Jagdgenossenschaften für den Wald: Mehr Waldschutz als Jagdtrophäen
Torsten Dörmbach zeigt, wie Waldbesitzer die Jagd zurückerobern. Und warum das zur Pflege der Bäume beiträgt.
Wenn Waldbesitzer Torsten Dörmbach zeigen will, was es bringt, wenn man jagdfaule Pächter los ist, fährt er auf den Hügel gegenüber von seinem Hof in Nordrhein-Westfalen. In dem Waldstück tragen ein paar Bäume noch kleine blaue Plastikmützchen, die sie gegen Rehbisse schützen, aber dazwischen wachsen Eichen, Buchen, Birken und Eberesche ohne den Schutz. „Nach meiner letzten Zählung habe ich 39 Baumarten auf meinem Betrieb“, erzählt er. „Die Wuchshüllen können jetzt weg, da helfen mir zum Glück die Pfadfinder.“
Die grundsätzlich unterschiedlichen Interessen von Waldbesitzern und pachtenden Jägern werden auch als „Wald-Wild-Konflikt“ bezeichnet. Die Ersten wünschen sich eine natürliche Verjüngung des Waldes, die nicht stattfinden kann, wenn allzu viele Rehe neue Bäumchen kaputt beißen. Letztere wollen einen hohen Wildbestand, um die Jagdchancen und Trophäenausbeute zu erhöhen. Indirekt geht es auch um jahrzehntelang gesammeltes Ansehen und Status – Jagdgründe beherrschen, das war lange exklusiv dem Adel und oberen Schichten vorbehalten.
Bei Dörmbach funktioniert die Aufforstung endlich. Seine Jagdgenossenschaft organisiert die Jagd jetzt selbst, statt den Grund und Boden an Jäger zu verpachten. Rehe und Hirsche beißen jetzt nur noch fünf Prozent der jungen Bäume kaputt, das ist erträglich. Nachdem es keinen Pächter mehr gebe, seien die Schäden schon im ersten Jahr zurückgegangen.
Ganz allein können die meisten Waldbesitzer das Problem nicht angehen: Im eigenen Wald jagen darf grundsätzlich nur, wer mindestens 75 Hektar zusammenhängenden Wald hat. Dörmbach besitzt rund 46 Hektar – und das ist schon mehr, als die meisten ihr Eigen nennen.
Genossenschaften können Jagd selbst übernehmen
Dörmbach ist deshalb wie alle Land- und Waldbesitzenden, die nur wenig Wald haben, Mitglied in einer Jagdgenossenschaft. Diese ist für den gemeinschaftlichen Jagdbezirk verantwortlich. Rund 11.000 solcher Genossenschaften gibt es in Deutschland. Dörmbachs Jagdgenossenschaft hat rund 100 Mitglieder – und hatte ihren Wald lange verpachtet. Im Pachtvertrag war geregelt, wie viel Wild geschossen werden soll, um das Ziel der Jagdgenossenschaft zu erreichen: natürlich nachwachsenden Wald.
Aber es hat nicht funktioniert. „Vor der Unterzeichnung des Jagdpachtvertrags ist alles schön, und sobald die Tinte trocken ist, klappt es nicht. Das wollten wir nicht mehr“, sagt Dörmbach.
Dörmbachs Genossenschaft hatte einen Kompromiss gefunden: Die Pächter jagen mehr, war die Vereinbarung, dafür bringt die Genossenschaft auf 20 Prozent der Fläche Wuchsschutz an jungen Bäumen an. Aber auch das hielten die Pächter nicht ein. Nach jahrzehntelangen Diskussionen beschlossen die Genossenschaftsmitglieder, dass sie die Jagd lieber selber organisieren.
Solche „Jagdgenossenschaften in Eigenbewirtschaftung“ sind noch selten. Die Umstellung ist auch alles andere als einfach. Schon allein, weil die Genossenschaft entsprechende Mehrheiten dafür organisieren muss – oft gegen heftigen Widerstand der Pächter und Jäger. Schließlich können diese dann nicht mehr mitbestimmen, wie viel, wo und was gejagt wird.
