Neonazis organisieren Volkstanzgruppen: Die Ringelreihen fest geschlossen
Auf dem Land tarnen Neonazis die Verbreitung ihrer NS-Ideologie als „Brauchtumspflege“. Beliebte Rekrutierungsform: völkische Volkstanzgruppen.
D ie Szenen, die sich Mitte März in einer Möbeltischlerei am Rande eines pittoresken Örtchens im Süden Thüringens beobachten lassen, wirken unschuldig. Durch die geöffneten Fenster einer Halle schallen Klänge von Gitarre, Geige und Akkordeon. Frauen in langen Kleidern und Männer mit Hosenträgern fassen sich an den Händen, heben sie auf Schulterhöhe und drehen sich im Kreis. Ein Schreittanz. Altmodisch, aber ausgelassen.
So harmlos das Treffen anmutet, so extrem rechts sind viele der Teilnehmenden. Hier, am Rande der 1.600-Seelen-Gemeinde Ranis mit seiner verfallenen Mühle, der mittelalterlichen Burg und den engen Gässchen nahe des Thüringer Schiefergebirges, trafen sich an jenem Samstagnachmittag rund 30 Männer, Frauen und ein paar Kinder zu einem Event, das zuvor in einer Telegramgruppe als „Tanznachmittag“ beworben wurde.
Reporter der taz konnten das Treffen dokumentieren. Mit dabei: Personen aus dem Milieu der Holocaustleugner*innen, Reichsbürger*innen- und Neonazi-Szene aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Baden-Württemberg und Hessen.
Dass so einschlägige Szeneleute zusammengekommen sind, ist kein Zufall. Volkstanzgruppen wie die in Ranis dienen Rechtsextremisten längst nicht nur als Freizeitvergnügen. Es sind politische Netzwerk- und Rekrutierungstreffen. Im harmlosen Gewand vermeintlicher Brauchtumspflege betreiben die Rechten einen knallharten Kulturkampf im Sinne der NS-Ideologie. Ähnlich funktioniert das mit Liederabenden, historisierenden Laienschauspiel-Aufführungen und Sonnenwendfeiern.
Vor allem aber die Volkstanzgruppen gewinnen unter Neonazis an Popularität. Verfassungsschutzämter mehrerer Bundesländer sowie unabhängige Rechtsextremismusexperten warnen gegenüber der taz vor dem Problem. Und auch die traditionellen Trachten- und Volkstanzvereine wehren sich gegen die ungebetenen Mittänzer*innen.
Rechtsterroristen lernten sich beim Volkstanz kennen
Das Propaganda-Potenzial von „Brauchtumspflege“ hat auch die AfD für sich erkannt. So proklamiert die Partei etwa in ihrem kürzlich beschlossenen „Regierungsprogamm“ für Sachsen-Anhalt, man müsse das „Brauchtum im ländlichen Raum erhalten“ und „Aktivitäten fördern, die das Heimatgefühl und die Nationalidentität stärken“.
Welche Bedeutung Volkstanzgruppen dabei für die rechte Szene einnehmen, ließ sich in den vergangenen Wochen ebenso in Dresden beobachten. In einem Hochsicherheitsneubau am Rande der Stadt läuft dort seit Januar der Prozess gegen acht junge Männer vor dem Oberlandesgericht. Ihnen wird vorgeworfen, sich als „Sächsische Separatisten“ zu einer rechtsterroristischen Gruppe vereinigt zu haben. Die Angeklagten weisen die Vorwürfe zurück. Einer von ihnen, der AfD-Politiker Kurt Hättasch, hatte in einer ausschweifenden Aussage Einblicke in eine von NS-Gedankengut geprägte Lebenswelt gewährt.
Mit 16 oder 17 Jahren habe er ein Interesse am Brauchtum und an Volksliedern entwickelt, erklärte Hättasch vor Gericht. Mit 18 oder 19 sei er erstmals bei einem Volkstanz eingeladen gewesen und dann dabei geblieben. Im Lauf seiner Aussagen wird klar: Volkstanz spielte auch für die Vernetzung weiterer Personen aus den Ermittlungen eine Rolle. Mit dem Angeklagten Kevin R. teile er die Leidenschaft für den Volkstanz, sagt Hättasch, den Angeklagten Kevin M. lernte er bei einem solchen Event kennen, ebenso mindestens drei weitere Beschuldigte. Und auch der Angeklagte Hans-Georg P. berichtet von seinem Interesse am Volkstanz.
Der AfD-Politiker Hättasch nennt dazu die Organisationsstruktur „Kulturwerk“, die es in verschiedenen Orten gebe. Er habe in diesem Rahmen mit einem Bekanntenkreis „Brauchtumspflege durch Tanz und Gesang“ betrieben. Die Tanzveranstaltungen hätten sechs bis sieben Mal im Jahr stattgefunden und seien nicht öffentlich gewesen.
Das klingt zunächst harmlos. Doch die taz hatte über einen Teil der Organisation, das „Kulturwerk Oberlausitz“, 2024 und 2025 berichtet und deren Sonnenwendfeiern dokumentiert, die sich an den Traditionen von völkischer Bewegung und Nationalsozialismus orientierten. Der Sächsische Verfassungsschutz hatte das „Kulturwerk Oberlausitz“ daraufhin zu einem neonationalsozialistischen „Beobachtungsobjekt“ hochgestuft.
Tänzer*innen aus Holocaustleugner-Milieu
Der Organisator des Tanznachmittags in Ranis im März ist Elias R., ein Mittzwanziger mit einer langen Vokuhila-Frisur. Er ist Musiker in einer lokalen Band und wirkt in einem Jugendclub in der Kleinstadt mit. Und: Er ist vernetzt mit der rechtsextremen Szene in Thüringen und nimmt immer wieder an neonazistischen Aufmärschen teil. Vor ein paar Wochen hatte R. für den Tanznachmittag in einer Telegram-Gruppe geworben: „Mit Tanzanleitung und für Anfänger geeignet. Egal ob jung oder alt; es sind alle herzlich willkommen.“ Alles in modernem Layout mit serifenloser Schrift.
Der Einladung folgen an jenem Samstag: Reichsbürger*innen vom „Vaterländischen Hilfsdienst“, von der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung, eine AfD-Lokalpolitikerin und Gymnasiallehrerin, die einst Bundesgeschäftsführerein beim extrem rechten „Bund Heimattreuer Jugend“ war, eine Impfgegnerin, die ein Buch zur „Entgiftung“ mit giftigen Chlordioxidlösungen geschrieben hat. Ebenso anwesend: Axel Schlimper, ehemaliger Kopf der „Europäischen Aktion“, einem Netzwerk für Holocaustleugner*innen, sowie Personen rund um den geschichtsrevisionistischen Verein „Gedächtnisstätte“ mit Sitz in Guthmannshausen, wo wiederholt Holocaustleugner*innen auftraten.
Veranstaltungen wie die in Ranis sind in der Region nicht selten. Das antifaschistische Rechercheportal Jena/Saale-Holzland-Kreis beobachtet solche Events in Thüringen seit Jahren. Aufgefallen sind der Recherchegruppe dabei Organisationen mit Namen wie „Volksliedertafel Dresden“ sowie Teilnehmende aus dem Milieu der Reichsbürger*innen und völkischen Siedler oder von der verbotenen antisemitischen „Artgemeinschaft“.
Auch der Name Nikolai Nerling taucht immer wieder auf. Der ehemalige Grundschullehrer erlangte als „Volkslehrer“ auf Youtube eine gewisse Berühmtheit, verharmloste den Holocaust und ist wegen Volksverhetzung verurteilt. Nerling veranstaltete selbst öffentliche Volkstanzkundgebungen. Der taz liegt ein Foto vor, das den angeklagten mutmaßlichen Rechtsterroristen Kurt Hättasch im Jahr 2020 als Zuhörer einer Veranstaltung von Nerling zeigt. Hättasch ist damals 20 Jahre alt, es ist ungefähr die Zeit, in der er laut eigener Aussage mit dem Volkstanz begonnen hat.
Niedrigschwelliger Einstieg in die rechte Szene
Laut dem Rechercheportal Jena/Saale-Holzland-Kreis nehmen Neonazis wie Nerling zentrale Rollen in der Organisation der Volkstanzveranstaltungen ein und nutzen diese vermeintliche Brauchstumspflege als Vehikel, um extrem rechte Ideologie zu verbreiten. „Solche Veranstaltungen wirken zum einen nach innen in die Szene, indem sie durch gemeinsame Wochenendaktivitäten eine extrem rechte Gemeinschaft stärken. Und sie können auch als niedrigschwelliger, vorgeblich ‚unpolitischer‘ Einstieg in die Szene dienen.“
Und das passiert tatsächlich fast jede Woche irgendwo in Deutschland. So etwa auch jüngst wieder am zweiten Aprilwochende in einem Festsaal in Dürrröhrsdorf-Dittersbach bei Dresden. Auch dieses Volkstanztreffen konnte die taz beobachten: Völkische Siedler trafen auf ehemalige Politiker von CDU und der rechtsextremen Partei „Pro Chemnitz“, auf Freie Wähler und einen Funktionär der Partei „Die Basis“. Ganz unterschiedliche rechte und verschwörungsideologisch geprägte Milieus also, die sonst eher nicht so leicht zueinander finden.
Für Reinhold Frank ist all das ein Problem. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Volkstanz, einer Dachorganisation für Volkstänzer*innen. Die Gemeinschaft schätzt Frank auf mehrere Zehntausend Mitglieder, rechtsextreme Volkstanzgruppen machten nur einen Bruchteil aus und seien nicht Teil seines Verbands. Dennoch gebe es sie. „Einzelne versuchen, unsere Gruppen zu infiltrieren“, sagt Frank. „Und wir wehren das ab.“
Tatsächlich finden sich auf der Website der Organisation sensibilisierende Artikel etwa über Volkstanz und Politik und die historische Vereinnahmung für Propagandazwecke, Warnungen vor Figuren wie Nikolai Nerling sowie auch ein Interview mit dem Rechtsextremismusexperten und taz-Autor Andreas Speit. Erst bei der letzten Jahreshauptversammlung änderte der Dachverband seine Satzung, erzählt Frank. Mitglied könne nur noch werden, wer sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekenne.
