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Durch den Raum laufen, den es nicht gibt

Die Tchoban Foundation zeigt in der Ausstellung „Drawing as Thought“ Zeichnungen des US-amerikanischen Architekten Steven Holl. Man kann vor ihnen in kunsttheoretisches Schwelgen geraten

Nur eine Idee, nie gebaut: Ansicht des Palazzo del Cinema in Venedig, 1990 Foto: Steven Holl

Von Sophie Jung

1988 war wohl ein gutes Jahr für öffentliche Bibliotheken. Das ist gerade kaum vorstellbar, wo man von der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin nur Ernüchterndes vernimmt wie leere Infotheken, Personalabbau und womöglich mehr als 2,2 Millionen Euro weniger Jahresbudget. An die noch vor wenigen Monaten diskutierte Idee einer Dependance im leerstehenden Gebäude der Galeries Lafayette traut man sich jetzt gar nicht mehr zu denken.

1988 aber, da gab es den Plan, ihr zentrales Westberliner Gebäude, die Amerika-Gedenkbibliothek, mit einem so spektakulären und konzeptuell neuartigen Anbau zu vergrößern, wie er sonst im Wettbewerb ums globale Städteranking in Hongkong oder New York auftauchen könnte. Vermutlich saß Architekt Dominique Perrault 1988 auch aus diesem Grund an seinen Plänen für die Bibliothèque Nationale de France in Paris. Gleich ein ganzes Stadtviertel nimmt sie ein mit ihrem umgekehrten Raumprogramm – oben Depots in gläsernen Türmen, unten ein Wald.

Fürs kleine, ummauerte Westberlin hatte sich der US-amerikanische Architekt Steven Holl 1988 eine Freihandbibliothek überlegt. Viel Wissen für möglichst viele Menschen hätte sie auf riesigen Flächen und raffinierten Möbeln zugänglich machen können. Gefügt in einen Bau, der die vergangenheitsvergessene Nachkriegsmoderne der Gedenkbibliothek mit monumentalen, technisch aussehenden Formen umgeben hätte, auch eine Art Wolkenbügel auf schmalen Stelzen und ein hoch aufgestockter, riesiger Tropfen aus Glas wären dabei gewesen.

Wären. Denn Holl gewann mit seinem Entwurf zwar den Wettbewerb um die Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek, doch wurde dieser nie umgesetzt. Nach dem Fall der Mauer hatte man in Berlin andere Pläne. Wie die Architekturkuratorin Kristin Freireiss in einem Katalogtext zur jetzigen Holl-Ausstellung in der Tchoban Foundation aber bemerkt: Trotzdem war der Entwurf für Holl der Beginn einer großen Karriere.

Seither hat der heute 77-Jährige weniger in Berlin, dafür weltweit Museen, Bibliotheken, Einkaufshäuser, Kirchen oder Wohnanlagen gebaut, er hat Büros in den USA und China. Häufig sind es ziemlich besondere Architekturen, neomodernistisch mit lichtdurchlässigen Dachlandschaften, als hätte man gleich ein Dutzend gewölbter Papierbahnen aufs Gebäude gelegt. Oder mit riesigen, strammen Mauern, die punktgenau von nur wenigen Fenstern durchbrochen sind.

Im Museum für Architekturzeichnung, dem Privatmuseum des Architekten Sergei Tchoban, sind nun Steven Holls Zeichnungen ausgestellt für diese besonderen Bauten. Sie sind fulminant. Flüchtig und skizzenhaft wirft er manchmal ganze Stadtplanungen auf ein vielleicht DIN-A5-großes Blatt, in beiläufigen Studien entwickelt er konstruktive Details von Sitzbänken oder Ecklösungen.

Die perspektivischen Darstellungen seiner Gebäude und Entwürfe beeindrucken besonders. Die Art Zeichnung, die seit langer Zeit im Architekturbusiness eigentlich digitale Bildprogramme übernehmen. Fertigt Holl sie von Hand an, sind sie fotografisch exakt und trotzdem atmosphärisch. Die Gebäudeumrisse sind in feinen Linien formuliert, die Materialität ist mit kunstvoll schattierter Aquarellfarbe ausgearbeitet. Seine Entwurfszeichnung für die Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek etwa umgibt er mit einem wild gepinselten Schwarz, als würde sich am Berliner Himmel stets ein dunkles Unwetter zusammenbrauen.

Ganze Stadtplanungen wirft er auf ein DIN- A5-großes Blatt

Manche der Darstellungen wirken wie Szenen, die sich spontan vor eine Kamera­linse legen können, wenn Licht, Schatten und Gebäude zu einem grafischen Spiel werden: etwa wenn Holl eine klare Deckenkante im Vordergrund diagonal durchs Bild zieht und sich dahinter ein zig Meter tiefes, von Treppen umlaufendes Atrium eröffnet. Man meint hier, der US-amerikanische Architekturfotograf Ezra Stoller sei durch diesen modernistischen Raum gelaufen und habe ihn abgelichtet. Nur zeichnete Holl mit dieser Ansicht der Porta Vittoria in Mailand einen Ort, der von ihm zwar ausgedacht, aber nie gebaut wurde.

Man kann vor diesen Blättern in ein kunsttheoretisches Schwelgen geraten darüber, wie durch die pure Zeichnung Idee, Eingebung oder Imagination entstehen – Stichwort „disegno“. Holl, zum Glück, hält da lieber den Ball flach. Manchmal wundere er sich, was sich plötzlich für tolle Räume morgens auf seinem Zeichenblatt ergeben, gibt er bei der Ausstellungseröffnung zu Protokoll, „wenn man Abends zuvor ein Gläschen zu viel getrunken hat“.

„Steven Holl – Drawing as Thought“: Tchoban Foundation Museum für Architekturzeichnung, bis 4. Mai

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