NS-Raubkunst in Niederlanden entdeckt: Jahrzehnte lang hing das Gemälde im Haus der Enkelin
In den Niederlanden ist ein Avantgarde-Gemälde aus der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker aufgetaucht. Es ist vermutlich NS-Raubgut.
Wie viel von NS-Raubkunst wohl noch immer ungesehen und unentdeckt in privaten Gemächern lagert? Nur durch Zufall wird immer mal wieder ein Kunstwerk mit krimineller Objektgeschichte aufgespürt.
Wie vor ein paar Monaten, als ein Giuseppe-Ghislandi-Gemälde aus dem 18. Jahrhundert auf dem Foto einer Immobilienanzeige auftauchte. Die Nazis hatten es vermutlich aus der Sammlung des prominenten Amsterdamer Kunsthändlers Jacques Goudstikker geraubt. Die Tochter des nach Argentinien geflohenen SS-Offiziers Friedrich Kadgien wollte mit dem Foto für den Verkauf ihres Hauses im Badeort Mar del Plata werben.
Aus dem einstigen Besitz eben jenem jüdischen Jacques Goudstikkers ist nun ein weiteres Gemälde in den Niederlanden aufgetaucht. Das „Porträt eines jungen Mädchens“ des Avantgarde-Malers Toon Kelder habe im Haus der Enkeltochter von Nazi-Kollaborateur Hendrik Seyffardt gehangen, vermelden Der Spiegel und The Guardian. Wahrscheinlich habe es sich dort seit Jahrzehnten befunden.
„Es wurde Goudstikker geraubt, es ist unverkäuflich, erzähl’ niemandem davon“, soll die Enkeltochter einem Verwandten gesagt haben. Der aber, dessen Name nicht genannt werden soll, habe daraufhin den Kunsthistoriker Arthur Brand auf den Fall aufmerksam gemacht. In den Niederlanden hat Brand schon mehrfach Kunstwerke von Goudstikker aufgespürt.
Vom NS-Kunsthandel zerschlagen
Denn Goudstikkers bedeutende, mehrere Jahrhunderte europäischer Malerei umfassende Kunstsammlung wurde über den NS-Kunsthandel zerschlagen, europaweit an Museen und Privat verkauft. Hermann Göring persönlich hatte sich 1940 der Sammlung bemächtigt.
Jacques Goudstikker war auf seiner Flucht ins Exil bei einem Unfall an Bord der „SS Bodegraven“ ums Leben gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Goudstikkers Ehefrau Dési die Rückgabe vieler Kunstwerke gefordert, muss aber auf den Unwillen der niederländischen Behörden gestoßen sein. Erst infolge der Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust von 1998 änderte auch der niederländische Staat seine Restitutionspolitik gegenüber den Erben Goudstikkers. Rund 200 Gemälde, zumeist aus öffentlichen Museen, kehrten daraufhin in ihren Besitz zurück, etwa 500 weitere konnten aufgespürt werden; ein Teil wurde nicht wiedergefunden.
„Porträt eines jungen Mädchens“ werde nun von den Erben zurückgefordert, heißt es. Restitution aus Privatbesitz ist jedoch kompliziert, Privatpersonen können juristisch schwerlich gezwungen werden, Kunstwerke zurückzugeben.
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