Streit wegen Schulversuch in Spanien: Policía? No gracias
Polizisten an Schulen – eine gute Idee, dachte sich die spanische Region Katalonien. Doch jetzt ziehen sich die ersten Einrichtungen aus dem Pilotprojekt zurück.
Jede Schule bekommt ihren Polizisten – das testet jetzt das Bildungsministerium in der spanischen Autonomieregion Katalonien. Zivil gekleidete Beamte der Autonomiepolizei Mossos d'Esquadra sollen dauerhaft vor Ort sein, Konflikte schlichten und bei Straftaten sofort eingreifen können. „Konfliktpotential senken und Konflikte verhüten“, nennt das die sozialdemokratische Regionalregierung unter Salvador Illa. Zunächst geplant war ein Pilotprojekt an 14 Schulen, die laut Schulbehörde eine „komplexe Realität“ aufweisen.
Bis Schuljahresende soll eine erste Bilanz vorliegen, im Januar folgt die endgültige Bewertung. Dann entscheidet sich, ob das Modell auf weitere Schulen ausgeweitet wird. Die Polizeigewerkschaft SAP begrüßt die Maßnahme. „Es gibt immer wieder Situationen, die Schulen überfordern“, erklärt ein Sprecher. Laut Statistiken haben sieben von zehn Lehrern bereits verbale oder körperliche Übergriffe erlebt.
Iolanda Segura, Sprecherin der Lehrergewerkschaft USTEC-STEs
Bildungsministerin Esther Niubó betont, die Polizisten würden nicht am Unterricht teilnehmen. Die Schulen und Lehrer hätten die Maßnahme gefordert und die teilnehmenden Schulen hätten sich freiwillig gemeldet, versichert sie. Doch Iolanda Segura, Sprecherin der größten Lehrergewerkschaft USTEC-STEs, widerspricht: „Niemand hat das verlangt.“
Sie fordert das sofortige Ende des Projekts. „Statt Schulen besser auszustatten, die Klassengrößen zu reduzieren und in Integrationsberatung oder Schulpsychologen zu investieren, schicken sie Polizisten“, kritisiert Segura in der katalanischen Presse. Eine Lehrerplattform betont in einem Kommuniqué, dass Lehrer die „einzige Autorität an der Schule“ sein sollten.
Geld für Schulpsychologen wurde letztes Jahr gestrichen
Mònica Nadal von der Stiftung Equitat.org, die sich für Chancengleichheit an Schulen einsetzt, erkennt „tatsächlich Probleme des Zusammenlebens an einigen Schulen“. Das sei natürlich ein Problem für den Lernprozess der Schüler und Schülerinnen, die Lösung sei aber die falsche: „Wenn die Schule eine Bildungs- und Erziehungseinrichtung ist, muss die Antwort mit Bildung und Erziehung zu tun haben“, sagt sie.
Tatsächlich scheint es, als gehe das Pilotprojekt der Regionalregierung nach hinten los. Angesichts der Proteste von Lehrern und Eltern haben sich bereits 4 der 14 Schulen aus dem Projekt zurückgezogen. Weitere könnten folgen.
Polizisten stünden für Kontrolle, nicht für Pädagogik, heißt es bei Equitat.org. Fehlende Integrationspolitik und der Fokus auf Kontrolle verschärften die Ungleichheit und damit die Konflikte vor allem für sozial benachteiligte Schüler und Minderheiten. Die Stiftung fordert mehr Fachpersonal für Integration und Konfliktbewältigung.
Doch genau hier spart die Regionalregierung. Allein zum Schuljahresbeginn wurden im vergangenen Sommer 120 Stellen für Schulpsychologen und Integrationspersonal gestrichen. „Sie erklärten uns, es sei eine Frage von fehlendem Geld im Haushalt und jetzt haben wir plötzlich einen Plan, um Polizisten in den Schulen zu finanzieren“, beschwert sich die Vorsitzende des Elternverbandes Affac, Lidón Gasull.
Die Minderheitsregierung von Salvador Illa kann bei diesem Vorhaben nicht auf die Unterstützung der übrigen linken Parteien zählen, die sonst für ihre parlamentarische Mehrheit sorgen. Für die Republikanische Linke Kataloniens (ERC) ist es „eine populistische Maßnahme, die zum Scheitern verurteilt ist“ und für die linksalternative Comuns „ist es weder Pädagogik noch eine Verbesserung des Zusammenlebens“.
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