piwik no script img

CDU-Angriffe auf den SozialstaatÜberspannter Bogen

Sabine am Orde

Kommentar von

Sabine am Orde

Die CDU und ihr Umfeld fallen mit scharfen Forderungen gegen den Sozialstaat auf. Das könnte sich in diesem wichtigen Wahljahr als Bumerang erweisen.

Teilzeitarbeit ohne Lifestyle im Call Center muss weiter möglich sein Foto: Martin Möller/Funke Foto Services/imago

O ffenbar denken Teile der CDU, die Zeit sei reif dafür: In beachtlichem Tempo hauen die Partei und ihr Umfeld Forderungen raus, die man als Angriff auf den Sozialstaat und die Rechte von Ar­beit­neh­me­r*in­nen verstehen muss. Die aber können sich als Bumerang erweisen. Ganz besonders vor den wichtigen Landtagswahlen in diesem Jahr.

Zum einen bringt man mit so scharfen Forderungen die SPD gegen sich auf. Die aber braucht man, um die versprochenen Sozialreformen durchzusetzen, was ohnehin schwer genug wird. Gerade hat die Sozialstaatskommission im Auftrag von SPD-Sozialministerin Bas die ersten Vorschläge gemacht, die parteiübergreifend grundsätzlich positiv bewertet werden. Die Umsetzung aber wird noch schwieriger, wenn man das Misstrauen der SPD weiter schürt.

Zum Zweiten dürften die Vorschläge auch einen Teil der eigenen Klientel abschrecken. Noch gibt es CDU-Anhänger*innen, für die der „soziale“ Teil der hiesigen Marktwirtschaft Bedeutung hat. Eine Analyse aus der Parteizentrale hat die Wahlniederlage 2021 auch darauf zurückgeführt, dass die CDU als Partei der sozialen Kälte wahrgenommen worden ist. Und dass Merz so wenig Empathie und so viel Misstrauen ausstrahlt, führt mit zu seinen miserablen Beliebtsheitswerten.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Neue Vorschläge würden eigenes Klientel treffen

Hinzu kommt: Anders als beim Bürgergeld treffen einige der neuen Vorschläge die eigene Klientel. Unter den CDU-Anhänger*innen sind zahlreiche Ehepaare, in denen die Frau der „Lifestyle-Teilzeit“ nachgeht, wie der CDU-Wirtschaftsflügel das genannt hat. Und es sind auch nicht alle CDU-Wähler*innen privatversichert, sie wären von der Streichung von Zahnarztbehandlungen aus den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung also direkt betroffen. Das hat gerade der parteinahe Lobbyverband „Wirtschaftsrat der CDU“ gefordert.

Auch in CDU-Zentrale und Kanzleramt scheint man verstanden zu haben, dass man den Bogen zu überspannen droht. Ein Regierungssprecher hat die Zahnarztforderung einkassiert, der Generalsekretär die „Lifestyle-Teilzeit“. Es wird ja bald gewählt in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Sabine am Orde
Innenpolitik
Jahrgang 1966, Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 1998 bei der taz - in der Berlin-Redaktion, im Inland, in der Chefredaktion, jetzt als innenpolitische Korrespondentin. Inhaltliche Schwerpunkte: Union und Kanzleramt, Rechtspopulismus und die AfD, Islamismus, Terrorismus und Innere Sicherheit, Migration und Flüchtlingspolitik.
Mehr zum Thema

9 Kommentare

 / 
  • Was diese CDU-CSU-nahen Kreise da in Trump-Manier (überflute die Menschen mit ...) raushauen, ist schon beachtlich (besser: erschreckend).



    Mit diesem Neo-Liberalismus (Privatisierung, Sozialabbau, Steuersenkung, ...) in Reinstkultur wird der ständige Dauerbeschuß auf die Errungenschaften des Sozialstaates ( oder was noch von ihm übrig geblieben ist) munter fortgesetzt.



    Umso verwunderlicher ist es, daß eine große Zahl der eigentlich selbst Betroffenen diese "Christlichen !" Parteien noch immer unterstützen.



    PS: Erbschaftssteuer, Vermögenssteuer etc. ist "Teufelszeug" !!

    • @Thüringer:

      Wenn sich etwas in den USA entwickelt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu uns überschwappt. Am schnellsten funktioniert es mit schädlichen Einflüssen. Anscheinend stoßen die hier auf größeres Interesse.

  • "Wirtschaftsrat der CDU" ist doch schon ein Paradoxon. "Ökonomischer Voodoo- und Esoterikclub" wäre meines Erachtens passender!

  • Wäre mir da nicht so sicher. Ich lebe in einer der sozial schwächsten Städte des Landes und bin trotzdem umgeben von lauter Menschen die den Sozialstaat reduzieren wollen. Hier muss die CDU mit den Wölfen heulen. Dieses eigentlich Paradoxon liegt aber eben an der nicht mehr vorhandenen gesellschaftlichen Solidarität. In einer diversen Gesellschaft wird es zwangsläufig deutlich härter zugehen und Transfermodelle werden sich wegen fehlender Akzeptanz nicht mehr halten lassen. Das kommt alles wenig überraschend. Es ist ja keine Überraschung, dass diverse Gesellschaften wie in den USA beispielsweise eben nie Modelle wie allgemeine Krankenversicherung etc entwickelt haben.

  • Die AFD bedankt sich ganz herzlich beim Wirtschaftsrat der CDU für die Wahlkampfunterstützung.

  • Die TeilzeitLifestyle-Debatte ist sowieso gaga, reine Ablenkung. Die Zahnarztgeschichte ist aber ernst. Natürlich ist das nicht mehrheitsfähig. Impulsive allgemeine Ablehnung ist einkalkuliert. Aber so wird ein Diskursfeld geöffnet, bei der die Position des CDU-Wirtschaftsrates als eines von zwei Extremen dargestellt werden kann. Das sind die bösen Onkels. Wer das Gesundheitswesen aber auch nur im aktuellen Status erhalten will, der oder die erscheint als Vertreter des anderen Extrems, sozusagen als barmherige Tante. Die vermeintliche Mitte wäre dann ein "moderater" Leistungsentzug in der GKV.

    Es wird dann so gehen: Wir hören ja auf die barmherzigen Tanten und wollen euch nicht gleich alles wegnehmen, so wie die bösen Onkels es wollen. Aber ein bisschen was müssen wir euch schon wegnehmen, das solltet ihr einsehen. Dann sind die bösen Onkels auch ruhig, vielleicht bis zum nächsten Mal.

  • Die CDU tut eh nur noch etwas für Besserverdiener, Die Familienunternehmer, Millionäre und Milliardäre. Und Arbeiter und Rentner wählen die immer noch. Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen oder?

  • Da der normale Deutsche fest davon überzeugt ist, daß er eher Millionär als Hartz IV-Empfänger wird, wird er auch gerne dem Millionär Merz und seiner Regierung glauben. Also nichts mit Bumerang ...

  • Die CDU ist mittlerweile der beste Werbeträger der AfD.



    Schade dass ich das hier so schreiben muss aber was denken sich diese Lichtgestalten denn wohl ?

    Und klar: Von den CDU-Wählern der ersten Stunde leben nicht mehr viele. Aber so gewinnt man nur die oberen 10000 als neue Wähler. Und 10000 Stimmen fallen nicht sonderlich ins Gewicht