Erfundene Traditionen von Rechtsextremisten
„Diese reine deutsche nationale Kultur, wie es sich die Rechtsextremisten vorstellen, das ist eine Chimäre“, sagt Frank. „Kultur hat noch nie an irgendeiner politischen Grenze Halt gemacht.“ Deutschland liege in der Mitte Europas, sei seit jeher Durchgangsstation für Wanderungsbewegungen gewesen. „Es gibt Tanzformen, die so ähnlich von Dänemark bis Italien getanzt werden. Und dann gibt es ganz regionalspezifische Sachen.“ Rechte versuchten, junge Leute in etwas hineinzuziehen, das mit Volkstanz rein gar nichts zu tun habe.
Seine Aussagen erinnern an das von dem Historiker Eric Hobsbawm geprägte Konzept der „erfundenen Traditionen“, bei dem vermeintlich „authentische“ Bräuche konstruiert werden, um eine ideologisch aufgeladene, historische Kontinuität und kollektive Identität zu erschaffen. Dies wäre neben den neuen auch auf die alten Nationalsozialisten anzuwenden, die den Volkstanz für die NS-Kulturpolitik nutzten und denen er der Propaganda im Sinne der Volksgemeinschaft diente, in der niemand mehr „aus der Reihe“ tanzen sollte.
Im Bezug auf aktuellen Volkstanz legt denn auch der Rechtsextremismusforscher Gideon Botsch Wert darauf, zwischen rechtsextremen Aktivitäten und legitimer Freizeitgestaltung vieler Tausender Menschen zu differenzieren. Botsch ist Professor an der Uni Potsdam und leitet dort die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus. Er sagt: Bei den rechtsextremen Aktivitäten handele es sich „keineswegs um ‚echte‘ Volkstänze, sondern in der Regel um Adaptionen“.
Laut Botsch gehört der Volkstanz „zur festen Praxis kulturpolitischer Akteure der extremen Rechten – anknüpfend an Vorbilder aus der Jugend- und Lebensreformbewegung, aber auch der politischen Indienstnahme durch rechtsextreme Bewegungen und den Nationalsozialismus“. Volkstänze gehörten außerdem zur Brauchtumspflege der sogenannten Heimatvertriebenen, wo sie teilweise eine politische Aufladung erhielten.
„Teilweise sollen sie auch helfen, ‚erwünschte‘ Partnerschaften zwischen den Kindern völkisch orientierter Familien herzustellen“, erklärt Botsch. Schließlich werde in kleinerem Maße auch über Volkstanzveranstaltungen der eigene Radius ausgedehnt.
Behörden warnen vor konspirativem Vorgehen
Das Phänomen beschäftigt auch die Behörden. In Thüringen ist das Amt für Verfassungsschutz zuständig und erklärt auf Anfrage der taz: „Äußerlich ideologisch-niederschwellig“, fungiere „Volkstanz“ insbesondere im Bereich des völkischen Rechtsextremismus als eine Art Bindeglied. Er werde in der Szene als „Rückbesinnung“ hin zu tradierten Interaktionsformen verstanden – samt Kleidung und Rollenbildern auch aus der Zeit des Nationalsozialismus. Das Amt warnt: Die rechtsextremistischen Kreise agierten dabei „äußerst konspirativ“.
In Sachsen hat das Thema „Brauchtumspflege“ laut dem Landesamt für Verfassungsschutz für die neonationalsozialistische Szene eine „große Bedeutung“ und umfasse neben alljährlichen Sonnenwendfeiern auch „Volkstänze“. Gesellschaftlich anschlussfähige Begriffe wie Kultur, Brauchtum und Tradition würden bewusst in den Vordergrund gestellt, um über den gegebenenfalls bestehenden extremistischen Kern der Veranstaltung hinwegzutäuschen. Ähnlich sieht man es in Sachsen-Anhalt und in Baden-Württemberg.
In Ranis ist das Treffen nach dem Tanzen noch nicht vorbei. Als es dunkel wird, fahren die Teilnehmenden per Kolonne ins nahe Pößneck. In einer der letzten Kneipen der Stadt werden sie erwartet. Ein Mann, schon sichtlich betrunken, trägt auf seinem Shirt die Aufschrift „Bündnis 88/Die Braunen“. Die Männer mit den Trachtenjacken quittieren es mit einem trockenen Lachen.
Dann packt Andi Hoffnung seine Gitarre aus, der Kopf der extrem rechten Musikgruppe Volksliedertafel Dresden. Er hatte schon beim Tanz in Ranis musiziert, die Kneipe in Pößneck wird er noch eine weitere Stunde beschallen. Später schreibt er auf seinem Telegram-Kanal über den Abend, „ein neuer Volkstanzkreis“ habe in Thüringen „das Licht der Welt erblickt“.
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