Drohungen bis in die Familie
„Mein Vater hat mal gesagt, er habe mit Gegenwind gerechnet, aber dass es ein Orkan wird, hat er nicht erwartet“, erzählt Dörmbach. „Dass die örtliche Jägerschaft heftig diskutiert, das gehört dazu“, sagt er. Aber es habe Beschimpfungen, Diffamierungen und Bedrohungen gegeben, die bis in die Familie hineinreichten – „das geht nicht“. Der Waldbesitzer erinnert sich: „Da haben gestandene Männer mit erhobenem Finger vor mir gestanden und gesagt: Passen Sie auf, dass Sie keinen Fehler machen!“
Aber der Gegenwind hat die Genossen nicht bremsen können. Auch die viele Arbeit nicht, die nach dem Beschluss anstand. Alles, was der Pächter gemacht hatte, mussten sie nun selber stemmen: Hochsitze bauen, reparieren und ausbringen, die Berufsgenossenschaft überzeugen, Wildschäden bezahlen.
Im ersten Jahr sei es viel Arbeit gewesen, bestätigt Dörmbach, aber das sei nun deutlich weniger geworden. Was sie länger beschäftigt: Jäger finden, die bei Wind und Wetter rausgehen und genug jagen. Seine ehemaligen Pächter zum Beispiel hätten sich ohne Pacht nicht mit dem Jagen beauftragen lassen wollen, sagt Dörmbach.
„In der Jagdgenossenschaft haben nur wenige einen Jagdschein“, sagt er. „Da haben wir externe und auch junge Jäger gefunden.“ Finanziell habe sich die Umstellung gelohnt: Die Einnahmen aus dem Wildfleischverkauf an Interessenten und Gastronomie seien mittlerweile höher als die früheren Pachteinnahmen.
Starke Jägerlobby
Dass trotz aller Mühen immer mehr Jagdgenossenschaften auf Eigenbewirtschaftung umstellen, ist auch eine Reaktion auf eine politische Leerstelle. Seit Jahrzehnten fordern Waldeigentümer, dass die Jagdgesetze in Ländern und im Bund geändert werden: kürzere Pachtzeiten, mehr Rechte für Waldbesitzende, mehr Jagd mit dem Ziel, dass die natürliche Verjüngung des Waldes ohne teure Schutzmaßnahmen funktioniert.
Ebenso lange verhindern traditionelle Jäger, häufig gut betucht und politisch gut vernetzt, solche Reformen. Sie wollen viel Wild vor der Flinte. Die herkömmliche Struktur der Jagdgenossenschaften spielt ihnen dabei in die Hände: Viele Waldbesitzer mit winzigen Waldstücken, oft Erbinnen und Erben, die weit weg von ihrem Wald wohnen, wissen nicht einmal, dass sie Jagdgenossen sind – und damit mitbestimmen könnten, wie in ihrem Wald geschossen wird.
In Bayern, wo bereits mehrere Jagdgenossenschaften umgestellt haben, geht man das seit einiger Zeit offensiv an. Dort verbreitet der Bauernverband Leitfäden zu Jagdgenossenschaften, auch der Waldbesitzerverband informiert.
Viele Jagdgenossenschaften würden auch gut mit Pächtern zusammenarbeiten, betont Joachim Käs vom Bayerischen Bauernverband. Falls aber nicht, habe das andere Modell einen klaren Vorteil: „Damit kann man sehr schnell auf Situationen reagieren. Wenn die Zusammenarbeit mit dem Jäger nicht klappt, dann können Sie morgen sagen: Das war’s“, erklärt Käs. „Bei einer Verpachtung müssen Sie bis zum Vertragsende warten – das können mehrere Jahre sein.“
Torsten Dörmbach hat sein Engagement für den Wald und die Umstellung Anerkennung eingebracht: Er wurde 2025 im Rahmen des Deutschen Waldpreises, den das Fachportal forstpraxis.de verleiht, zum Waldbesitzer des Jahres ernannt.
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