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Kulturszene in Äthiopiens Addis AbebaIm Museum fließt der Honigwein

Theater mit Kaiserloge, Privatmuseen, Liveclubs: Ein Streifzug durch die vielfältige Kulturszene der ostafrikanischen Metropole Addis Abeba.

Stadt in rasendem Wandel: Addis Abeba Foto: Li Yahui/imago

Tja, wem gehört jetzt das Kind? Der jungen Landarbeiterin Grusche, die es in den Wirren eines Umsturzes gerettet und großgezogen hat – oder der reichen Witwe, die es geboren hat? Auf der Bühne des Hager-Fikir-Theaters in Addis Abeba sackt Estifanos Kebedes schlitzohriger Richter Azdak erst mal Bestechungsgelder ein, bevor er beide Frauen samt Kind in einen mit Kreide gezeichneten Kreis treten lässt: Wer den Jungen zuerst herauszieht, hat gewonnen. Leibliche und soziale Mutter greifen je nach einem Arm, doch Yodit Asefas Grusche lässt schnell wieder los.

Bei Bertolt Brecht war die Sache klar: Die soziale, weil verantwortungsvollere Mutter kriegt das Kind. Der 66-jährige Regisseur Manyazawal Endeshaw hat Ende der 1980er Jahre in Ostberlin Theaterwissenschaft studiert. Nach dem Sturz des kommunistischen Derg-Regimes 1991 leitete er zweimal das Nationaltheater in Addis Abeba, in den Neunzigern und noch einmal bis Anfang dieses Jahres. „Der kaukasische Kreidekreis“ ist das zweite Brecht-Stück, das er ins Amharische übersetzt hat und nun mit finanzieller und fachlicher Unterstützung des Goethe-Instituts sowie der italienisch-deutschen Dramaturgin Laura Olivi auf die Bühne bringt. Für das Urteil macht Manyazawal einen anderen, versöhnlichen Vorschlag: Sein Azdak entscheidet, dass künftig beide Mütter gemeinsam für das Kind sorgen – mit Geld, Liebe und praktischer Verantwortung.

Was Gerechtigkeit in Zeiten des Umbruchs bedeutet, ist in der äthiopischen Hauptstadt durchaus eine brisante Frage. Nach der Kaiserzeit unter Haile Selassie und dem Derg-Regime unter Mengistu Mariam trat 1991 die EPDRF (Äthiopische revolutionäre demokratische Volksfront) für eine föderale demokratische Republik und die Stärkung der verschiedenen Ethnien im Vielvölkerstaat ein – mit der Folge, dass diese sich bis heute immer wieder gegen die Zentralregierung in Addis Abeba auflehnen. Aktuell kämpft die Nationalarmee in den Regionen Amhara, Oromo und teilweise auch Tigray gegen regionale Milizen; im Tigray-Krieg (2020–2022) starben bereits rund eine halbe Million Menschen. Zu den ethnischen Konflikten kommen gewaltige soziale Unterschiede zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, orthodoxen Christen und Muslimen, die sich auch in der rasanten Modernisierung der Hauptstadt widerspiegeln. Dabei agiert der 2018 als Reformer angetretene Ministerpräsident Abiy Ahmed zunehmend autoritär.

Sein Umbau der 3,5-Millionen-Stadt Addis Abeba vollzieht sich in einem Tempo, das selbst Architekten die Sprache verschlägt. Das laufende „Corridor Development Project“ des ehrgeizigen Präsidenten, unterstützt von Addis’ erster weiblicher Bürgermeisterin Adanech Abebe, erinnert an die „Haussmannisierung“ von Paris im 19. Jahrhundert. Damals ließ Napoléon III. breite Straßenschneisen durch die engen Gassen schlagen und ein Wasserversorgungsnetz installieren; jetzt sollen in Addis breite Magistralen die Stadt besser erschließen und den Verkehr verflüssigen. Vor allem aber soll die auf 2.500 Meter im fruchtbaren Hochland gelegene Großstadt „schöner“ aussehen, würdig ihrer Funktion als politisches und wirtschaftliches Drehkreuz Afrikas. Allerdings, meinen manche Beobachter, gehe die Gentrifizierung der Hauptstadt auch mit einer sozialen „Säuberung“ einher.

