Rechtsextreme Gewalt: Drei Monate Deutschland
Politik und Öffentlichkeit streiten über Abschiebungen und Brandmauer, zugleich nimmt die rechte Gewalt in Deutschland rasant zu. Eine Chronik.

Ähnlich schlimm sieht es bei rechter Gewalt aus: Im Schnitt begehen Täter*innen alle sechs Stunden eine rechte Gewalttat, also vier Delikte pro Tag. 1.443 rechte Gewalttaten gab es im Jahr 2024.
Die unten stehende und nur unvollständige Chronik ist in Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen von Betroffenen rechter Gewalt sowie durch Auswertungen von Polizeimeldungen und Presseberichten entstanden. Sie ist längst nicht vollständig und bildet nur einen Bruchteil der tatsächlich stattfindenden rechten Gewalt ab.
Die Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt veröffentlichen derzeit regelmäßig traurige Rekordzahlen für das Jahr 2024. Heike Kleffner, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Beratungsstellen, sagte der taz: „Wir sehen einen dramatischen Anstieg rechter, rassistischer und antisemitischer Angriffe und exzessiver Gewalt um bis zu 20 Prozent zum Vorjahr.“ Gleichzeitig gebe es einen gefährlichen „Gewöhnungs-, Normalisierungs- und Verharmlosungseffekt“ bei politisch Verantwortlichen und Teilen der Strafverfolgung.
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Junge militante Neonazigruppen auf dem Vormarsch
Ein Brandbeschleuniger für die rechte Gewalt sind laut Kleffner „rassistische Anti-Migrations-Diskurse“ und Wahlerfolge der AfD. Durch diese fühlten Täter*innen sich legitimiert, mit massiver Gewalt selbst gegen Kinder und Jugendliche vorzugehen, „bis hin zu Sprengstoff- und Brandanschlägen auf bewohnte Häuser, um Menschen zu vertreiben und zu schädigen“.
Aus aktuellen Studien wisse man, dass ein Fünftel aller AfD-Wähler*innen Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele befürwortet – „entsprechend ist die Gefahr, Opfer eines rassistischen Angriffs zu werden, in den ostdeutschen Bundesländern und Berlin immer noch vier Mal so hoch wie in westdeutschen Flächenländern“, sagt Kleffner.
Hinzu komme, dass Behörden häufig rassistische Tatmotivationen entweder nicht ausermitteln oder verharmlosen würden. Das führe selbst bei Tötungsdelikten wie in Solingen oder Rickenbach dazu, dass die Last der Aufklärung bei Hinterblieben und Überlebenden der Taten liegt, so Kleffner: „Ohne die Opferberatungsstellen und erfahrene Nebenklagevertreter*innen sind Betroffene vor Gericht allzu oft auf sich alleine gestellt.“
Kleffner fordert Reaktionen der Behörden insbesondere auf neue junge, militante Neonazigruppen wie „Deutsche Jugend Voran“. Diese stünde an der Schwelle zu organisiertem rechten Terror.
Stattdessen gebe es Drohungen gegen die zivilgesellschaftlichen Träger der Beratungsstellen. Dies verunsichere Betroffene wie Beratungsstellen gleichermaßen. „Dabei wäre es jetzt wichtiger denn je“, sagt Kleffner, „dass Politiker*innen aller demokratischen Parteien sich an die Seite der Angegriffenen stellen – ganz konkret“.
Chronik rechter Gewalttaten von Januar bis März
01.01.25, Magdeburg: Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt ist es zu einer Serie rassistisch motivierter Angriffe in der Stadt gekommen. 20 waren es laut Innenministerium allein im Januar. Am Neujahrstag verprügeln fünf Männer und eine Frau einen Mann mit Migrationsgeschichte an einer Straßenbahnhaltestelle mit Bierflaschen und Stöcken. Der Mann kommt schwerverletzt ins Krankenhaus.
04.01.25, Braunschweig: Eine unbekannte Frau Mitte vierzig beschimpft eine 16-Jährige wegen ihres Kopftuches. Anschließend reißt sie es ihr herunter. Es kommt zu Handgreiflichkeiten.
04.01.25, Apolda: Unbekannte legen einen Schweinekopf vor einer Gedenkstätte der im Nationalsozialismus verfolgten Familie Prager ab.
05.01.25, Berlin-Schöneberg: Eine Unbekannte reißt eine 62-Jährige an einer Ampel unvermittelt zu Boden und schlägt ihr ins Gesicht. Dabei beleidigt sie sie rassistisch.
05.01.25, Schmölln: Zwei junge Männer schmeißen nachts mit Steinen Fensterscheiben einer Geflüchtetenunterkunft ein und beschmieren die Fassade mit rassistischen Schriftzügen und extrem rechten Symbolen. Danach versuchen sie einen Brand zu legen.
