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Pe­rua­ne­r im UkrainekriegSüdamerikaner plötzlich an der Front

Peruaner:in­nen werden unter falschen Versprechungen nach Russland gelockt. Dort angekommen, müssen sie im Angriffskrieg gegen die Ukraine kämpfen.

Ein Soldat nahe der Front bei Donezk Foto: Adrien Vautier/Le Pictorium/imago

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Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Text auf Russisch lesen Sie hier.

Staats­bür­ge­r:in­nen aus Peru werden unter falschen Versprechungen nach Russland gelockt. Eigentlich sollen sie dort als Sicherheitskräfte oder Ta­xi­fah­re­r:in­nen arbeiten. Dort angekommen, werden ihnen die Pässe abgenommen und sie landen an der Front in der Ukraine. Anfang Mai hat die peruanische Staatsanwaltschaft eine Voruntersuchung eingeleitet. Die Ermittlungen führt eine auf Menschenhandel spezialisierte Abteilung. Laut Medienberichten gibt es bislang Hunderte solcher Fälle.

Insgesamt sind seit Oktober 2025 etwa 600 Pe­rua­ne­r:in­nen nach Russland gereist, sagte Rechtsanwalt Percy Salinas gegenüber Journalist:innen; Salinas vertritt die Interessen mehrerer vermisster Bürger:innen. Marcelo Tataje ist ein weiterer Anwalt, der Familien von nach Russland gereister Pe­rua­ne­r:in­nen berät. Ihm zufolge sind bereits 135 Vermisstenanzeigen eingereicht worden; es gebe Hinweise auf 250 weitere mögliche Fälle.

Mindestens 13 peruanische Staats­bür­ge­r:in­nen sind bislang ums Leben gekommen, sagte Rechtsanwalt Salinas gegenüber Journalist:innen. Der 25-jährige Ronald Rojas Alcántara, der als Sicherheitskraft nach Russland gereist war, starb am 29. April an seinen Verletzungen. Er habe keine angemessene medizinische Versorgung erhalten, sagte seine Schwester gegenüber dem Radiosender RPP. Auch andere Pe­rua­ne­r:in­nen sollen in Russland Verletzungen erlitten haben, darunter ein 63-jähriger Koch.

In Berichten von La República ist von Jobs als Wachpersonal, Ingenieur:innen, Kö­ch:in­nen oder Ta­xi­fah­re­r:in­nen die Rede. Das Versprechen: 2.600 bis 4.000 US-Dollar pro Monat und ein Bonus von weiteren 20.000 US-Dollar, der jedoch offenbar nicht ausgezahlt wurde.

Das Anwerben erfolgte nach Angaben eines Juristen über eine in Kolumbien registrierte Organisation. Laut Anwalt Salinas mussten die Pe­rua­ne­r:in­nen vor ihrer Ausreise nach Russland Dokumente auf Russisch unterzeichnen. Nach Ankunft seien ihnen die Papiere dann abgenommen worden; anschließend hätten sie eine kurze militärische Ausbildung durchlaufen und seien an die Front in der Ukraine geschickt worden, berichtet La República weiter.

Das Menschenrechtsprojekt Idite Lesom („Geht durch den Wald“) hilft Menschen in Russland, der Einberufung zu entgehen. Ein Jurist des Projekts weiß, wie es Pe­rua­ne­r:in­nen in der russischen Stadt Lipezk geht, die bald an die Front verlegt werden sollen.

Ein Peruaner sei demnach Mitte April zum Arbeiten nach Russland gereist. Dort seien ihm Tätigkeiten wie Reinigungsarbeiten, Küchenarbeit oder das Bewachen von Armeelagern in Aussicht gestellt worden; offiziell habe die Reise als Besuch einer Sportveranstaltung in Moskau gegolten. Nach Ankunft sei der Mann laut Angehörigen nach Lipezk gebracht worden, dort habe man ihn vorübergehend registriert und medizinisch untersucht. Anschließend habe man mit ihm einen Militärvertrag abgeschlossen und ihn zur Ausbildung geschickt.

Ende April habe der Mann kurz Kontakt zur Familie aufnehmen und um Hilfe bitten können. Bereits am Abend des 1. Mai habe sich die Gruppe laut Angehörigen auf besetztem Gebiet in der ukrainischen Region Luhansk befunden. Täglich sterben bei den dortigen Kämpfen hunderte Menschen.

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10 Kommentare

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  • Wieso ist auf dem Foto ein Soldat in ukrainischer Uniform zu sehen, wenn es um Peruaner in der russischen Armee geht? Oder irre ich mich?

  • Ob ihnen das Kononenfutter ausgeht, kann man nicht beurteilen, oder war neulich mal jemand dort?



    Ich nehme eher an, dass das heimische Elend und die Armut in ihren Heimatländern die Menschen dazu bringen, in fremde Kriege zu ziehen.



