: Dein Brötchen killt Fische in der Ostsee
Im Baltischen Meer sterben immer wieder massenhaft Fische, weil verwesende Algen ihnen den Sauerstoff rauben. Verantwortlich sind auch Düngemittel aus der Landwirtschaft – und somit letztendlich die Verbraucher
Aus Kiel und Dersau Jost Maurin
Tausende tote Fische liegen auf dem feinen Sand des Ostseestrands von Rostock-Warnemünde. Silberne, weiße und bräunliche Fischkörper glänzen im Sonnenlicht mit leeren Augen und oft weit geöffneten Mäulern, als hätten sie nach Luft geschnappt. Das war Ende September. Ein ähnliches Bild hatte sich wenige Tage zuvor im schleswig-holsteinischen Timmendorfer Strand geboten.
Wenn Laboranten das Grundwasser in Deutschland untersuchen, zeigen die Messgeräte oft beunruhigende Zahlen an: Mehr als 50 Milligramm der Stickstoffverbindung Nitrat pro Liter können im Trinkwasser die Gesundheit gefährden. Aber fast 26 Prozent aller untersuchten deutschen Grundwassermessstellen des EU-Nitratmessnetzes überschritten laut Bundesregierung 2020 bis 2022 im Mittel diesen Schwellenwert. Dabei wird das meiste Trinkwasser in Deutschland aus Grundwasser gewonnen. Manche Wasserwerke können die Grenzwerte nur noch einhalten, indem sie belastetes Wasser mit unbelastetem mischen.
Sowohl das Fischsterben in der Ostsee als auch das verschmutzte Grundwasser haben gemeinsame Ursachen. Eine davon ist, dass die Landwirtschaft insgesamt mehr Dünger auf die Felder ausbringt, als die Pflanzen aufnehmen können. Ein Teil des Überschusses an Pflanzennährstoffen versickert ins Grundwasser oder gelangt über Flüsse ins Meer. Die Politik ermöglicht die Überdüngung durch laxe Regeln, die CSU-Bundesagrarminister Alois Rainer sogar noch weiter schwächen will. Verantwortlich sind aber auch Verbraucher. Zumindest die, die Industriebrot, Fleisch und Lebensmittel aus konventioneller Landwirtschaft essen.
Mehrfach im Jahr fehlt der Sauerstoff
Helmke Hepach steht in der Bibliothek des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel. Die 41 Jahre alte Umweltwissenschaftlerin zeigt durch das Fenster auf die „Littorina“, ein 30 Meter langes Schiff am Kai des Flusses Schwentine, der hier in die Ostsee mündet. Von dem blau-weißen Forschungskutter aus ziehen Kollegen von Hepach einmal im Monat in der Eckernförder Bucht Wasserproben aus der Ostsee. Sie werden in den Geomar-Labors analysiert, die Ergebnisse landen dann auf dem Bildschirm der Wissenschaftlerin. Aus den Daten folgert sie: „Die Ostsee enthält zu viel Nitrat und Phosphat, unter anderem aus Düngern.“
Wegen der vielen Nährstoffe wüchsen auch Algen stärker, sagt Hepach. Falls es giftige Blaualgen sind, ist das ein unmittelbares Gesundheitsrisiko für Badegäste. Für die Natur ist vor allem problematisch, was passiert, wenn die Algen absterben. Denn dann sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser. Normalerweise können Fische einfach in andere Zonen des Meers schwimmen, wo genügend Sauerstoff vorhanden ist. Aber manchmal wirbeln Wind und Wellen alle Schichten durcheinander, sodass die Fische überall in Atemnot geraten. Das ist der Grund für das Fischsterben. Die Tiere ersticken und werden dann an Land gespült.
Hepach nennt es „Sauerstoffminimumereignis“, wenn der Sauerstoffgehalt so stark sinkt, dass Fische oder andere Meereslebewesen gefährdet sind. „Die Frequenz, mit der diese Sauerstoffminimumereignisse auftauchen, die wird auf jeden Fall deutlich größer. Wir können die jetzt eigentlich jährlich beobachten und teilweise sogar mehrfach im Jahr“, sagt sie.