12.01.25, Görlitz: Ein 19-Jähriger mit geistiger Beeinträchtigung wird von 15 bis 20 rechten Jugendlichen in einer Wohnung überfallen. Sie beleidigen, bedrohen, schlagen und treten ihn.
12.01.25, Güstrow: In einem Haus, in dem Ukrainer*innen wohnen, fliegt nachts ein Stein durch ein Fenster. Zuvor wurden zwei Hakenkreuze an die Fassade gesprüht.
19.01.25, Ganderkesee: Ein als gewalttätig bekannter 34-jähriger Neonazi greift einen Grünen-Wahlkampfstand an und zeigt den Hitlergruß. Dann beleidigt er zwei Frauen und schlägt einem 40-Jährigen ins Gesicht.
24.01.25, Köln, Essen und Duisburg: Drei Moscheen müssen vor dem Freitagsgebet geräumt werden, nachdem Bombendrohungen eingegangen sind.
27.01.25, Strausberg: Ein Mitglied der AfD-Kreistagsfraktion stört eine Veranstaltung am Holocaustgedenktag mit Zwischenrufen. Danach bedroht ein weiterer AfDler ein Mitglied des Vereins der Verfolgten des Nazi-Regimes mit einem Messer.
30.01.25, Stein: Vier maskierte Männer überfallen einen 23-jährigen Afghanen spätabends auf offener Straße. Sie schlagen und treten auf ihn ein und beleidigen ihn rassistisch.
06.02.25, Berlin-Marzahn: Auf dem Vorplatz eines Einkaufszentrums beleidigen zwei Männer vier 12-jährige Mädchen rassistisch. Sie machen Affen-Geräusche und rufen „Ausländer raus“.
07.02.25, Köln: Eine Gruppe schwarz gekleideter Männer läuft durch die Innenstadt und singt ein Nazi-Lied. Ein 48-Jähriger, der gerade mit seiner Frau und seinem 12-jährigen Kind aus einem Restaurant kommt, ruft von der anderen Straßenseite „Scheiß Nazis“. Daraufhin wird er von einem der Männer krankenhausreif geschlagen.
11.02.25, Bautzen: Mehrere Personen werfen Böller auf einen Linken-Wahlkampfstand. Eine Person schlägt einem Wahlhelfer mit der Faust ins Gesicht.
12.02.25, Itzehoe: Ein homosexueller Propst erhält einen rechtsextremen Drohbrief mit AfD-Logo, Gewehr und einem Zeichen der Landvolkbewegung. Darin heißt es: „Wir wissen, wo Sie wohnen und kennen Ihren Partner“.
12.02.25, Landkreis Meißen: Die Polizei nimmt einen 21-jährigen Rechtsextremisten fest, der einen Bombenanschlag auf eine Asylunterkunft geplant haben soll. Das LKA findet zwei Sprengsätze, Schlagringe, Einhandmesser und Munition.
12.02.25, Berlin-Kreuzberg: In der U-Bahn greift ein 43-Jähriger eine Frau mit Kopftuch an. Er schlägt sie mit seinem Ellenbogen und ruft: „Sieh mal, was aus Berlin geworden ist durch dich. Kauf dir mal ein Flugticket und verpiss dich!“
16.02.25, Salzwedel: Fünf Neonazis greifen ein Autonomes Zentrum an, werfen Flaschen auf Menschen im Gebäude und Steine durchs Fenster.
17.02.25, Haigerloch: Eine Unbekannte beleidigt eine 37-jährige Mutter und ihre Kinder rassistisch und hetzt ihren Hund auf sie.
19.02.25, Aachen: In einem Bus, der hinter einer Hanau-Gedenkdemo herfährt, beleidigt ein Mann Mitfahrende und Demo-Teilnehmende rassistisch. Beim Aussteigen an einer Haltestelle attackiert er einen Mann mit Migrationshintergrund mit einem Cuttermesser. Durch Glück wird nur dessen Jacke aufgeschlitzt.
19.02.25, Hamburg-Sankt Pauli: Eine Frau fällt an Bord einer Fähre mit rechtsextremen Äußerungen auf. Ein 33-Jähriger widerspricht. Danach schlagen und treten ihn zwei Begleiter der Frau unvermittelt. Ein weiterer Helfer bekommt Reizgas ab.
20.02.25, Berlin-Neukölln: Eine Frau schubst eine 12-Jährige vom Roller, ihr Begleiter beleidigt das Mädchen rassistisch. Ein Passant hilft dem verletzten Mädchen auf. Das Paar geht zu Fuß weiter.