Wer zum ersten Mal in der ostafrikanischen Metropole landet, bemerkt schon auf der kurzen Strecke vom neuen Flughafen in die Innenstadt die mehrspurige Prachtstraße, gesäumt von breiten Bürgersteigen und sauberen Fassaden. Sogar Fahrradwege gibt es, auch wenn ich in sechs Tagen kein einziges Fahrrad sehe – außer dem der Goethe-Institutsleiterin Angelika Eder. Doldenartige Straßenlaternen „Dubai-Style“ beleuchten nicht nur die nagelneue Airport-Road, sondern finden sich auf allen innerstädtischen Boulevards. Im Regierungsviertel dominieren seit ein paar Jahren aufwendig bewässerte und bewachte Parkanlagen wie der Unity- und der Friendship-Park. Hier, aber auch in den Stadtteilen Kazanchis und Piassa wurden bereits Zehntausende, von Binnenflüchtlingen bis zur Mittelschicht, in Hochhäuser an der Peripherie umgesiedelt – mit einschneidenden Folgen für deren gewachsene Nachbarschaften und Mikroökonomien.

Theater mit Kaiserloge

Und Folgen auch für die Kultur. Während Manyazawals Ensemble im ältesten indigenen Theater Afrikas, dem 1935 gegründeten Hager Fikir, in den Endproben steckt, zeigt mir die Regisseurin Rahel Teshome das Nationaltheater. Das modernistische Gebäude wurde während der italienischen Besatzung als Kino geplant und unter Haile Selassie in den 1950er Jahren zum Theater umgebaut. Wie das städtische Hager Fikir ist es ziemlich in die Jahre gekommen, auch wenn prächtige Foyers, eine Kaiserloge und über 1.200 Zuschauerplätze von besseren Tagen künden; der Bühnenneubau, der nebenan entsteht, ist noch Betonskelett. Tatsächlich hat das Haus seit der Pandemie ein Publikumsproblem. Hinzu kommt die urbane Transformation: „Früher sind vor allem Leute aus der näheren Umgebung ins Nationaltheater gegangen. Jetzt wohnen sie am Stadtrand und brauchen mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zu zwei Stunden hierher. Vor allem der Rückweg ist vielen zu riskant.“

Aber welche Art von Theater wird auf dieser modernen Bühne gespielt? Auf den vergilbenden Fotos im Theatermuseum am Eingang zum Nationaltheater sind indigene Tanz- und Musikensembles zu sehen, aber auch Schauspieler:innen, Autoren und Übersetzer. Obwohl das faschistische Italien im damaligen Abessinien zwischen 1936 und 1941 eine Terrorbesatzung errichtete und in KZs und Lagern sowie durch den Einsatz chemischer Waffen bis zu 13 Prozent der Bevölkerung tötete, ist Äthiopien das einzige afrikanische Land, das nie im klassischen Sinn kolonisiert wurde und dem somit auch keine europäische Kultur übergestülpt wurde.

Europäische Theatereinflüsse

Zu den traditionellen Theaterpraktiken importierten Anfang des 20. Jahrhunderts Äthiopier auch Theaterformen aus der Diaspora. 1921 legte der in Russland ausgebildete Fitawrari Teklehawariat Teklemariam mit dem ersten amharischen Stück den Grundstein für die äthiopische Dramatik: Seine satirische Tierfabel „Fabula“ wurde im Terrace Hotel uraufgeführt und prompt von Kaiserin Zewditu verboten. Obwohl es offiziell keine Zensurbehörde gibt und die Meinungsfreiheit in der Verfassung verankert ist, greift bis heute das staatliche Kultur- und Tourismusbüro in Theater- und Filmproduktionen ein, sagen mir Theaterleute, die lieber anonym bleiben wollen.

„Eklektisch“ ist ein Lieblingswort des Architekten Maheder Gebremedhin. Aus verschiedenen Stilen oder Lehren das Beste auszuwählen und zu etwas eigenem Neuem zusammenzufügen, das könnte genauso das Motto von Manyazawals mitreißend mit Tanz und Gesang verbundener Brecht-Deutung sein wie für das äthiopische Bauwesen mit seinen armenischen, indischen, griechischen und italienischen Einflüssen. Ich treffe Gebremedhin auf einen Kaffee, in der Zeit führt er vier Telefonate. Zwischendurch schwärmt er von der Anonymität und den Möglichkeiten großer Städte. Auch ihre Transformation findet er unausweichlich, Gentrifizierungseffekte gäbe es schließlich auch in Berlin und New York. Kritisch will er trotzdem bleiben. Dafür hat er das Urban Center am Meskel-Platz gegründet. Im Diskursraum „Kebet Eske Ketema“ („Vom Haus zur Stadt“) begleiten Urbanisten, Architekten und Soziologen den rasenden Wandel, er selbst produziert dort seine eigene Radioshow. Zwei Kolleginnen führen mich durch die ebenerdigen Räume, die wie Waben aneinanderkleben. Gleich nebenan: eine riesige Baustelle.