Der Wissenschaftlerin fällt auch auf, wann die Fischsterben passieren. Früher seien sie im August und September aufgetreten, weil da durch die hohen Temperaturen im Sommer besonders viele Algen gewachsen seien. Gerade im Spätsommer und Herbst gelange dann sauerstoffarmes Wasser in Tiefen, wo Fische leben. „Mittlerweile nehmen wir das teilweise auch schon zum Beispiel im Frühsommer wahr. Das ist definitiv schlimmer geworden.“
Hepach hält jetzt eine weiße Scheibe mit 50 Zentimetern Durchmesser in der Hand, an der ein langes orangefarbenes Seil und an der Unterseite kleine Gewichte befestigt sind. „Diese Secchi-Scheibe schmeißt man ins Wasser und guckt, wie lange man sie sehen kann“, sagt die Wissenschaftlerin. Je tiefer und länger, desto weniger Algen und Plankton enthält das Wasser. Die Scheibe, erzählt Hepach, sei heutzutage zum Beispiel nur sechs bis sieben Meter sichtbar, früher seien es zehn bis zwölf Meter gewesen.
Zwar fließe inzwischen 40 Prozent weniger Nitrat und 50 Prozent weniger Phosphor als 1995 über Flüsse in die Ostsee. Das liege vor allem an modernen Kläranlagen und Maßnahmen gegen Überdüngung. „Aber das reicht nicht, um den Effekt des Klimawandels zu kompensieren. Deshalb müssen wir die Nährstoffeinträge in die Ostsee noch stärker reduzieren.“
Die Agrarbranche war 2016 bis 2018 für 80 Prozent des Stickstoffs und 45 Prozent des Phosphors verantwortlich, die in die deutsche Ostsee gelangten. Das steht im neusten Bericht des Bundesumweltministeriums über den Zustand des Meers. Deswegen müssten jetzt vor allem die Bauern handeln, sagt Hepach. Ähnlich stark ist der Beitrag der Bauern in der Nordsee, allerdings verdünnen sich die Nährstoffe dort schneller und können leichter in den Atlantik abfließen, zu dem die Ostsee nur schmale Zugänge hat.
Jochen Flessner ist Landwirt. Er steht gerade auf seinem Hof, kaum 40 Kilometer von Kiel entfernt in der Nähe des Plöner Sees. Flessner – Typ gemütlicher Bär, groß, Lockenkopf – zeigt nach rechts über leicht hügelige grüne Felder, die von Erdwällen mit Hecken begrenzt sind. „Da hinter dem Knick ist Kulisse“, sagt er. „Kulisse“, damit sind die besonders stark mit Nitrat belasteten Felder und Wiesen gemeint. Man nennt sie auch „Rote Gebiete“, weil sie mit dieser Farbe auf speziellen Karten markiert sind. Hier ist mehr Nitrat im Grundwasser als zulässig.
Deswegen müssen hier Landwirte laut Düngeverordnung 20 Prozent weniger Stickstoffdünger benutzen, als die Pflanzen offiziell benötigen. „Das ist das, was uns schmerzt“, sagt Flessner. „Wir ernten irgendwas zwischen 10 und 15 Prozent weniger an Menge, weil wir 20 Prozent weniger gedüngt haben.“ Hinzu komme, dass der Weizen ungefähr ein Zehntel weniger Protein enthalte. Deshalb könne er ihn nicht mehr als Brotweizen, sondern nur noch als billigeren Futterweizen verkaufen.
Hier schließt sich der Kreis zum Brötchen der Verbraucher: Die hier angebauten Weizensorten haben einen hohen Proteingehalt, sodass der Teig etwas leichter zu verarbeiten ist und stärker aufgeht. Das ist vor allem für große Industriebäckereien wichtig, die ihre Knetung und Wasserzugabe nicht für jede Mehllieferung anpassen wollen. Viele handwerkliche und Biobäcker dagegen stellen auch aus Weizen mit weniger Protein hervorragende Backwaren her. Bioweizen hat in der Regel weniger Eiweiß, weil Ökobauern nicht so viel düngen dürfen. Aber Flessner verkauft sein Getreide an Händler, die das nicht interessiert. Das Ergebnis: „Es sind zwischen 25.000 und 30.000 Euro bei meinem Anteil in der Kulisse, die ich jährlich weniger erlöse.“
Die Messe
Am 16. Januar beginnt in Berlin zum 100. Mal die weltgrößte Agrarmesse, die Grüne Woche. Es werden mehr als 300.000 Besucher erwartet, die sich Traktoren, Tiere und Lebensmittel anschauen. Am Rande trifft sich alles, was Rang und Namen hat in der Agrarpolitik der EU.
