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Kurdischer Journalist über Nordsyrien„Wenn Rojava scheitert, dann nicht, weil die Idee falsch war“

Der kurdische Journalist Siruan Hossein findet vieles an der Selbstverwaltung richtig. Ethnische Vielfalt und Frauenbefreiung wurden wenigstens versucht – trotz Fehlern.

Müssen fliehen, weil Truppen der Zentralregierung vorrücken: Kurdinnen am 19. Januar in Qamischli Foto: Delil Souleiman/afp

taz: Kurz nach dem Sturz des Assad-Regimes in Damaskus sagtest du der taz: „Endlich ist dieser Spuk vorbei.“ Hat sich die Übergangsregierung für dich nun zum nächsten Spuk entwickelt?

Siruan Hossein: Nein – aber die Warnzeichen sind da. Der Sturz des alten Regimes war für mich das Ende eines Systems, das jahrzehntelang auf Angst, Gewalt und Ausschluss beruhte. Als kurdisch-syrischer Journalist sehe ich heute aber eine Zentralregierung, die in alten Denkweisen verhaftet ist: Zentralismus statt Partnerschaft, Sicherheitslogik statt politischem Dialog, Rückkehr von Kontrolle statt Anerkennung von Vielfalt. Das weckt berechtigte Sorgen. Ob daraus ein „neuer Spuk“ wird, hängt davon ab, ob die Zentralregierung bereit ist, echte Veränderungen zuzulassen: einen inklusiven nationalen Dialog, verfassungsrechtliche Garantien für alle Komponenten und eine dezentrale Ordnung, die lokale Gesellschaften respektiert.

taz: Gerade bewegen sich die Tuppen der Übergangsregierung immer tiefer in Gebiete hinein, die bislang von der kurdisch dominierten SDF kontrolliert wurden. Das verschiebt die Macht nach Damaskus.

Siruan Hossein: Viele fühlen sich inzwischen so bedroht, dass sie zu den Waffen greifen – aus dem Gefühl heraus, keine andere Wahl zu haben. Es ist eine Reaktion aus Angst – auf das, was sie an der Küste bei den Alawiten gesehen haben, im Süden bei den Drusen. Viele Familien haben die Stadt Hasakah verlassen und sind Richtung Qamishlo und Amude geflohen. Die Menschen sind kriegsmüde und wünschen sich Stabilität, aber nicht um den Preis neuer Gewalt.

Siruan Hossein

ist kurdisch-syrischer Journalist und lebt in Deutschland und Nordsyrien. Dort gründete er 2013 den Radiosender Arta FM, der auf Kurdisch, Arabisch, Aramäisch und Armenisch berichtet.

taz: Die Regierungstruppen haben bislang die Gebiete Rakka und Deir ez-Zor eingenommen, nun rücken sie in Hasakah vor. Was bedeutet das?

Siruan Hossein: Die kurdisch kontrollierte Region im Nordosten Syriens stand symbolisch für etwas, das es im Land kaum noch gibt: Freiheit von Frauen, ethnische und religiöse Vielfalt, ein gewisses Maß an Selbstorganisation. Die Sorge ist, dass nicht nur Territorium verloren geht, sondern ein gesellschaftliches Modell, das mühsam aufgebaut wurde. Deshalb ist die Stimmung so angespannt: Es geht nicht nur um Städte oder Frontlinien, sondern um die Frage, ob diese Region weiter ein Ort bleibt, an dem unterschiedliche Gemeinschaften zusammenleben können – oder ob sie das nächste Kapitel von Gewalt, Vertreibung und Angst erlebt.

taz: Apropos Zusammenleben: Vonseiten der arabischen Bevölkerung unter SDF-Kontrolle gab es auch immer wieder Kritik.

Siruan Hossein: Das Zusammenleben war nie konfliktfrei. Vor allem in Regionen wie Raqqa und Teilen von Deir ez-Zor haben arabische Stämme wiederholt beklagt, dass sie sich nicht ausreichend beteiligt fühlten. Diese Vorwürfe müssen ernst genommen werden und gehören zu einer ehrlichen Bilanz. Gleichzeitig muss man den Kontext berücksichtigen: Diese Gebiete kamen aus der brutalen Herrschaft des IS, waren gesellschaftlich, wirtschaftlich und institutionell weitgehend zerstört. In einer solchen Situation gleichzeitig Sicherheit herzustellen und zivile Strukturen aufzubauen, ist extrem schwierig. Dabei wurden Fehler gemacht.

taz: Was hätte man anders machen müssen?

Siruan Hossein: Die SDF und die Selbstverwaltung hätten früher und konsequenter Macht an lokale Akteure übergeben müssen. In vielen arabisch geprägten Gebieten blieb der Eindruck, dass zentrale Entscheidungen nicht vor Ort getroffen wurden. Zudem: Probleme, die eigentlich sozial oder politisch waren, wurden militärisch oder administrativ behandelt, was Misstrauen verstärkte. Wo es Machtmissbrauch, Diskriminierung oder Fehlverhalten gab, wären schnellere, transparente Konsequenzen wichtig gewesen, um Glaubwürdigkeit zu bewahren. Schließlich hätte man stärker auf lokale Identitäten, Narrative und Bedürfnisse eingehen müssen.

taz: Die Selbstverwaltung und die SDF galten den westlichen Staaten lange als Partner. Was erwartest du nun von ihnen?

Siruan Hossein: Ich erwarte, dass die USA und Deutschland nicht nur nach nackten Interessen handeln, sondern den Schutz gemeinsamer Werte ernst nehmen. Es geht um mehr als Macht und Stabilität: um friedliches Zusammenleben, Diversität und die Freiheit der Frau. Was es braucht, sind klare rote Linien: Schutz der Zivilbevölkerung, keine Massaker, keine Vertreibungen, keine Radikalisierung. Wenn Rojava scheitern sollte, dann nicht, weil die Idee falsch war, sondern weil sie nicht geschützt wurde.

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