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Soziologin über Rassismus im Sport„Weißsein ist eine unhinterfragte Norm“

Eine Studie zeigt, dass in vielen Vereinen die Relevanz des Themas nicht erkannt wird. Mitherausgeberin Lara Kronenbitter spricht über fehlende Beschwerdestellen, Vorbilder und den Mythos vom guten Sport.

Rassismus ist im Amateursport ein großes Problem. Hier der FC Afrisko aus Berlin bei einem Kreisligaspiel 2017 Foto: Sebastian Wells/imago
Marie Gogoll

Interview von

Marie Gogoll

taz: Welche Rolle spielt Rassismus laut Ihrer Studie im Breitensport?

Lara Kronenbitter: Er ist omnipräsent. Das wird aber in vielen Vereinen übersehen, da Weißsein dort eine unhinterfragte Norm ist. Das führt dazu, dass Rassismus nicht thematisiert wird und Menschen, die davon negativ betroffen sind, mit ihren Erfahrungen allein bleiben.

taz: Wie äußert sich dieser Rassismus konkret?

Kronenbitter: Wir haben Interviews mit elf Schwarzen Amateursportler:innen geführt. Sie haben von offen rassistischen Beleidigungen erzählt, aber auch von subtileren Formen von Rassismus wie Othering, also dass ihnen aufgrund ihres Schwarzseins zugesprochen wird, sie seien besonders stark und schnell, aber auch weniger diszipliniert und hätten ein mangelndes Verständnis von Taktik. Viele berichten auch, dass sie, anders als weiße Vereinsmitglieder, nach ihrer Herkunft gefragt oder auf Englisch angesprochen werden, obwohl sie Deutsche sind. In einer repräsentativen Umfrage von mehr als 3.000 Vereinsmitgliedern hielt außerdem nur etwa die Hälfte der Befragten eine Diskussion über das Thema Rassismus in ihrem Verein für notwendig. Dass die Relevanz des Themas scheinbar nicht erkannt wird, ist auch ein Zeichen rassistischer Strukturen.

taz: Im Breitensport sind die Wege zwischen den Vereinsinstanzen kurz, verglichen mit dem Profisport sind die Hierarchien flach. Müsste das nicht dazu führen, dass rassistische Vorfälle schneller bemerkt und geahndet werden?

Kronenbitter: Obwohl viele Interviewpersonen ihren Verein als emotionalen Anker und Ort der Zugehörigkeit beschreiben, führt das nicht automatisch dazu, dass Rassismus auch gesehen und geahndet wird. Vielmehr wird das Thema strukturell weggeschoben. Das hat Folgen: Wird nicht über Rassismus gesprochen, wird er geduldet und normalisiert. Dadurch entstehen Räume, in denen es zusehends schwieriger ist, Rassismus zu benennen und zu ahnden. Fast alle Interviewpartner:innen haben berichtet, dass es in ihrem Verein keine ihnen bekannten Sanktionen gab, nachdem sie Rassismus angesprochen hatten. Zudem gibt es kaum unabhängige Beschwerdestellen, um Rassismus zu thematisieren, der auch im eigenen Verein stattfinden kann.

Im Interview: Lara Kronenbitter

ist Co-Leiterin des Arbeits­bereichs Sportsoziologie an der Uni Wuppertal. Im Oktober 2025 hat sie einen Bericht zu Rassismus im Vereinssport mitveröffentlicht.

taz: Ist Rassismus im Breitensport also noch schwerer zu bekämpfen als im Spitzensport?

Kronenbitter: Das ist nicht die relevante Frage, denn das Thema betrifft den Sport insgesamt. Angeblich zählt hier nur die Leistung, Sport gilt als verbindend und inhärent gut. Das ist ein Mythos, Sportvereine und Vorstandsämter sind nicht für alle gleich zugänglich. Dieser Widerspruch zwischen der Erzählung um den Sport und der Realität zeigt sich auch in unserer Befragung von mehrheitlichen weißen Sportvereinsmitgliedern. 76 Prozent von ihnen geben zwar zu, dass es im Sport Rassismus gibt, gleichzeitig meinen 72 Prozent, im Sport zähle nur die Leistung. Fast 90 Prozent sagen, dass Sportvereine offen für alle Personen sind, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen. Wir wissen aber aus der Forschung, dass das nicht der Fall ist.

taz: Warum hält sich dieser Mythos des „inhärent guten Sports“ trotzdem?

Kronenbitter: Weil dieses Narrativ aufrechterhalten wird. Zu Themen wie Integration und Chancengleichheit im Sport gibt es viel Forschung, zu Rassismus hingegen kaum. Dadurch gerät er aus dem Blick. Wenn man nicht hinschaut, normalisiert man dominante Ideale. Und die sind im Sport noch immer: weiß, männlich, hetero und ohne körperliche Beeinträchtigungen.

taz: Wie könnte mit diesen Idealen gebrochen und Rassismus im Breitensport bekämpft werden?

Kronenbitter: Die Vereinsstruktur, zum Beispiel die Repräsentation von People of Color und Schwarzen Menschen im Vorstand, hat einen großen Effekt: Eine unserer Interviewpartnerinnen ist Mitglied in einem Verein, in dem eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus stattfindet. Zudem gibt es Maßnahmen wie Antirassismusschulungen für Trainer:innen, und der gesamte Vorstand besteht ausschließlich aus Personen, die von Rassismus betroffen sind. In diesem Verein erlebe sie keinen Rassismus, hat diese Interviewpartnerin gesagt. Dass der Verein so handelt, ist das Ergebnis von Selbstorganisation Betroffener.

taz: Wie könnte ein herkömmlicher Verein das Thema angehen?

Kronenbitter: Es braucht unabhängige Beschwerdestellen mit geschulten Ansprechpersonen, rassismuskritische Maßnahmen wie verpflichtende Schulungen für Vereinsmitglieder und mehr Repräsentation von Betroffenen in Machtpositionen. Wichtig ist auch, diese Maßnahmen gut zu kommunizieren, damit die Vereinsmitglieder sie auch tatsächlich kennen. Insgesamt müssen Vereine Rassismus mehr thematisieren. Und zwar nicht nur in Social-Media-Posts, sondern durch eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema in den eigenen Reihen. Dazu gehören auch konkrete Fragen wie: Wer fühlt sich auf dem Nachhauseweg weniger sicher und sollte deshalb frühere Platzzeiten bekommen? Wie kann ein Wettkampfort in einer Region mit viel Zustimmung zu Rechtsextremismus sicher gestaltet werden? Vereine müssen sich für diese Fragen sensibilisieren.

taz: Wie könnten Verbände die Vereine bei solchen Maßnahmen unterstützen?

Kronenbitter: Sie könnten Vereine ab einer bestimmten Größe zur Einrichtung von unabhängigen Beschwerdestellen verpflichten oder selbst welche einrichten. Außerdem können sie Bildungsmaterial zur Verfügung stellen oder Module in der Trainer:innenausbildung einführen. Die Verbände können auch eine Plattform für den Austausch Betroffener sein und Vereine vernetzen, damit sie im Umgang mit Rassismus voneinander lernen können. Letztlich ist die Auseinandersetzung mit Rassismus aber auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie muss in vielen Bereichen gleichzeitig passieren, zum Beispiel im Bildungssystem. Aber eben auch im Sportverein.

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