Völkerrecht in der Krise: Das Recht der Gleichen
Das Völkerrecht ist nicht tot, aber stark reformbedürftig. Europa sollte sich für mehr Gleichheit einsetzen – und die ehemals Blockfreien umwerben.
D ie Völkerrechtsordnung der Nachkriegszeit gibt es nicht mehr. Das zeigte sich schon vor dem rechtswidrigen Angriff der USA und Israels auf Iran. Anfang des Jahres bekannte Donald Trump freimütig, dass ihn nur seine eigene Moral interessiere, nicht das Völkerrecht. Er schob hinterher, dass es darauf ankomme, was man unter Völkerrecht verstehe. Sein Verständnis offenbarte er kurz später bei der Gründung des „Trump Board of Peace“ in Davos: eine Organisation wie ein Golfclub, maßgeschneidert für Trump. Zwar enthält die Satzung ein Lippenbekenntnis zum Völkerrecht, aber was man darunter versteht, ist, wie gesagt, Ansichtssache.
Den Gegenpol zu Trump in Davos bildeten Mark Carney und – „for sure“ – Emmanuel Macron. Beide bekannten sich zu einer multilateralen Ordnung nach dem Prinzip souveräner Gleichheit.
Jedes dieser Verständnisse des Völkerrechts hat seine Geschichte. Trumps Völkerrecht stammt aus dem Kolonialismus. Es diente imperialen Mächten dazu, ihre Interessenssphären abzustecken. Ungleichheit war in ihm angelegt: Den kolonisierten Völkern verweigerten die Europäer die Anerkennung als vollwertige Rechtssubjekte – um sie zu unterdrücken. Dieses Völkerrecht stabilisierte zudem die Ungleichheit im Innern der Großmächte. Mächtige Kreise profitierten am meisten von kolonialer Expansion: Herrscher, Kolonialgesellschaften, Plantagenbesitzer. Zugleich schuf Kolonialismus ein Ventil für soziale Spannungen, sei es durch Streitkräfte, Auswanderung oder billige Kolonialwaren wie Zucker.
Matthias Goldmann ist Professor für Internationales Recht an der privaten EBS-Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel in Hessen. Außerdem ist er Wissenschaftlicher Referent am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor dieses Völkerrecht mit steigendem Lebensstandard an Rückhalt. Kolonialismus und Sklaverei kamen in den kritischen Blick einer zunehmend demokratischen Öffentlichkeit. So entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrittweise die Vision eines universellen, egalitären Völkerrechts. Internationale Institutionen sollten den Gegenentwurf zum Imperialismus und den Katastrophen des 20. Jahrhunderts bilden. Kooperation statt riskanter Expansion sollte den Wohlstand für alle mehren.
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So ganz egalitär war jedoch auch dieses Völkerrecht nicht. Während die Dekolonisierung politische Macht neu verteilte, gaben die führenden Industriestaaten wirtschaftlich und militärisch das Ruder nicht aus der Hand. Der Kalte Krieg verkomplizierte Veränderungen. Das Völkerrecht der Gleichen blieb daher Illusion. Zu groß waren die faktischen Ungleichheiten zwischen den Staaten.
Diese Schieflage hat sich mittlerweile verschlimmert, seitdem die Ungleichheit in den USA und anderen entwickelten Ländern wieder angestiegen ist. Es begann mit dem Schwenk zu neoliberaler Wirtschaftspolitik. Zwar profitieren westliche Konzerne von globalen Lieferketten, doch ihre Heimatländer bezahlten dafür mit dem Niedergang der Industriegesellschaft. Das erleichterte den Streitkräften die Personalgewinnung, polarisierte aber das politische System. Mittlerweile gelingt es einer Symbiose aus Superreichen und aufstrebenden Autokraten, den Unmut in politische Macht zu münzen, die sie zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil einsetzen.
Diese Oligarchie richtet die Weltpolitik nun an ihren Interessen aus. Dazu gehört die Kontrolle von natürlichen Ressourcen, ob in Venezuela, Grönland, Russland oder der Golfregion, aber auch politische Kontrolle über andere Staaten, die sich besser über befreundete Autokraten gewinnen lässt als durch Werben um die Gunst demokratischer Mittelschichtgesellschaften.
Ist angesichts dessen ein Völkerrecht der Gleichen jenseits wohlfeiler moralischer Empörungsnarrative noch vorstellbar? Wenn überhaupt, dann nur ein Völkerrecht, das nicht nur eine formale regelbasierte Ordnung, sondern ein hohes Maß an sozialer Gleichheit in den Mittelpunkt stellt, global wie lokal. Nur so lässt sich das Regiment autokratischer Oligarchen eindämmen. Zugleich schafft soziale Gleichheit die Voraussetzungen, unter denen Demokratie nachhaltig gelingen kann, ohne sie herbei zu bomben.
Ein solches Völkerrecht der Gleichen müsste jedoch machtpolitisch bestehen können. China verhält sich zwar zurückhaltender als die USA, doch letztlich auch hegemonial. Europa müsste mit anderen Staaten kooperieren, die sich aus der Umklammerung der Großmächte befreien wollen. Davon gibt es einige, in Lateinamerika, Süd- und Ostasien und Afrika. In der Summe sind diese Staaten machtpolitisch den damaligen „Blockfreien Staaten“ des Kalten Kriegs haushoch überlegen. Zudem sind selbst die Großmächte zu vernetzt und abhängig, um ein breites Staatenbündnis unter der Flagge des Völkerrechts der Gleichen zu ignorieren. Politische Einigkeit dürfte ein solches Bündnis oft nur schwer finden, doch äußere Bedrohung kann Wunder wirken.
Natürlich würde das Völkerrecht der Gleichen Europa einiges abverlangen. Europa müsste international denken und teilen. Das Gleichheitsversprechen dieses Völkerrechts muss eingelöst werden – formell wie materiell, lokal wie global. Dazu müsste bei vielen neuralgischen Themen ein Kassensturz stattfinden, sei es das Unrecht der Vergangenheit oder die Weltwirtschaftsordnung.
Ein solches Völkerrecht der Gleichen könnte zu einer hegemonialen Idee im Sinne Gramscis werden. Autokratische Kräfte profitieren nicht zuletzt von Abstiegsangst im Zeichen grassierender Ungleichheit. Ihre Erzählung ist rückwärtsgewandt, begrenzt auf das Versprechen, Privilegien zu sichern. Das dürfte auf Dauer schiefgehen, wenn autokratische Regimes zugleich die Erosion von gesellschaftlicher Gleichheit auf die Spitze treiben. Irgendwann bekommt auch der letzte Trumpist mit, dass er vielleicht doch nicht zum Kreis der Privilegierten gehört und man Kulturkampf nicht essen kann. Dann kann das Versprechen einer Weltgesellschaft der Gleichen diese Regimes durch eine Fortschrittserzählung erschüttern. Europa hat die Chance, sie mitzugestalten.
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