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Bulgakovs „Hundeherz“ in HamburgKein Aufbegehren, nirgends

Armin Petras’ Fassung von Bulgakovs „Hundeherz“ am Hamburger Schauspielhaus bleibt unfokussiert. Es ist ein Flop voller Ausweichmanöver.

Viel Action, wenig Substanz: Szene aus „Hundeherz“ Foto: Thomas Aurin

Es schneit schwarz „nach dem Burn-out/World War 3“ in den mit Videoprojektionen gefluteten, von Drohnen attackierten Straßenschluchten des dystopischen Los Angeles aus „Blade Runner“ oder der Gotham City, „verseucht mit prekarierten Bewohnenden“, wie eine Conférencière zur Verortung des Stücks in düsterer Bühnenbildopulenz erklärt. Mitten im SF-Grusel hockt ein zotteliger Mischlingshund. Oscar Olivio animiert die Puppe zum Leben. Lässt sie hecheln, heulen, kläffen, winseln, knurren, bellen, schnüffeln, das Fell ausschütteln. Dazu funkeln die Augen liebtraurig zur Streichelanimation.

Ein Tier als Projektionsfläche für Vorstellungen vom idealen Lebenspartner: kuschelig, zugewandt, devot. Mitleidgroßes Erschrecken dann, wie Menschen dem Vierbeiner Haut und Haar verbrühen. Das passt noch prima zu Michail Bulgakows „Hundeherz“, derzeit zu sehen am Hamburger Schauspielhlaus, wo ein Vierbeiner als ausgebeuteter Proletarier vor sich hin leidet. Mit einer in die Groteske getriebenen Satire erzählt die Novelle von der Fantasie der bourgeoisen russischen Elite, die unzuverlässigen Arbeiter in perfekte Sowjetmenschen zu verwandeln, damit sie Machtstrukturen unangetastet lassen und ihre Jahrespläne übererfüllen.

Parodierend lässt Bulgakow dazu dem Hund die Hypophyse und Hoden eines gerade verstorbenen Mannes einpflanzen. Das Mischwesen aber wird kein Held der Arbeiterklasse, sondern vereint die schlechtesten Eigenschaften von Mensch und Tier. Großartig, wie Olivio die Puppenrolle nach und nach selbst übernimmt, langsam die menschliche Sprache formt, Wurst und zwei Bier ordert, seine Gliedmaßen im aufrechten Gang beherrschen lernt und sich mit Selbstherrlichkeit aufpumpt. Aber was möchte uns Regisseurin Claudia Bauer damit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erzählen?

Die Fassung von Armin Petras übernimmt das Handlungsgerüst und überschreibt die Vorlage mit Stichworten zu überreichlich aktuellen Diskursen und Krisenlagen, ohne auch nur ein Thema näher zu beleuchten. Dafür soll Witzigkeit prunken. Aber nicht mehr als ein lauter Lacher ist im Publikum zu hören, wenn der faustisch-frankensteinische Operateur mit den Worten „Gott ist ein Töpfer, sie sind ein Schöpfer“ bedacht wird.

Ein zeitgemäßer Schönheitschirurg

In unsere neoliberale Leistungsgesellschaft passt, dass er Schönheitschirurg ist, der an der Selbstperfektionierungs-Sehnsucht sein Geld verdient. Was hier als „Rebranding der Eugenik“ und „Veredelung des Menschen“ bezeichnet wird. Zur Illustration treten der uralte, immer noch gutaussehende Robert De Niro (Felix Knopp) und die von Verjüngungs-OPs verunstaltete Cher (Sachiko Hara) als Kunden auf. Die Erzählerin ist ein KI-Roboter (Sandra Gerling), dem immer wieder die Sprech-Software abstürzt.

Der Herr Doktor (Bettina Stucky) selbst kommt als clownesker Vertreter der Kultivierten daher. Er lehrt seinem Hundemenschen die Moral und die Regeln sowie das Motto des menschlichen Miteinanders: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“. Aber Erziehen mit Liebe statt Gewalt funktioniert nicht. Also wird das vermenschlichte Wesen wieder zurückoperiert.

Immer mit flotten Kommentaren dabei sind eine Sekretärin (Angelika Richter) des Wahrheitsministeriums, das die Meinungsmanipulation im Internet steuert, und ein Bürgerchor der „solidarischen rebellierenden Berechtigten“ in der ästhetischen Ausformulierung als Opernchor, der Pop- und Arbeiterlieder sowie Zeitgeistkritik zitiert. Überwachungsstaatlich schaut Big Daddy aufs Geschehen.

Das sind alles hübsche Anspielungen. Aber wer ist dieses Menschtier? Erst mit der Angst vor Katzen ausgestattet, mutiert es nach den Implantaten der Männlichkeit zum Katzenkiller. Ein Opfer wird Täter, der alle Andersartigen hasst, denn „die suchen doch nur, was sie klauen können“. Ein xenophober AfD-Wähler? Jedenfalls einer, der sich benachteiligt fühlt und sagt: „In diesem Land dürfen nur die Intellektuellen schimpfen.“ Das könnte ein Ansatz sein zur psychologisch, politisch und sozial genauen Auseinandersetzung mit dem derzeit zu erlebenden politischen Rechtsruck. Aber es folgen nur lärmend plakative Ausweichmanöver.

Ebenso ratlos lässt das Finale. Kein Aufbegehren der Erniedrigten und Beleidigten, sondern ein scheiternder Aufbruch in „Thelma & Louisa“-Manier: Der Hund ist wieder ein Hund, die Menschmaschinen sind irgendwie auf der Flucht zu sich selbst, alle werden verfolgt von den Häschern der Technokratie.

Die Inszenierung überdreht knapp zwei Stunden vor sich hin, es ist irre viel los auf der Bühne, aber es kommt nichts über die Rampe. Kein Gefühl. Keine fokussierten Inhalte. Nur blutleeres Tohuwabohu eines optischen Spektakels. Was dem wirren Text von Armin Petras entspricht. Wie sagte doch der Hundemensch: Theater sei „pseudointellektueller Scheiß“, in dem man sich richtig blöd vorkommen soll. Das trifft diesen rasant substanzlos mäandernden Abend sehr gut. Es ist seit Jahren der erste wirklich große Flop am Hamburger Schauspielhaus.

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