21.02.25, Spremberg: Ein Schüler schlägt seine Lehrerin, sie trägt Prellungen und Blutergüsse davon. Eine rbb-Recherche gibt Einblick in die Schule und zitiert Lehrer*innen und Eltern: Es soll dort ein rassistisches Klima herrschen. Diskriminierende Beleidigungen, Hakenkreuz-Schmierereien und Hitlergrüße seien Alltag. Selbst ein Lehrer soll Schüler*innen rassistisch beschimpfen. Der Rektor schaue weg.
23.02.25, Neumünster: Auf der Wahlparty der AfD grölen Gäste zu Gigi D’Agostino „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“. Der AfD-Landeschef verweist auf die Meinungsfreiheit.
27.02.25, Magdeburg: Eine junge Frau beleidigt eine 12-jährige Syrerin rassistisch und greift sie dann an. Das Mädchen muss zwei Nächte im Krankenhaus bleiben und traut sich danach nicht mehr, draußen zu spielen: „Vielleicht sieht mich die Frau noch mal und schlägt mich dann noch mal.“
28.02.25, Weimar: Zwei queere Personen werden im Hauptbahnhof von einer Gruppe junger Erwachsener angesprochen und bedrängt. Diese fragen, ob sie links seien und welches Geschlecht sie hätten. Auf die Drohungen folgen Schläge. Von den Angriffen berichtet die Beratungsstelle Ezra.
01.03.25, Senftenberg: 30 bis 40 vermummte Rechtsextreme versuchen gegen 23 Uhr, den linken Jugendclub „Jamm“ zu stürmen. Sie werfen Steine und grölen rechte Parolen. Zuvor hatte es laut Vorsitzender des Vereins bereits eine Reihe von Angriffen gegeben.
04.03.25, Hamburg: Die Polizei leitet Disziplinarverfahren gegen 15 Kolleg*innen ein. Alle sind sie in der Schutz- und Wasserschutzpolizei tätig. Sie sollen in Einzel- und Gruppenchats „rassistische sowie Gewalt- und NS-verherrlichende Nachrichten“ ausgetauscht haben. Ihre Dienstwaffen und -ausweise müssen sie abgeben.
07.03.25, Berlin-Hohenschönhausen: Eine Gruppe Neonazis jagt den Schüler Leon W. nachts durch die Straßen. W. hatte sich an seiner Schule gegen Rassismus eingesetzt. Seither hängen Steckbriefe mit Foto und Telefonnummer von ihm an seinem Wohnort, zudem Graffitis mit seinem Namen und dem Kommentar „verrecke!“. Die Polizei ließ die mutmaßlichen Angreifer laufen, teils ohne ihre Personalien aufzunehmen.
09.03.25, Stahnsdorf: Eine Gruppe alkoholisierter junger Männer greift nachts eine Geflüchtetenunterkunft an. Sie rufen „Heil Hitler“, versuchen, eine Eingangstür einzutreten und zerschlagen ein Fenster. Der Einbruch gelingt nicht. Ein Wachmann spricht die Gruppe an, sie schlagen ihn zusammen.
14.03.25, Schwaben: Die Polizei durchsucht die Wohnung eines 64-jährigen Mannes. Sie findet dabei Waffen, Munition und Gegenstände, die auf eine rechtsextreme Gesinnung hindeuten.
15.03.25, Dresden: Zwei Männer setzen sich morgens in einem Bus neben einen 15-Jährigen und bedrängen ihn laut Polizei mit einem Schild, auf dem Hakenkreuze und andere nationalsozialistische Symbole zu sehen sind. Sie beleidigen den Jungen und schlagen ihm ins Gesicht, bedrohen ihn mit einem Messer. Er kann unter Hilferufen fliehen.
19.03.25, Soest: Brandstiftung an einem zukünftigen Übergangswohnheim. In der Nähe hat jemand ein Hakenkreuz aufgemalt.
24.03.25, Dortmund: Zwei junge Männer hören laut rassistische Musik in einem Park und bedrohen eine Gruppe von sechs Personen. Als zwei Frauen der Gruppe die Männer ansprechen, beleidigen diese sie rassistisch. Die Gruppe verlässt den Park, die Männer verfolgen und beleidigen sie weiter, einer beginnt auf zwei 20-jährige Frauen einzuschlagen.
28.03.25, Cottbus: Eine kleine Gruppe Vermummter brüllt nachts vor dem Hausprojekt „Zelle79“ rechte Parolen und wirft Pflastersteine gegen die Hauswand. Später in der Nacht gibt es einen zweiten Angriff mit Steinen.
31.03.25, Halle: Vier Vermummte rufen auf einem Supermarktparkplatz rassistische Beleidigungen und „Heil Hitler“ in Richtung eines schwarzen Polizisten, der mit seiner Freundin privat einkaufen war. Dann zieht einer der Männer einen Teleskopschlagstock und verprügelt den Mann.
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