Die Demo
Für den 17. Januar ruft ein breites Bündnis aus Umweltorganisationen, Bioverbänden und Tierschützer:innen zum 16. Mal zur „Wir haben es satt“-Demo für eine ökologisch-soziale Agrarwende auf. Treffpunkt ist um 12 Uhr am Brandenburger Tor.
Das ärgert den Agrarunternehmer umso mehr, weil er die 20 Prozent weniger Dünger auch nicht als Vorteil für die Umwelt sieht. Im Wohnzimmer seines Hauses aus dem 19. Jahrhundert liegt ein DIN-A4-Ringbuch auf der weißen Tischdecke. „Düngeplanung“ steht auf der Titelseite. Für jedes Feld hat ihm ein Ingenieurbüro ausgerechnet, wie viel Nährstoffe seine Pflanzen brauchen und wie viel er düngen muss. Und nur diese Menge Dünger wolle er ausbringen, sagt Flessner. Es könne also kaum etwas in den Gewässern landen.
In einer Zeile der Tabellen steht: „Abschlag Rotes Gebiet“ und dahinter die Menge Stickstoff, die er vom errechneten Bedarf abziehen muss. Am Ende müsse er den Pflanzen weniger Dünger geben, als sie bräuchten, argumentiert Jochen Flessner.
Diese Wahrnehmung macht viele Landwirte regelrecht wütend. Sie ist ein wesentlicher Grund für das Gefühl mancher Bauern, dass der Staat sie ungerecht behandele. Wenn er wieder nach Bedarf düngen würde, wäre es Flessner zufolge so: „Ich würde der Umwelt damit nicht schaden, aber meinem Portemonnaie nutzen.“
Doch renommierte Wissenschaftler halten die Bedarfsberechnungen für fehlerhaft. Die Düngeverordnung erlaube oft höhere Stickstoff- und Phosphormengen als für die Pflanzen nötig, sagt zum Beispiel der Kieler Agrarprofessor Friedhelm Taube, der seit Jahrzehnten zu dem Thema forscht. Er beruft sich auf mehrere experimentelle Studien, unter anderem seine eigenen. „Vor allem unterschätzen die Berechnungen gemäß Düngeverordnung massiv die Nährstoffmengen aus den Ernteresten der Pflanzen, die vorher auf dem Feld standen.“ Unter anderem deshalb ergäben sie, dass die Bauern mehr düngen als notwendig.
So könnte das auch bei der Kalkulation für eines von Flessners Feldern sein. In der Tabellenzeile „Vorfrucht/Nachlieferung aus Ernteresten“ steht: 0,00 Stickstoff und Phosphor. So, als ob der Raps und der Weizen, die vor der Gerste auf dem Acker wuchsen, komplett inklusive Wurzeln und Stoppeln aus dem Boden gerissen worden wären. „Das ist unrealistisch“, urteilt Agrarprofessor Taube.
Die sogenannte Stoffstrombilanz hingegen, die Bauern wie Flessner bis vor Kurzem noch erstellen lassen mussten, kommt Taube zufolge der Wahrheit näher. Denn sie habe gezeigt, wie viel Stickstoff und Phosphor durch Dünger auf den Hof gekommen und wie viel in Form von Produkten abgeflossen sei. Die Differenz landet langfristig in der Umwelt.
Bundesagrarminister Rainer aber strich in einer seiner ersten Amtshandlungen im Juni 2025 die Pflicht, diese Bilanz zu berechnen. Damit gab der CSU-Politiker dem Druck des Bauernverbands nach. Dabei hätte man mit der Bilanz sehr einfach ermitteln können, welche Höfe wirklich zu viel düngen, sagt Friedhelm Taube. Das wollte der Verband offenbar verhindern.
Jochen Flessner, Landwirt in Schleswig-Holstein
Jochen Flessner weist das zurück. Die Landwirtschaftskammer, eine öffentlich-rechtliche Institution, überprüfe die Zahlen zum Düngebedarf mithilfe von Versuchen regelmäßig.
