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E-Autobesitzer verdienen beim LadenSteckdose wird zur Geldzapfsäule

Überall wird über Benzinpreise geklagt. Doch für Stromentnahmen aus dem Netz bekamen am Sonntag Haushalte sogar Geld, weil so viel Solarstrom vorhanden war.

Da lacht die Sonne: Dank Solarüberschuss gab es in der Spitze um 14 Uhr gab es 48 Cent Bonus für jede abgenommene Kilowattstunde Foto: Jörg Sarbach/ap

Die Photovoltaik in Deutschland flutete am Sonntag die Stromnetze. Am Mittag war so viel überschüssiger Strom vorhanden, dass Haushaltskunden mit dynamischen Tarifen mit jeder verbrauchten Kilowattstunde Geld verdienen konnten – was Besitzer von E-Autos umgehend in den sozialen Medien feierten.

Am Vortag hatte der Spotmarkt der Strombörse die Entwicklung angekündigt, dass am Sonntag zwischen 9.15 Uhr und 17.30 Uhr die Großhandelspreise durchgehend negativ sein würden. In der Spitze um 14 Uhr gab es sogar 48 Cent Bonus für jede abgenommene Kilowattstunde; das war der tiefste Wert seit Juli 2023. Zu den Börsenpreisen kommen für Endkunden noch Steuern, Umlagen und Netzentgelte hinzu; gleichwohl konnten auch Haushalte am Sonntagmittag bis zu 40 Cent je verbrauchter Kilowattstunde kassieren.

Endverbraucher erhielten von den Anbietern dynamischer Stromtarife etwa vier Stunden lang Geld, was vor allem für Nutzer von E-Fahrzeugen attraktiv war. Wer in diesen vier Stunden an seiner Wallbox mit 11 Kilowatt lud, konnte 44 Kilowattstunden aus dem Netz ziehen und bekam bei einem mittleren Preis von minus 20 Cent je Kilowattstunde für seinen Tankvorgang fast neun Euro Prämie.

Wer hingegen keine Wallbox zu Hause hat und auf öffentliche Ladesäulen angewiesen ist, konnte kaum profitieren, denn an den Ladestationen gelten in der Regel noch immer Fixpreise. Diese Preisstruktur ist inzwischen ein großes Hemmnis bei der angestrebten Flexibilisierung des Stromverbrauchs. Selbst der Hannoveraner Stromanbieter Enercity, der als einer der Pioniere dynamische Ladetarife testet, verlangte am Sonntagmittag noch immer 46 Cent. Das war zwar deutlich günstiger als die 75 Cent in den frühen Abendstunden, aber trotzdem kein Preis, der den Notierungen im Großhandel annähernd Rechnung trug.

Steuerzahler kommen für negative Strompreise auf

Die negativen Preise für Endverbraucher haben auch eine Kehrseite: Dieses Geld kommt über die EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt. Denn unabhängig von den Börsenpreisen bekommen viele Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Energien noch eine Fixvergütung, für die der Steuerzahler geradesteht. Nur wegen dieser Garantiezahlungen können überhaupt die extremen negativen Strompreise entstehen, die einen nicht mehr sinnvoll nutzbaren Überschuss dokumentieren. Seit Jahresbeginn gab es in Deutschland bereits 135 Stunden mit negativen Preisen – und der Sommer kommt erst noch, in dem negative Preise am Mittag zunehmend Standard werden.

Den Überschuss dokumentiert auch der Sonntag: Die Stromerzeugung aus Photovoltaik in Deutschland lag laut den ersten Zahlen der Energy-Charts des Fraunhofer ISE am Mittag bei bis zu 53 Gigawatt, während der Stromverbrauch zur selben Zeit gerade 50 Gigawatt erreichte.

Ein interessantes Phänomen zeigten die vergangenen Tage zudem: Die Photovoltaikanlagen, die oft noch Fixvergütungen unabhängig von den Börsenpreisen erhalten, zwangen in den Mittagsstunden viele Windkraftanlagen zum Abschalten. Denn Windkraftanlagen bekommen seit dem Inbetriebnahmejahr 2016 keine Vergütung mehr, wenn der Strompreis an der Börse sechs Stunden lang negativ ist – was im Sommer immer häufiger vorkommt.

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3 Kommentare

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  • Die Erneuerbaren kannibalisieren sich gegenseitig, ohne Speicher wird sich da nichts ändern. Eine Pleitewelle bei den Betreibern, vor allem den kleineren privat geführten und den Bürgerwindparks kleine wird die Folge sein...

  • Der Artikel klingt so, als ob das ein Problem sei. Der Markt funktioniert. Und er würde besser funktionieren, wenn man Akkus stärker am Netz beteiligen würde, beispielsweise die im Artikel genannten E-Autos könnte man mit einfachen Tarifänderungen auch von negativen Preisen beim Laden an öffentlichen Ladesäulen profitieren lassen.

    Auch Großspeicher können helfen, werden aber wo es geht von unserer Wirtschaftsministerin ausgebremst.

    Seit einem Jahr errichtete PV Anlagen bekommen bereits heute zu Zeiten negativer Börsentarife keine Vergütung mehr und müssen, sobald eine Steuerbox vom Netzbetreiber installiert wurde, abgeregelt werden. Die Netze sind aber nicht nur von "PV-Strom verstopft", sondern genauso von fossilen Kraftwerken, die in dieser Zeit, obwohl nicht benötigt, auch nicht vollumfänglich heruntergefahren wurden.

    Wir haben letztes Jahr 80 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe ins Ausland überwiesen. Das war keine Investition, nur für Betriebsmittel. DAS ist ein Problem, nicht die ohnehin immer kleiner werdende Einspeisevergütung für PV Anlagen.

    • @Karl Schmidt:

      Der Strommarkt funktioniert aber anders als der Kartoffelmarkt aus den VWL Lehrbüchern.



      Der Strom der wochenends Mittags zu viel ist, fehlt am selben Abend wieder und unter der Woche sowieso. Diese Überkapazitäten führen aber dazu, dass Erneuerbare finanziell in Schieflage geraten können, sind doch die Finanzierungsmodelle unter ganz anderen Marktbedingungen geschnürt worden.



      Auf dem Kartoffelmarkt wäre die Folge eine Pleitewelle der überzähligen Produzenten und es bliebe die Anzahl an Produktionskapazitäten übrig, die auch nachgefragt werden. Aber in der Realität gibt es diesen ideellen Kartoffelmarkt nicht, auf dem Strommarkt sowieso nicht. Die nachgefragten Kapazitäten schwanken dort nämlich enorm. Das, was eben noch zu viel war, fehlt kurze Zeit später wieder.



      Das ist eine doppelte Verlustsituation, die Erzeuger geraten in Bedrängnis und kurze Zeit später müssen die fehlenden Kapazitäten am Strommarkt fossil gedeckt werden.



      Ein Strommarkt funktioniert, nur wenn er gesteuert und geplant wird und durch Speichertechnologie gepuffert, die gesteuert und koordiniert errichtet werden. Der Markt regelt da gar nichts.