Theaterpädagogin über „And now Hanau“: „Die Personen, die getötet wurden, fehlen weiterhin“
Das Theater Kiel gedenkt der rassistischen Morde in Hanau mit einer Lesung. Theaterpädagogin Denise von Schön-Angerer über Verantwortung des Theaters.
taz: Wie kommt eine Lesung über die rassistischen Morde von Hanau ins Theater Kiel, Frau von Schön-Angerer?
Denise von Schön-Angerer: Wir hatten schon länger die Idee, uns mit dem rechtsextremen Anschlag in Hanau auseinanderzusetzen. Auch wenn Hanau nicht Kiel ist, spielen die Morde unserer Meinung nach in ganz Deutschland eine Rolle. Wir sollten überall darauf aufmerksam machen, damit bloß nicht in Vergessenheit gerät, was dort passiert ist und vor allem was noch nicht geklärt ist.
taz: Wieso braucht es dazu das Theater?
von Schön-Angerer: Theater ist immer politisch. Die Bühne ist immer ein Mittel, um zu erzählen, wie Menschen miteinander leben und zwar im positiven als auch im negativen Sinne. Deswegen finde ich, dass wir als öffentlich geförderte Institutionen eine Pflicht haben, uns mit dem auseinanderzusetzen, was in der Welt passiert.
taz: Wie funktioniert die Zusammenarbeit bei einem spartenübergreifenden Projekt wie diesem?
von Schön-Angerer: Wir haben allen Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen, von denen wir E-Mail-Adressen hatten, eine Mail geschrieben und einen Aushang im Theater gemacht, um möglichst viele anzusprechen. Wir versuchen, uns alle irgendwie einzbringen. Von der Requisite über die Dramaturgie, aber auch viele Kolleginnen aus den künstlerischen Bereichen. Sogar ein Kollege aus der Technik ist dabei, trotz Schichtarbeit.
taz: Am Donnerstag findet die Lesung des Recherchestücks „And Now Hanau“ von Regisseur Tuğsal Moğul statt, es ist eine minutiöse Rekonstruktion des Anschlags. Wieso haben Sie sich für eine Lesung statt einer Inszenierung des Stoffes entschieden, wie andere Theater das getan haben?
von Schön-Angerer: Wir sind eine kleine Initiative, die zwar von der Leitung unterstützt wird, aber dennoch unabhängig arbeitet. Die ganze Inszenierung wäre neben dem normalen Arbeitsalltag nicht stemmbar gewesen.
taz: Welche Rolle spielt Theater bei der Auseinandersetzung mit Rassismus?
von Schön-Angerer: Theater im Speziellen kann Geschichten anders erfahrbar machen, die sonst vielleicht nicht gehört werden oder die in der tagesaktuellen Berichtstattung nicht den Raum bekommen, den sie bräuchten. Wir leben ja aktuell in einer Welt, die von Populismus geprägt ist, also von der Emotionalisierung der Themen. Und genau das machen wir: Wir packen die Zuschauer emotional und wollen sie so erreichen.
taz: Kann Theater auch dazu beitragen, Missstände sichtbar zu machen?
von Schön-Angerer: Beim Dokumentartheater basiert das Stück immer auf realen Tatsachen, Dokumenten, Interviews und Prozessakten. Es liegt an uns, die Realität für das Publikum konsumierbar zu machen, ohne, dass sie sich die ganzen Prozessberichte und Ermittlungsakten durchlesen müssen. Wir geben dem Ganzen eine Bühne, und die Zuschauer müssen zuhören. Da hängt man nicht nebenbei am Handy oder geht weg, man muss da dann durch.
taz: Die Morde von Hanau sind jetzt sechs Jahre her. Wieso jetzt die Lesung?
von Schön-Angerer: Vielleicht gerade, weil es nicht so ein klassisches Jubiläum ist. Auch die gesellschaftspolitische Situation und die nächsten Landtagswahlen muss man im Hinterkopf haben.
Dokumentartheaterstück „And now Hanau“ von Tuğsal Moğul mit anschließendem Publikumsgespräch mit dem Autor, 19. Februar, 19 Uhr, Theater Kiel, Rathausplatz 4, Kiel
taz: Fünf Landtagswahlen stehen in diesem Jahr an, und der AfD werden bei all diesen Wahlen starke Zuwächse vorausgesagt.
von Schön-Angerer: Ja. Gleichzeitig ist Vieles noch immer nicht aufgearbeitet und ich glaube, man sollte Justiz und Polizei einfach weiterhin genau beobachten, weil es ja nicht das erste Mal ist, dass da Fehler passiert sind und Dinge nicht aufgeklärt wurden. Außerdem ist ein weiteres Opfer des Anschlags in Hanau an den Spätfolgen erst vor Kurzem verstorben. Es bleibt aktuell, denn die Menschen, die getötet wurden, fehlen ja weiterhin.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert