brown Goods“ ein Lied: „Wenn jemand zu mir sagt, ich soll in eine Grube springen, frage ich: ‚Warum?‘ Ein Burkina-.Faso-Mann, der fragt nicht, der springt einfach rein.“ Damit beschreibt Emeka eine Realität der Konkurrenzverhältnisse zwischen den ärmsten und den allerärmsten Arbeiter*innen, die wir in der bürgerlichen Gesellschaft brauchen, um unseren Mist zu beseitigen.
Er selbst weiß Bescheid: Qua fehlender Arbeitserlaubnis agiert Emeka am Rande der Legalität und verkauft weggeworfenes Elektrogerät in seine afrikanische Heimat. Der Bilderreigen, den die in Hamburg lebende Künstlerin Ashadu 2020 dazu zusammenschnitt, zeigt zwei Aspekte: einerseits Aufnahmen von einem Schrottverladeplatz, auf dem Schwarze Arbeiter gefährliche Tätigkeiten erledigen, andererseits wie sich eine künstlerische Annäherung an das Thema Müll in den letzten 60 Jahren gewandelt hat.
Denn das Museum Ostwall im „Dortmunder U“, dem umgenutzten (recycleten?) Turm der ehemaligen Unionsbrauerei, zeichnet in seiner aktuellen Schau eine Geschichte der abfallaffinen Kunst nach. „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ erstreckt sich über zwei Säle. In ihrer Qualität variiert die gezeigte Kunst deutlich. Die Unterschiede liegen in der Historie begründet: Müllkunst war lange Zeit ein Feld des Agitprops, des erhobenen Zeigefingers und des anspruchslosen Protests.
Beispiele dafür finden sich in der ersten Halle der Ausstellung, die sich unter anderem dem Nouveau Réalisme widmet. Die französische Künstlergruppe, die um 1960 etwa von den beiden hier präsentierten Künstlern César und Arman geprägt wurde, war zwar nicht die erste, die sich dem Müll, Abfall und Unrat widmete, aber sicher jene, die ihre Zuwendung zum Alltäglichen und Ausgesonderten am aggressivsten zum Markenkern gemacht hat. Autoschrott (César) und der Inhalt von Abfalltonnen (Arman) werden zu ästhetisch leidlich interessanten Werken verarbeitet.
„Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls.“ Museum Ostwall im Dortmunder U, Dortmund, bis 26. Juli
HA Schults Schrott-Fords für die Postkarte
In Deutschland brauchte es dafür ein Enfant terrible wie HA Schult, der einst in München eine ganze Straße mit Haldenmüll hat zuschütten lassen. Von dieser Aktion gibt es in Dortmund poppige Siebdrucke zu sehen. Zwischen HA Schults etwas schlichten Werken lauern indes ein paar Höhepunkte. Der gleiche Schutt, aus dem er später Autos des Herstellers Ford zu postkartentauglichen Plastiken umbaute, taucht in einer erstaunlich komischen Miniatur auf: Pünktlich zu den Sommerspielen 1972 in München inszenierte HA Schult den als Architekturikone gefeierten Olympiapark mit Frei Ottos berühmten Membrandächern als tischplattengroße Müll-Einöde. Miniatur-Wunderland, but make it ugly!
In diesem historischen Teil führt die Schau vor Augen, wie eng die Parallelentwicklung von Müllkunst, Studenten- und Umweltbewegung in Deutschland und Europa war. Zwischen dem satirischen Künstler Klaus Staeck und dem Aktivismus von Greenpeace passt in gewisser Weise kein Blatt Papier.
Trotzdem wäre die Schau kaum der Rede wert, nähme sie nicht im zweiten Teil beträchtlich an Fahrt auf. Dort bietet das Kurator*innen-Duo Christina Danick und Michael Griff eine aufregende Auswahl Gegenwartskunst, die sich Müll eben nicht in einem unterkomplexen Freund-Feind-Schema nähert, sondern neben den brisanten Verwicklungen globalen Ausmaßes auch Momente der Schönheit ausmacht, aber die der Ausbeutung, der Gewalt und des Grotesken nicht meidet.
„Postnaturalia“ des Tschechen Krištof Kintera ähnelt HA Schults Olympiapark-Miniatur, expandiert aber vom etwas piefigen Format des Modelleisenbahnpanoramas in den Raum. Kabel und Platinen wachsen zu einem verwirrenden Konglomerat. Dessen Wesen changiert lässig zwischen dystopischem Stadtpanorama und verödeter Landschaft. Fasziniert kreiselt man in einem eigenen Kabinett um Ana Alensos „Obsolete Swing“. Ist es eine Cyberpunk-Maschine? Und warum interagiert sie so lässig mit den mittelformatigen Fotografien von zerstörten Telefonen?
Art Meets Science
Damit das Publikum seine Portion Pädagogik und Infotainment mitnehmen kann, bieten drei Expert*innen, die „Critical Friends“, kurze Abwägungen, Fakten und Gedanken zum Weltproblem Müll. Die drei – dabei ist auch der Historiker Roman Köster – haben im Vorfeld die Ausstellungsmacher*innen beraten. Dieser „Art Meets Science“-Ansatz schwingt bis auf wenige Ausnahmen (wenn etwa das Volumen des Plastikmülls, den eine Person pro Jahr in Dortmund produziert, ausladend an die Wand montiert wird) nur im Hintergrund mit. Im Mittelpunkt steht die ausgezeichnet ausgewählte aktuelle Kunst.
Diesen Werken aus den letzten zehn Jahren ist ein Gedanke gemein, selbst in der grandiosen 5-Kanal-Videoinstallation „Between the Waves“ der aus Indien kommenden Tejal Shah, in der die Müllhalde auch zum Hort eines (queer-)dissidenten Potenzials werden kann: Die Entsorgung all des hier thematisierten Abfalls ist etwas, was Menschen anderen Menschen aufbürden und antun.
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