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Demo gegen sexualisierte Gewalt im Netz„Whose streets? Our streets!“

Am Sonntag demonstrieren 13.000 Menschen in Berlin gegen sexualisierte Gewalt im Netz. Anlass ist der Fall Collien Fernandes.

Demo gegen sexualisierte Gewalt im Netz am Sonntag in Berlin Foto: dpa

Aus Berlin

Pauline Cruse

Der Sonnenuntergang kündigt sich mit goldenen Strahlen bis an den Fuß der S-Bahn-Treppe am Brandenburger Tor an. Vier junge Frauen stehen vor den Stufen, sie liegen sich in den Armen. Eine von ihnen wischt sich Tränen aus den Augen, lacht auf. „Nein, ich will ja hingehen. Lass los jetzt.“

An diesem Sonntagnachmittag werden sich laut den Veranstalterinnen ungefähr 13.000 Menschen auf dem Pariser Platz versammeln. Die Polizei spricht von 6.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die meisten von ihnen sind junge Frauen. Innerhalb von 48 Stunden hat das Bündnis „Feminist Fight Club“ gemeinsam mit der Initiative „Nur Ja heißt Ja“ diese Demonstration gegen sexualisierte Gewalt organisiert.

Auslöser für die Demonstration sind Spiegel-Berichte über die Schauspielerin Collien Fernandes, die ihrem Ex-Mann und Schauspielkollegen Christian Ulmen digitale Gewalt, Nutzung privater Profile und pornografische Deepfakes vorwirft. Ulmen ließ die Fragen des Spiegel und der taz dazu unbeantwortet, für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Die Erstellung von Deepfakes ist laut Josephine Ballon, Geschäftsführerin von HateAid, nach wie vor höchstens ein „Bagatelldelikt“. Ein Profilbild von Instagram reiche bereits aus, um Deepfakes von einer Person zu erstellen, so Ballon. Doch selbst nach Anzeigen bekämen Frauen häufig Post von der Staatsanwaltschaft, die „kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung“ bekunden.

Der Versuch, rechtlichen Schutz für Betroffene in einem Gesetz festzulegen, ist laut Luisa Gaffron, Schauspielerin und Moderatorin der Demonstration, in der letzten Legislaturperiode blockiert worden. Im Vergleich zu Deutschland sieht Spanien, wo Fernandes klagen will, tatsächlich weitaus mehr Schutz gegen digitale Gendergewalt vor.

Stimmen der Wut

Dass Fernandes kein Einzelfall ist, zeigt sich in der emotionalen Resonanz der Speakerinnen an diesem Nachmittag. Die Aktivistin Theresia Crone ist die erste auf der Bühne und spricht über ihre persönliche Erfahrung mit Deepfakes. In ihrem Fall erging schließlich sogar ein Urteil, aber nicht wegen der gegen sie gerichteten sexualisierten Gewalt, „sondern wegen eines Verstoßes gegen das Urheberrecht“. Das sei kein Einzelfall, sondern Ausdruck des deutschen Rechtssystems.

„Ich finde, Männer haben zu wenig Angst“, ergänzt DJane Aaliyah Osuman. „Die Scham muss endlich die Seite wechseln. Sie gehört den Tätern.“

Dieser von Gisèle Pelicot geprägte Satz wird an diesem Tag häufig fallen. Jedes Mal löst er lauten Applaus und Rufe in der Menge aus. Einzelne Frauen aus dem Publikum schreien ihn wiederholt in den Sprechpausen auf der Bühne. Sprechchöre werden immer wieder angestimmt: „Whose streets? Our streets!“

„Mich überrascht kein Trump, kein Epstein und ehrlich gesagt auch kein Ulmen“, sagt Schauspielerin Marie Nasemann vor dem Mikrofon.

Die politische Dimension

In der ersten Reihe stehen nach einigen Minuten Politikerinnen. Organisatorin Gaffron merkt an: „Die Presse zeigt nur auf die Politikerinnen, die hier stehen, nicht auf die Speakerinnen auf der Bühne. Und wo sind die Männer? Wo ist die CDU?“

Luisa Neubauer ist ebenfalls gekommen und hält eine Rede. Sie wolle eigentlich doch nur übers Klima reden, sagt sie, aber sie könne dieses Thema nicht ignorieren. Zu persönlich, zu erdrückend sei es auch für sie geworden. Dabei wirft sie einen wirtschaftlichen Blick auf das Problem: „Tech-Oligarchen machen Profit zum Preis unserer Körper. Männer im Internet erfinden einen Knopf, um mich auszuziehen.“ Es stellt sich die Machtfrage: Wer kontrolliert den digitalen Raum? Solange Männer das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung als „Nice-to-have“ abtun, bleibe die Straße der einzige Ort der Gegenwehr.

Als die Künstlerin IUMA ihren Song „Sex ist“ zu Ende singt, wird es links neben der Bühne laut. Der Verschwörungsideologe Captain Future skandiert Unverständliches zur Pressefreiheit. Schon zu Beginn der Veranstaltung wollte er sich in den Pressebereich direkt neben der Tribüne drängen und wurde abgewiesen. Er ist schnell nicht mehr zu erkennen zwischen selbstgebastelten Schildern und den Menschen, die sich um ihn herum aufstellen und eine Mauer bilden.

Es kommt Bewegung ins Thema

Während einer musikalischen Pause spricht die Grünen-Politikerin Ricarda Lang neben der Tribüne mit der Presse. Auch wenn es diesen Fall nicht hätte brauchen sollen, gebe es jetzt wenigstens den öffentlichen Druck. Und tatsächlich scheint sich im Justizministerium etwas zu regen: Ministerin Stefanie Hubig möchte zeitnah ein geplantes Gesetz gegen digitale Gewalt umsetzen, erhält dafür parteiübergreifend Zuspruch. Der Gesetzesentwurf sieht bis zu zweijährige Haftstrafen für Täter vor, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz gefälschte Aufnahmen eines anderen Menschen erstellt haben. Darin enthalten wären auch Bilder pornografischen Inhalts wie im Fall Collien Fernandes.

Der frühe Abend kündigt sich an, das Sonnenlicht verschwindet. Die Künstlerinnen Mariybu und Ebow sind die Letzten auf der Bühne und performen ihren Song „Nicht alle Männer“:

„Es sind nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann

Doch keiner von ihn’n war es, sie hab'n weiße Westen an

Jede meiner Freundinn’n hat die Scheiße mal erlebt

Aber niemand ist ein Täter und ich frag’ mich, wie das geht.“

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