    Mal ehrlich: Peru ist nun mal nicht eines der reichsten, sondern eher eines der ärmsten Länder auf dieser Welt. Eben so sieht es in Afrika aus. Da Russland immer noch ganz ordentlich für seine Soldaten zahlt. Auf jeden Fall mehr als diese Menschen "zu Hause" bekommen würden, ist es immer noch für viele Menschen wohl überdenkenswert, in einen solchen Krieg zu ziehen.



    Natürlich ist das für uns undenkbar und daher ist es für unser Gewissen leichter, zu verstehen, sie würden unter falschen Versprechungen nach Russland gelockt werden. Was ich in Einzelfällen nicht ausschließen mag.



    Auf Seiten der Ukraine sieht es da anders aus. Da liest man keine Berichte über solche "Söldner" aus aller Herren Länder. Da sind alle aus freien Stücken! Deswegen haben auch so viele ihr Heimatland verlassen, um eben nicht an diesem Krieg teilnehmen zu müssen. Das Gleiche gilt auch auf russischer Seite.

    • @Patrick Stern:

      Putin ist ein guter, der würde nicht lügen. Sie gefallen mir ;-)))



      Meine Meinung zu Putin war klar, als die Berichte kamen über die Oppositionellen, Journalisten etc, die er hat ermorden lassen. Trotzdem habe ich nicht mit einem unprovozierten Angriff auf die Ukraine gerechnet.

    • @Patrick Stern:

      Man kann über das Söldnertum denken, was man will, aber ich sehe durchaus einen Unterschied darin, ob man als Söldner angeworben wird oder für Reinigungsaufgaben, Küchenarbeiten oder Wachdienste und dann an die Front verfrachtet wird. Wobei die genannten Löhne für die genannten Arbeiten schon gut wären, eigentlich zu gut um wahr zu sein.



      Wie gross muss die Verzweiflung sein, damit man solchen Unsinn glaubt?

      • @Carsten S.:

        Schaut man sich die Lage in Süd- und Mittelamerika an, wie dort die Lebensbedingungen sind, kann ich mir gut vorstellen, dass einige Menschen sich sagen, dass es überall besser ist als zu Hause. Und da ist der Schritt, in einen fremden Krieg zu ziehen für Geld, nicht allzu weit.



        Schaut man nach Afrika, ist die Verzweiflung noch größer. Da stellt sich in manchen Regionen schon die Frage, was besser ist: vor Hunger zu sterben oder in einem fremden Krieg. In Ländern, wo der Hunger regiert, glaubt man alles, um diesem Elend zu entgehen. Dass sie das nicht glauben können, zeigt, dass sie keinen Blick über den Tellerrand wagen.



        Wenn wir als zivilisierter Westen die hungernden Menschen im Stich lassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sich diese denjenigen zuwenden, die ihnen wenigstens etwas Hoffnung geben, wenn auch manchmal falsche.



        Wer in solchem Elend lebt, sehnt sich nach Hoffnung. Ganz egal, ob diese nun erfüllt wird oder nicht. Das können wir in unserem warmen Sessel mit dem Bier in der Hand, noch vollgefressen vom Abendbrot, beim Schauen der Tagesschau natürlich überhaupt nicht verstehen.



        Und genau das ist unser Fehler: Uns geht es viel zu gut.

  • Warnt da niemand in den Herkunftsländern?



    Allerdings frage ich mich da auch, wo die ganzen Putin-Fans sind, wenn es drauf ankommt, die AgD müsste sich doch geschlossen an die Front melden.

    • @Axel Schäfer:

      Die Herren van Aken, Mützenich und Stegner sind doch auch große Putin Liebhaber....

    • @Axel Schäfer:

      Es ist eben das Prekariat, welches aus Notgründen solche dubiosen Angebote aus Russland annehmen muss. Arbeitsmigration in diesem Fall ist wie Russisches Roulette.



      Plata o plomo.

    • @Axel Schäfer:

      Warnt man den auf ukrainischer Seite, seinen „Söldner“, vor dem, worauf sie sich da einlassen? Durch den Fleischwolf gedreht zu werden, ist für keinen angenehm. Egal auf welcher Seite man steht.



      Beide Seiten nehmen, was sie bekommen, und machen, was sie für richtig halten, damit. Ob das gut oder schlecht ist, ist immer Ansichtssache.

  • Putin geht offensichtlich das "heimische Kanonenfutter" aus.

    Der Mann steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand. Er wird diesen Krieg, auch militärisch verlieren. Moralisch hat er ihn schon vor 10 Jahren verloren.







    ..und glaubt man an das *Gesetz des Karma* dürften ihm ungefähr 1Mio ziemlich besch&%€+ Wiedergeburten bevorstehen.

    Viel Glück Vladi..du wirst es brauchen.