Kabinettsmitglieder im Haber-Streit: Familienministerin rügt Kulturstaatsminister
Ministerin Karin Prien erklärt Minister Wolfram Weimers Rückgriff aufs Haber-Verfahren für falsch. Dabei stützt sie sich selbst gern auf Verfassungsschutzbezichtigungen.
Eigentlich wollten sie über kuschelige Themen plaudern, die Weltbestsellerautorin und die Bundesministerin: In einer Kirche in Hamburg-Blankenese saßen Cornelia Funke und Karin Prien Sonntagabend zusammen. Gehen sollte es darum, „welche Bücher Jugendliche begeistern“ und was sich konkret ändern müsse, „damit Lesen wieder selbstverständlich wird“.
Moderiert von Stefan Hauck, Kinder- und Jugendbuchkritiker und beim Börsenverein beschäftigt, berichtete Prien von prägenden Bucherinnerungen; dass Märchen „eine riesige Rolle gespielt“ hätten. Manche habe die Großmutter sich gleich selbst ausgedacht.
Nun ist Christdemokratin Prien als Bundesfamilienministerin auch Stifterin des Deutschen Jugendliteraturpreises. Und: Bücher, Preise und das Bundeskabinett, da ist in diesen Tagen viel Musik drin, aber kaum wohlklingende. Die Branche, so Hauck, frage sich: Wird das Haber-Verfahren auch beim Preis für Jugendliteratur angewendet? „Im Kontext von Kunst- und Kulturförderung“, sagte Prien, „hat das meiner Meinung nach nichts zu suchen.“
Das wirkt wie eine Absetzbewegung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Der berief sich ja auf vermeintliche Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, als er jüngst drei aus Jurysicht auszuzeichnende Buchhandlungen aus dem Wettbewerb um den Buchhandlungspreis nahm – weil für ihn zu extremistisch.
Andererseits: Durch liberalen Mut fällt Prien im eigenen Beritt auch nicht auf, obwohl das viele von ihr, der liberalen Konservativen, erwartet hatten. Sie sägt gerade an der Förderung von Hunderten Initiativen des Programms „Demokratie leben!“. Zu linksliberal seien sie ausgerichtet, sagte sie dazu der taz. Und dass sie dort das Haber-Verfahren flächendeckend anwende.
Das Gespräch vom Sonntagabend kann nachgehört werden: Als erste Folge des Literaturpodcasts „Du musst Dein Lesen ändern“ ist es auf diversen Plattformen zu finden
Die Hintergründe bleiben ungewiss. Herrscht in ihrem Ministerium wirklich Konfusion, welche Milieus beispielsweise Initiativen zur Rechtsextremismus-Bekämpfung erreichen? Wie die Sache für „Demokratie leben!“ ausgeht, muss sich erst zeigen. Aber nach Märchen klingt das alles nicht.
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