: Zwischen Rosenhügeln und Ersatzmüttern
Ein internationales Kulturbürgertum, das nie eine konkrete Verortung hatte: Barbara Honigmann beschreibt das jüdisch-kommunistische Milieu des 20. Jahrhunderts
Von Helmut Böttiger
Dass viele vor den Nazis geflohene Emigranten später in die DDR übersiedelten, hatte gute Gründe. Dieses Staatswesen konnte als Gegenentwurf zum Nationalsozialismus verstanden werden, und so bildete sich in Ostberlin ein spezifisches Bürgertum heraus, das so in der Bundesrepublik nicht existierte – denn da gab es ebenso wenig Juden wie Kommunisten. Solche „Kulturjuden“, wie sie es nennt, sind das Lebensthema der Schriftstellerin Barbara Honigmann. Die Ideologie des SED-Staats überdeckte bald alles, und die „zweite Generation“ der Juden nach der Shoah, zu der die Autorin sich zählt, fragt sich umso mehr: „Wer sind wir und was?“
Barbara Honigmann hat in ihren Büchern immer wieder neue Aspekte ihrer Familiengeschichte in den Mittelpunkt gerückt, und es ging dabei jedes Mal darum, eine große Leerstelle zu umkreisen. Die aus kommunistischer Überzeugung in die DDR gekommenen Juden hatten, obwohl sie durchaus zur kulturellen Elite des neuen Staatswesens zu zählen waren, keinen Ort. Sie waren fremd, genauso wie ihre Kinder: „Eine Gruppe sind wir nicht, ein Volk schon gar nicht, nicht einmal ein Völkchen, das Gemeinsame ist nur unser Herkommen, aber zumeist ohne eine Tradition, ohne Überlieferung, ohne Religion sowieso. Die Eltern schwiegen meistens, oder sie redeten viel zu viel, und man mochte es dann oft nicht mehr hören.“
Georg Honigmann, der Vater, war in der DDR ein bekannter Journalist, unter anderem Chefredakteur der BZ am Abend und Direktor des Kabaretts „Die Distel“. Seine zweite Ehefrau, Barbara Honigmanns Mutter Alice Kohlmann, hatte eine spektakuläre Vorgeschichte: Sie war von 1934 bis 1946 mit dem Doppelagenten Kim Philby verheiratet gewesen, den sie bei seinen prosowjetischen Aktivitäten unterstützte. Die äußeren Daten sind also ziemlich glamourös, die psychischen Befindlichkeiten dafür umso komplexer. Und das betrifft gerade auch die Kinder der Exilanten, die mit dem Verschweigen, dem Taktieren, der Suche nach der eigenen Positionierung aufgewachsen waren.
„Mischka“ ist der Titel des längsten der hier enthaltenen drei Prosastücke. In ihrer knappen, sachlichen, nie vordergründig emotionalen Sprache gelingt Honigmann ein eindrucksvolles Porträt aus einer Welt, die man kaum kennt und die heute nicht mehr vorstellbar ist. Mischka gehörte zu einem Kreis, der sich in Berlin in den Zwanzigerjahren fand und zu dem Personen aus allen Himmelsrichtungen gehörten, aus Brünn, Graz, Riga oder Kowno – Juden, die sich zur Linken zählten und in Berlin, das neben Moskau die Hauptstadt der kommunistischen Bewegung war, an der Imprekorr mitarbeiteten, der Zeitschrift der Kommunistischen Internationalen, die in etlichen Sprachen erschien.
Barbara Honigmann beschreibt diese Personengruppe bis in die Gegenwart. Mischka stammte aus einer großbürgerlichen Familie in Riga und hieß eigentlich Wilhelmine Magidson, wurde in den Dreißigerjahren aus Berlin nach Moskau zurückbeordert und geriet dort mitten hinein in den stalinistischen Terror, samt Zuchthaus und zehnjähriger Verbannung in Sibirien. Die Autorin besuchte Mischka, die für sie zu einer Art Ersatzmutter wurde, in den Sechziger- und Siebzigerjahren oft in Moskau.
Zu jenem Kreis gehörte aber auch Irén: Diese kehrte aus dem Exil nach Budapest zurück, zählte dann zur Nomenklatura der ungarischen kommunistischen Partei und lud den alten Freundeskreis jedes Jahr in die Residenzen der Partei auf dem Budapester Rosenhügel oder an den Plattensee ein. Dass ihr Mann, ein avantgardistischer Lyriker, bereits in den Dreißigerjahren in Paris von den Stalinisten „liquidiert“ wurde und nicht eines natürlichen Todes starb, wollte sie lange nicht wahrhaben.
