Streit um Krankschreibungen: Hat jemand an die elektronische Übermittlung gedacht?
Die Gesundheitsministerin möchte sich die telefonische Krankmeldung vornehmen. In der Debatte geht ein statistischer Wert unter.
Das Gesundheitsministerium will die Regelungen zu telefonischen Krankmeldungen überprüfen. Damit greift sie einen Vorstoß von Bundeskanzler Friedrich Merz auf. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte am Montagabend in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel an, dass es darum gehe, Missbrauch bei den Krankschreibungen auszuschließen. Ähnlich sieht das Merz. Im Schnitt kämen die Beschäftigten in Deutschland auf 14,5 Krankentage, sagte Merz am Wochenende bei einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg.
Blick in die Statistik
Tatsächlich sind die Krankmeldungen auf einem Rekordniveau. Laut Daten der Krankenkasse DAK sind die Fehltage von 2021 auf 2022 um 40 Prozent gestiegen. Demnach sind die Krankmeldungen seit 2022 auf diesem Level. Doch die DAK sieht dafür einen zentralen Grund: Seit 2022 übermitteln Arztpraxen die Krankschreibungen über die Kassen automatisch an Arbeitgeber. Zuvor mussten Arbeitnehmer*innen die Krankschreibung selbst einreichen, was sie regelmäßig nicht taten. Allein dadurch habe sich laut DAK je nach Krankheit die Zahl der Krankmeldungen um 60 Prozent erhöht.
Die Krankenkasse nennt vor allem Atemwegserkrankungen als Ursache von Krankschreibungen. Dabei dürfte es sich auch um einen Post-Corona-Effekt handeln. Seit dem Ende der Vorsichtsmaßnahmen wie Maskentragen und Abstandhalten komme es generell zu mehr Atemwegserkrankungen. Zumal sich wohl ein gesellschaftlicher Konsens eingepegelt haben dürfte: Schniefend und niesend setzt man sich nicht zu den Kolleg*innen und meldet sich eher krank. Bemerkenswert ist in der Auswertung der Krankschreibungen von 2025 ein Anstieg der psychischen Erkrankungen als Grund für Ausfalltage, während Atemwegserkrankungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen auf Vorjahresniveau blieben.
Laut DAK zeigten die regelmäßigen Auswertungen der Krankschreibungen auch Zeichen einer Misstrauenskultur. Obwohl es bei den meisten Unternehmen nicht nötig sei, ließen sich viele Arbeitnehmer*innen ab Tag eins krankschreiben. Wahrscheinlich, „um nicht dem Verdacht ausgesetzt zu werden, sie würden ohne triftigen Grund der Arbeit fernbleiben“, sagte DAK-Vorstandschef Andreas Storm bereits im vergangenen Jahr. Ein solches Misstrauen sei ein Zeichen geringer Wertschätzung, hemme die Leistungsfähigkeit und sei daher ein Gesundheitsrisiko, so Storm.
Streit zwischen Ärzten
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, stellte sich nichtsdesotrotz hinter Merz. Auch er sehe möglichen Missbrauch bei der telefonischen Krankschreibung. Widerspruch kam vom Hausärztinnen- und Hausärzteverband, der sich „stocksauer“ auf Gassen zeigte. Keine telefonischen Krankmeldungen würden die Praxen mehr belasten. Gassen vertrete nicht mehr die Interessen der Ärztinnen und Ärzte. Die telefonische Krankschreibung sei ein „Erfolgsmodell“ und eine der wenigen erfolgreichen Maßnahmen zum Bürokratieabbau. Gassen wollte sich zu den Vorwürfen auf Anfrage zunächst nicht äußern.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisierte Merz’ und Warkens Forderungen. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi bezeichnete es als „hoch unanständig, in welchem Ausmaß krankgemeldete Beschäftigte unter Generalverdacht gestellt werden“. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz würden viele Menschen krank zur Arbeit gehen, anstatt sich krankschreiben zu lassen.
Christos Pantazis, SPD
Auch Christos Pantazis, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, kritisiert Merz’ Vorstoß. Dieser sei „ein Griff in die neoliberale Mottenkiste“. Gesundheitspolitik dürfe nicht suggerieren, Krankheit sei eine Frage mangelnder Arbeitsmoral, so der Arzt. Zum Vorschlag Warkens, die telefonische Krankschreibung zu überprüfen, sagte Pantazis der taz: „Eine sachliche Evaluation ist legitim – Alarmismus oder Schnellschüsse sind es nicht.“
Der gesundheitspolitische Sprecher der Linken, Ates Gürpinar, vermutet: Die Infektionen werden steigen, wenn sich Beschäftigte nicht telefonisch krankmelden können.
Als „das Gegenteil von Entlastung“ bezeichnete auch Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen, den Vorschlag von Merz und Warken. Dahmen forderte stattdessen eine Verbesserung der Versorgung.
DAK-Chef Storm fordert angesichts der anhaltend hohen Krankheitszahlen einen Gipfel, bei dem Vertreter*innen von Krankenkassen, Gewerkschaften, Arbeitgeber*innen und Ärzt*innen gemeinsam Ursachenforschung betreiben. Als Maßnahme stellte er eine Teilkrankschreibung für bestimmte Diagnosen zur Diskussion – damit Arbeitnehmer*innen nicht mehr komplett ausfallen.
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