Das staatliche „Riverside Project“ soll die Ufer der Flüsschen, die Addis Abeba durchziehen, in klimaresiliente Erholungsgebiete verwandeln, mit Stufen zum Verweilen, sauberem Wasser und Begrünung. Dass die Flüsse nicht mehr als Abwasserrinne genutzt werden, finden die Frauen vom Urban Center gar nicht verkehrt. Allerdings bezweifeln sie, dass der Bebauung ein durchdachter Plan zugrunde liegt: „Hier vor unserer Nase wurde schon dreimal eine Betonböschung hochgezogen und wieder abgerissen. Man könnte glatt glauben, dass wir in einem reichen Land leben und uns eine solche Verschwendung leisten können“, meint eine der beiden sarkastisch.

Im Club Fendika legt der Chef Melaku Belay aus seiner Ethio-Jazz-Plattensammlung auf Foto: Eva Behrendt

Wie Abiy Ahmed die Modernisierungs- und Verschönerungsprogramme in Addis bezahlt, ist eine interessante Frage. Zweifellos spielen chinesische und indische Kredite eine enorme Rolle. Gerade etwa besucht Narendra Modi die Stadt. Ihm zu Ehren leuchtet die äthiopische Commercial Bank in indischen Nationalfarben, prangt der hohe Besuch auf zahllosen Screens an Laternen und Kreuzungen. Zudem ist Äthiopien Teil des chinesischen „Belt and Road“-Infrastrukturprojekts, auch Neue Seidenstraße genannt. In dessen Rahmen sollen bereits Kredite in Höhe von rund 8,7 Milliarden US-Dollar in das ostafrikanische Land geflossen sein; oft sind auch chinesische Baufirmen in die Projektausführung involviert. Generell schätzen viele afrikanische Staaten die asiatische Kreditpolitik, zumal sie, anders als die der EU, nicht an moralische Forderungen geknüpft ist.

Im Westen der Stadt liegt das eigentliche Energiezentrum von Addis. Merkato, der größte Markt des Kontinents, erstreckt sich auf einer Fläche von rund 120 Hektar. Über 7.000 registrierte Händler unterhalten hier ein Business – in Markthallen, Einkaufszentren oder an einem Stand. Hinzu kommen unzählige fliegende Händler:innen, die morgens mit dem Bus vom Land in die Stadt fahren und nur anbieten, was sie am Körper tragen können – Ingwerknollen, Papiertüten, Weihrauchsteine, einen Sack gefälschter Markenschuhe. Ein unüberschaubares Gewusel, zu dem auch ganze Landschaften aus Recyclingmaterial gehören. Auf den ungepflasterten Straßen unterwegs, wird man sofort mitgerissen vom Strom Lasten tragender Menschen und Eselchen, landet plötzlich mitten im Mittagsgebet, bei dem sich Hunderte Händler auf den Straßenboden werfen, bekommt aber auch den besten, frisch gerösteten Kaffee der Metropole – der immer noch wichtigste Exportartikel der mit rund 7 Prozent überdurchschnittlich schnell wachsenden Wirtschaft Äthiopiens.

Museumsbesuch als Luxus

Informelle Strukturen wie auf dem Merkato, wenn auch nicht in so hohem Maße verdichtet, zogen sich früher durch die gesamte Innenstadt. Als der Kurator Abel Assefa mich am Eingang des Friendship-Parks abholt, erzählt der 35-Jährige von dem Slum, der sich hier früher erstreckte und im Zuge der Stadtverschönerung verschwand. Jetzt müssen Besucher Eintritt zahlen, 100 Birr (60 Cent) für den Park mit seinen Spiel- und Sportplätzen, 50 für das Yimtubezina-Museum, das Assefa leitet. Bei einem städtischen Durchschnittsmonatseinkommen von 2.500 Birr für viele kaum erschwinglich.

Das Yimtubezima-Museum befindet sich in einem für Addis-Verhältnisse uralten Häuschen, das eine wohlhabende Geschäftsfrau um 1900 von indischen Baumeistern errichten ließ; heute gehört es ihren Nachfahren, die offenbar nicht so leicht zu enteignen waren. Aktuell dreht sich im Museum alles um das „Birillé“, ein erlenmeyerkolbenartiges Glasgefäß, aus dem der traditionelle Honigwein Tej getrunken wird. Anhand dieses Gebrauchsgegenstands kann Assefa die Wirtschafts- und Kulturgeschichte seines Landes noch einmal anders erzählen – von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart.

Aber sind Museen nicht eigentlich ein europäisches Konzept der Aufklärung, das nur bedingt auf den afrikanischen Kontinent passt? Abel Assefa findet: „Dekolonisierung ist wichtig, aber wir brauchen hier lokale Museen.“ Er bildet sich immer wieder in Europa fort und setzt sein Wissen in Addis auf eigene Weise um. Seine Ausstellung ist sorgfältig durchdacht; obendrein hat er dafür bei drei Künstlern Bilder und Replikate zum Thema in Auftrag gegeben und so auch die lokale Kunstszene gestärkt. Im Vergleich dazu wirkt etwa der Raum des Nationalmuseums, in dem immerhin die ältesten menschlichen Skelette überhaupt zu sehen sind, mit seinem Overload an Erklärtafeln etwas einfallslos. Allerdings bin ich in der Stunde, die ich mit Abel Assefa im Yimtubezima verbringe, auch die einzige Besucherin.

Wohnzimmerjazz im Privatclub

Es fällt auf, dass die meisten „Kulturzentren“ auf private Initiativen zurückgehen. So auch der neben Merkato vielleicht vitalste, vibrierendste Live-Ort von Addis: der Musikclub Fendika. Jeden Montag spielt hier die berühmte Formation KaynLab mit Jazzlegende Henock Temesgen am Bass vor einer Art Wohnzimmerschrankwand mit Büchern, Vinylplatten, Unterhaltungselektronik des ausklingenden Analogzeitalters und einer traditionellen Zupfharfe, der Krar. Zum Warm-up legt allerdings erst noch Fendika-Chef Melaku Belay aus seiner Ethio-Jazz-Plattensammlung der 1960er und 1970er Jahre auf, die er wie einen Altar um sich drapiert hat. Mit breitem Grinsen begrüßt er eintrudelnde Gäste, viele junge Äthiopier:innen, Expats, Touristen, und gibt immer wieder Getränke aus, den Honigwein natürlich im Birillé.

Melaku Belay kommt aus ärmlichen Verhältnissen, als junger Mann war er zeitweilig obdachlos. Er heuerte bei Fendika an, einem der vielen Azmari Bets (Musiklokale), die damals den Stadtteil Kazanchis prägten; später übernahm er das zeltartige Wellblechgebilde. Er führte feste Gehälter für Musiker und Tänzerinnen ein, die wie er selbst zuvor nur von Trinkgeldern gelebt hatten. Im Laufe der nuller und zehner Jahre verschwanden die meisten dieser Kneipen aus dem Stadtbild, nur Fendika überlebte dank Belay, der nicht nur als Tänzer mit seiner indigenen Band durch die halbe Welt getourt ist, sondern auch ein charismatischer Netzwerker ist. Und Äthiopiens erster Ted-Talker: In seinem Vortrag erklärte der Künstler unter anderem, wie viel Merkato in seinen ekstatischen Bewegungsimprovisationen steckt.

Doch im Oktober 2024 flatterte auch ihm die Abrissankündigung ins Haus. Immerhin gelang es Belay, einen Deal mit dem Hyatt-Hotel am Meskel-Platz abzuschließen. In dessen noch nach Diesel riechendem Untergeschoss hat das Kulturzentrum temporär Unterschlupf gefunden; Platz für zeitgenössische Kunstausstellungen und Gastronomie gibt es obendrein. Doch Belay möchte zurück an den alten Standort, hat auch schon die Stadtverwaltung überzeugt und ein italienisches Architekturbüro für die Planung gewonnen. Allerdings muss er für das Vorhaben 1,25 Millionen US-Dollar auf seinem Spendenkonto nachweisen, genug Geld, um (theoretisch) ein zwanzigstöckiges Hochhaus zu bauen – so will es der Bebauungsplan. Aber eine Bevölkerung, die schon aus eigener Kraft den größten Staudamm Afrikas finanziert hat, wird vor einem Musikclub nicht verzagen.

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