Taube aber gibt nicht viel auf diese Untersuchungen. „Sie erfassen zum Beispiel nicht, wie viel Nährstoffe tatsächlich von den Feldern ausgewaschen werden“, sagt der Wissenschaftler. Er habe in eigenen Versuchen diese Verlustmengen gemessen – bei Stickstoff hätten sie oft über den akzeptablen Werten gelegen.
Die Agrarbehörden hätten die Regelungen mit dem Ziel formuliert, dass die Bauern möglichst viel düngen und ernten können, sagt Taube. Seiner Meinung nach wollten sie gar nicht Nährstoffverluste in die Umwelt so weit wie möglich vermeiden, obwohl das Düngegesetz das verlangt. Außer ihm und einem Kollegen habe niemand die Düngeverordnung „systematisch wissenschaftlich überprüft“.
Auf Anfrage der taz nannte das Bundeslandwirtschaftsministerium tatsächlich keine einzige wissenschaftliche Studie, die ausdrücklich die Bedarfswerte der Düngeverordnung kontrolliert hätte. Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern habe die Zahlen festgelegt, schrieb das Ministerium.
Obwohl die Zahlen vom bauernfreundlichen Ministerium stammten, zweifelt Flessner an, dass die Landwirtschaft immer noch rund 70 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr mehr ausbringt, als sie durch pflanzliche oder tierische Produkte bindet. „Tja, das sind Statistiken, die ich nicht geführt habe“, sagt er, räumt allerdings ein, dass der Grundwasserkörper in seiner Region zu viel Nitrat habe.
Wenn er alles richtig macht, wer ist dann dafür verantwortlich? „Ich will jetzt nicht meinen Vater in die Pfanne hauen“, sagt Flessner, dessen Familie den Hof bereits in der vierten Generation bewirtschafte, und lacht. Aber er glaube sehr wohl, „dass wir vor 30 Jahren in Relation zu dem heutigen Wissen zu viel gedüngt haben.“ Das Nitrat aus der Zeit sei noch im Boden, es dauere Jahre, bis es im Grundwasser ankomme.
Doch auch hier widerspricht Agrarprofessor Taube: „Ein Nitrat-Ion, das in Dersau den Wurzelhorizont verlassen hat und über Entwässerungsrohre in die Flüsse gelangt, ist spätestens nach zwei Jahren in der Ostsee.“ Diese Geschwindigkeiten hätten Untersuchungen in Dänemark gezeigt, wo Böden und Klima sehr ähnlich wie im Schleswig-Holsteinischen Hügelland sind.
Jochen Flessner muss nicht nur düngen, um seine Pflanzen zu ernähren. Hinter seinem Kuhstall liegt eine vier Meter tiefe Grube mit Betonwänden und 23 Meter Durchmesser, gefüllt mit der Gülle seiner Kühe. Damit sie nicht überläuft, müssen die Fäkalien regelmäßig als Dünger auf die Felder ausgebracht werden. Flessner, so sagt er, habe so wenig Vieh, dass er sogar Gülle vom Nachbar auf seinen Äckern ausbringen kann. Aber in Regionen mit sehr vielen Schweinen, etwa in Niedersachsen, sieht die Lage dramatisch aus.
Flessner räumt durchaus ein, dass die Landwirtschaft für die größten Stickstoff- und Phosphoreinträge in die Ostsee verantwortlich sei. „Das will ich nicht infrage stellen“, sagt der Bauer. Er weist auch Unterstellungen mancher Lautsprecher in der Agrarbranche zurück, die Kläranlagen und undichte Abwasserrohre als Hauptschuldige darstellen.