Barbara Honigmann: „Mischka“. Drei Porträts. Hanser Verlag, München 2026. 110 S., 22 Euro
Und es gab auch Hilde, die als Brunhilde Rothstein im galizischen Tarnopol geboren wurde: Sie hatte in Frankfurt am Main gelebt, sprach bis zum Schluss Hessisch, wurde dann in Ostberlin Chefredakteurin eines viel gelesenen Magazins und hielt Kontakt zu Verwandten in Israel. Zur Zentralfigur dieser auseinandergesprengten, ihre jüdische Herkunft durch kommunistische Überzeugungen überlagernden Gruppe wird in Barbara Honigmanns Prosastück Mischka in Moskau. In ihr sammeln sich alle Widersprüche, scheinen sich aber durch eine freischwebende Existenz aufzulösen. Dass Mischka als Tochter eines baltischen Holzfabrikanten in einer Acht-Zimmer-Wohnung aufgewachsen war und von einer englischen Nanny und einer französischen Nounou in englischer und französischer Sprache erzogen wurde, strahlte sie auch in Moskau noch aus. Sie stand für ein internationales Kulturbürgertum, das nie eine konkrete Verortung kannte.
Ihre Wohnung war ein Treffpunkt der Dissidenten, hier verkehrten Lew Kopelew oder Jewgenija Ginsburg, und das Taganka-Theater von Juri Ljubimow spielte dann auch für die Besucherin Barbara Honigmann eine große Rolle. Die Lesungen und Diskussionen bei Mischka fanden natürlich auf Russisch statt, aber mit der Autorin sprach sie Deutsch: „Mischkas Deutsch klang, als ob es ihre Muttersprache wäre, und das war sie ja wohl auch.“
Barbara Honigmann kontrastiert das Porträt dieser international vernetzten jüdisch-kommunistischen Diaspora mit zwei anderen, kürzeren Prosastücken. In „Max und Yvette“ werden weitere jüdische Biografien des 20. Jahrhunderts verhandelt, dieses Mal abseits kommunistischer Ideen. Die Autorin, die in den Achtzigerjahren aus der DDR nach Straßburg übersiedelte, trifft dort Max und Yvette, Juden, deren Vorfahren aus Osteuropa in den Westen gegangen waren und durch die Dimensionen des sephardischen und aschkenasischen Judentums aufscheinen. Wenn man von Max und Yvette zum Schabbes eingeladen wird, kann es sein, dass man dort einen echten, originalen „gefillten Fisch“ serviert bekommt, dessen Rezept allmählich verschwindet und der ein Sinnbild für das nicht mehr existente osteuropäische Judentum ist.
Das letzte der drei Stücke, „Peter Thomas Klaus Wolfgang“, behandelt mit vier Protagonisten das Problem jener „zweiten Generation“, der Kinder der ehemaligen jüdischen Exilanten und Überlebenden der Lager. Einer der berühmtesten darunter ist Thomas Brasch, und auch auf ihn trifft zu, was Barbara Honigmann generell über diesen Typus sagt: „Oftmals schwankten sie zwischen Größenwahn und Depression, konnten tagelang nicht aus ihren Betten aufstehen, um dann eines Morgens, von exzessiven Energieschüben getrieben, durch die Stadt zu toben und wichtige, weltverändernde Wahrheiten, Forschungsprojekte und Dichtungen zu verkünden.“
Es sind eindringliche Skizzen, die Barbara Honigmann hier vorlegt, und auch wenn sie sich mit Wertungen fast vollständig zurückhält und genaue Beobachtungen und Szenen sprechen lässt, ist eines immer spürbar: Ihr Überschreiten mehrerer Grenzen in den Achtzigerjahren, ihre Integration in die jüdische Gemeinde in Straßburg war die Suche nach einem Fluchtpunkt, die durch ihre vielfältigen Familien- und Politikprägungen ausgelöst wurde. „Mischka“ richtet ein fein justiertes literarisches Mikroskop auf schwierig zu umreißende, zeitgeschichtlich aber äußerst aufgeladene Bereiche, die oft aus dem Blickfeld geraten, und erfasst dadurch umso intensiver exemplarische Schicksale des 20. Jahrhunderts.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen