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Berufskrankheit durch Schadstoff„Haben Sie mit Asbest zu tun gehabt?“

Seit Jahrzehnten ist Asbest verboten, doch noch immer zerstört es das Leben vieler Tausend Menschen. Auch das von Hans Stock. Über seinen Kampf für Entschädigung.

Aus Bremen

Alexandra Duong

I m November 2026 soll Hans Stock medizinisch begutachtet werden, einmal mehr. Er wäre dann 81 Jahre alt. Wieder soll er einem Gutachter gegenüberstehen, wieder soll seine Lunge überprüft werden, wieder soll er auf die Stellungnahme warten. Zum vierten Mal. Seine Odyssee will kein Ende nehmen.

Im Februar 2022, vor mehr als vier Jahren, sitzt Hans Stock am Esstisch in seinem Haus in Bremen und erzählt die Vorgeschichte. Er wirkt zerbrechlicher, als er am Telefon geklungen hatte. Zwei Stunden hatte er zuvor bereits am Handy aus seiner Biografie erzählt: von seinen Eltern, die aus Ostpreußen geflohen waren, von seinen drei Söhnen, von der geliebten Enkeltochter und den Bilderbüchern, die er ihr schreibt.

Stock ist lungenkrank. Ihm bleibe die Luft weg, sagt er, schon nach zehn, zwanzig Metern zu Fuß. Auch als er in seinem Haus sitzt und spricht, ringt er plötzlich nach Luft.

Den jährlichen Urlaub an der Mosel haben sie aufgegeben, seine Frau und er. Sie fährt ihn zum Arzt und zieht ihn morgens an, auf längeren Strecken schiebt sie ihn im Rollstuhl. Er sagt, er habe immer gedacht, seine Atemnot käme vom Herzen. Bis er im Jahr 2019 einen Anruf erhält. Am Telefon erzählt ihm sein Urologe, dass es Asbeststaub sein könnte, der seine Lunge zerstört. Viele Jahre hat Stock mit Asbest gearbeitet, an mehreren Arbeitsstellen.

Hans Stock ist wohl durch die Arbeit mit dem schädlichen Stoff krank geworden, wie Tausende andere Menschen in Deutschland. Zwar ist die Verwendung der Faserstoffe seit gut 30 Jahren verboten, aber Menschen erkranken noch bis zu 60 Jahre, nachdem sie den Staub eingeatmet haben.

Deswegen zählen die Lungenkrankheit Asbestose, asbestbedingter Lungen- und Kehlkopfkrebs sowie das Mesotheliom – ein Tumor, der fast nur durch Asbest hervorgerufen wird – nach wie vor zu den häufigsten Berufskrankheiten. Und zu den tödlichsten: 2024 verursachten sie rund 65 Prozent der insgesamt 1.900 Todesfälle durch eine Berufskrankheit. Das sind die jüngsten Zahlen, veröffentlicht im Dezember 2025 von der Bundesregierung im jährlichen Bericht zu „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“. Im Vorwort erwähnt Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas explizit Asbest.

Asbest ist ein Mineral, das eine faserhafte Struktur hat. Abgebaut wird es in Asbestminen. Einst war es die „Wunderfaser“ des Wirtschaftswunderlands Deutschland. Laut Umweltbundesamt ist hierzulande in den vergangenen hundert Jahren kaum ein anderer Werkstoff in so großen Mengen verwendet worden. Asbest ist feuerfest, extrem beständig und noch überall zu finden.

Als Asbestzement auf Dächern, Spritzasbest um Heizungsrohre, in asbesthaltigen Vinyl-Bodenbelägen, in Verputzen, Fliesenklebern und vielem mehr. Ist er fest gebunden oder mit anderen Materialien überbaut, ist Asbest noch nicht besonders gefährlich. Doch beim Umgang damit, wenn die winzigen Fasern freigesetzt werden, können diese in die Lunge gelangen.

Für Menschen, die durch ihre Arbeit an Asbestose erkrankt sind, ist die gesetzliche Unfallversicherung zuständig – und als deren Träger die Berufsgenossenschaften. Auch Hans Stock glaubte, dass diese ihn entschädigen würden. Sechs Jahre, drei Gutachten und eine Klage später glaubt er das nicht mehr. Er erlebt ein System, das im Zweifel nicht für die Kranken arbeitet, sondern gegen sie.

Stock ist einer von vielen, die in Werkstätten und Fabriken, auf Baustellen und Werften geschliffen, gebohrt und gehämmert haben, um Stück für Stück, Stein für Stein aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs wieder ein Industrieland zu errichten. Wie viele andere Werftarbeiter, Schlosser, Weberinnen, Klempner, Kfz-Mechaniker.

Erledigt ist das Thema Asbest noch lange nicht. Im Gegenteil: 2023 warnte die Industriegewerkschaft Bau vor einer „Asbest-Welle“ in den kommenden zwei Jahrzehnten. Zwischen 1950 und 1989 sei mehr als die Hälfte aller Wohnhäuser in Deutschland gebaut worden, rund 9,4 Millionen. Vermutlich stecke Asbest in allen Gebäuden, die in der Zeit gebaut oder umgebaut wurden. Und die müssten jetzt saniert werden. Wer dort ungeschützt bohrt oder schleift und Asbestfasern einatmet, gefährdet sich.

Durch die Lunge verlaufen von der Luftröhre aus die Bronchien. Sie verzweigen sich immer feiner, wie Äste eines Baums. An ihren Spitzen sitzen winzige Lungenbläschen, umhüllt von Adern. Dort geht der Sauerstoff, den wir einatmen, ins Blut über. Feine Asbestfasern, die einige tausendstel Millimeter lang sind, können tief in die Lunge gelangen, bis in die Lungenbläschen hinein.

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