Stattdessen ergänzt er, es sei ja „nicht so, dass wir nichts tun“, um die Nährstoffeinträge zu senken. Zum Beispiel hat er, teils mithilfe staatlicher Zuschüsse, für 100.000 Euro neues Gerät gekauft, um sparsamer und damit umweltfreundlicher düngen zu können. In einer Halle seines Hofs stehen drei Traktoren mit Hinterreifen größer als ein Mensch. Sie lassen sich mit Satelliten so genau steuern, dass sie den ebenfalls GPS-überwachten Düngerstreuer nur dorthin ziehen, wo wirklich Nährstoffe ausgebracht werden sollen. „Da fährt man nicht aus Versehen irgendwo doppelt hin.“
Aber muss die Menge Dünger, die ins Meer fließt, nicht noch weiter gesenkt werden? „Wir arbeiten daran“, beteuert Flessner. Der Bauernverband Schleswig-Holstein, in dem er aktiv ist, habe sich bereit erklärt, in den Ostseebeiräten mitzuarbeiten. Das sind von der Landesregierung einberufene Gremien, in denen Vertreter etwa von Bauern-, Wasser- und Bodenverbänden in fünf Küstenregionen Pläne entwickeln sollen, damit die Landwirtschaft weniger Nährstoffe direkt oder indirekt in die Ostsee abgibt.
Bei Überdüngung bleibt der Staat passiv
Jochen Flessner findet die Beiräte auch gut, weil die nur freiwillige Schritte vereinbaren sollen. Die Zielvereinbarung der schleswig-holsteinischen Landesregierung mit den Bauernverbänden enthält zum Beispiel nur nichtobligatorische, zehn Meter breite Sicherheitsabstände von Äckern zu Gewässern. In diesen Pufferzonen soll nicht gedüngt werden. Gesetzlich vorgeschrieben sind in ebenem Gebiet in der Regel lediglich drei Meter.
„Es ist immer gut, wenn Landwirte sich in Ostseebeiräten um das Problem kümmern“, sagt Professor Taube. „Aber ansonsten ist diese Selbstverpflichtung nicht belastbar. Was passiert denn, wenn sie sie nicht einhalten? Gar nichts.“ Mecklenburg-Vorpommern etwa hat keine Ostseebeiräte. Besser wäre es nach Meinung Taubes, die Düngeverordnung so zu ändern, dass die Nährstoffbedarfe realistisch berechnet werden müssten. Oberstes Ziel solle sein, die Belastung der Umwelt zu reduzieren. Taube ist es wichtig zu betonen: „Engagierte Landwirte, die mitdenken, sind nicht das Problem, sondern das schätzungsweise eine Drittel der Betriebe, das man nur über Ordnungsrecht erreicht.“
Obwohl es die Roten Gebiete seit 2022 gibt, seien weder die Erträge noch die Qualitäten des Getreides eingebrochen, sagt Taube. Untersuchungen des Max Rubner-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, zeigen tatsächlich, dass beispielsweise 2025 die Winterweizenernte im Durchschnitt aller untersuchten Proben einen Rohproteingehalt von 12,2 Prozent hatte. Das reicht in der Regel als Backweizen. Das Bundesagrarministerium berichtete von überdurchschnittlichen Erträgen.
Doch die Politik scheint Taube im Moment nicht folgen zu wollen. Agrarminister Rainer hat sich bisher vor allem durch einen Schmusekurs mit dem Bauernverband hervorgetan, der Verschärfungen der Düngeverordnung stets ablehnt. Sein Ministerium will einem Referentenentwurf zufolge sogar aus dem Düngegesetz das Ziel streichen, dass die Bauern effizient düngen und „Nährstoffverluste in die Umwelt so weit wie möglich zu vermeiden“ haben. Der Entwurf „gefährdet in seinem aktuellen Zustand die wichtigste Grundlage für die Wasserversorgung sowie für die Gesundheit der Bevölkerung: sauberes Grundwasser“, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe.
Und nachdem das Bundesverwaltungsgericht im Oktober die Roten Gebiete in Bayern unter anderem wegen für die Landwirtschaft irrelevanter Messstellen aufgehoben hatte, bestrafen alle Bundesländer bis auf Weiteres keine neuen Verstöße gegen die Düngeeinschränkungen.
Der Staat bleibt also passiv. Können wenigstens die Verbraucher durch ihre Kaufentscheidungen helfen, die Überdüngung, das Fischsterben und die Grundwasserverschmutzung zu reduzieren? „Vielleicht ist es besser, wenn wir alle mehr Bio kaufen und solche Sachen“, antwortet Umweltwissenschaftlerin Helmke Hepach. „Da kann man auch von der Konsumentenseite ein bisschen mitsteuern.“ Also besser ein Brötchen vom Biobäcker kaufen als aus der konventionellen Backfabrik.
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