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Inwiefern das Pestizid Glyphosat gesundheitsgefährdend ist, spielt fast schon keine Rolle mehr. Allein die Debatte zeigt, dass Landwirtschaft dringend ökologischer werden muss

Seit genveränderte Pflanzen eine Behandlung mit Glyphosat überleben können, sind dem Einsatz des Herbizids so gut wie keine Grenzen mehr gesetzt Foto: Erwin Wodicka/Blickwinkel/McPHOTOx/imago

Von Mirko Heinemann

Der 27. November 2017 ist vielen noch deutlich in Erinnerung: Gegen Mittag wurde im Berufungsausschuss der EU-Kommission abgestimmt, ob das Pestizid Glyphosat für weitere fünf Jahre in der europäischen Landwirtschaft eingesetzt werden darf. Die Volksvertreter standen dabei unter enormem Druck. Kurz zuvor hatte es bei einer Abstimmung keine Mehrheit für eine Verlängerung gegeben. Eine europaweite Bürgerinitiative präsentierte mehr als eine Million Unterschriften gegen eine weitere Zulassung des Unkrautvernichters. Viele EU-Staaten waren gegen die Verlängerung, darunter Schwergewichte wie Frankreich und Italien.

In Deutschland war die Haltung der Regierung uneinheitlich: Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) war für ein Verbot, der CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt hingegen für die Weiterzulassung. „Genau zwei Stunden vor Beginn der Sitzung des Berufungsausschusses habe ich gegenüber dem Kollegen Schmidt telefonisch eindeutig erklärt, dass ich mit einer Verlängerung der Zulassung von Glyphosat weiterhin nicht einverstanden bin“, erklärte Hendricks später. „Es war daher klar, dass Deutschland sich enthalten musste.“ Der Vertreter des Landwirtschaftsministeriums in Brüssel aber hatte offenbar eine andere Weisung erhalten. Folge: Deutschland stimmte für die Weiterzulassung und entschied mit seinem Stimmengewicht, in dem die Bevölkerungszahl eine relevante Rolle spielte, für den Einsatz von Glyphosat in der EU bis Ende 2022.

Glyphosat spaltet Europa: Manche Staaten wollten eine unbefristete Verlängerung, andere ein Totalverbot ab 2020. Bauernverbände plädierten für die Zulassung – und zwar gleich für 15 Jahre. Die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, die für die europäischen Pflanzenschutzmittelhersteller Lobbyarbeit betreibt, drohte mit einer Klage gegen die EU-Kommission über 15 Milliarden Euro. Auf der anderen Seite standen die Initiative „Stop Glyphosat“ und mehr als eine Million GegnerInnen sowie eine Bewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die das Pestizid als „wahrscheinlich krebserzeugend“ für den Menschen einstufte.

Was ist das für ein Stoff, der die Gemüter derart bewegt? Glyphosat ist eng verknüpft mit dem Firmennamen Monsanto. Das US-amerikanische Unternehmen hatte die chemische Verbindung im Jahr 1974 patentieren lassen. Im selben Jahr kam sie unter dem Namen Roundup zur Unkrautbekämpfung auf den Markt. Glyphosat gehört als Herbizid, als Pflanzengift, neben Fungiziden und Insektiziden in die Gruppe der Pestizide. Es eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate und wirkt nicht-selektiv. Das bedeutet: Alle damit behandelten Pflanzen sterben ab. In der Regel wird Roundup im Frühjahr auf die Äcker aufgebracht, um das Unkraut abzutöten. Auch im Obstbau, im Garten, auf Gehwegen, industriell genutzten Flächen, an Autobahnen oder auf Bahngleisen wird es eingesetzt.

Richtig interessant für die Agrarindustrie wurde es, als es 1996 Monsanto gelang, ein bakterielles Gen in Sojabohnen einzubauen, mit dem die Pflanzen eine Behandlung mit Glyphosat überleben können. Dem Einsatz des Herbizids sind dann so gut wie keine Grenzen mehr gesetzt. Seither werden sogenannte „Roundup-Ready“-Nutzpflanzen angebaut, vor allem in den USA, Argentinien, Brasilien und Kanada.

Heute werden pro Jahr weltweit 770.000 Tonnen Glyphosat hergestellt, in Deutschland kommen 5.000 Tonnen pro Jahr auf die Äcker. Hierzulande sind 105 glyphosathaltige Mittel zugelassen, 51 davon auch für den Haus- und Kleingarten. Obwohl das Patent bereits im Jahr 2000 auslief und inzwischen um die 100 Chemieunternehmen Glyphosat herstellen, ist Monsanto immer noch der führende Anbieter.

Seit 2018 gehört der Konzern zum DAX-Unternehmen Bayer AG. Die Übernahme kostete 66 Milliarden US-Dollar und war die größte jemals getätigte Übernahme durch einen deutschen Konzern im Ausland. Bisher hat sich das Geschäft für Bayer nicht recht gelohnt: Der Aktienkurs hat sich seit der Übernahme halbiert, und die Risiken steigen. Auch wenn die US-Umweltbehörde das Mittel nicht für krebserregend hält, sind manche US-Gerichte anderer Meinung. Nach zwei verlorenen Prozessen hatte zuletzt im Mai 2019 ein kalifornisches Gericht Bayer zur Zahlung von 2 Milliarden Dollar Schadenersatz verurteilt. Begründung: Glyphosat sei krebserregend, und Bayer habe nicht ausreichend davor gewarnt. Mehr als 42.700 Klagen sind anhängig.

Dazu kommt ein gnadenlos schlechtes Image. So steht Monsanto im Verdacht, heimlich Studien zu finanzieren, in denen der Einsatz von Glyphosat ökonomisch und ökologisch positiv bewertet wird. In den USA gehen solche Fälle schon seit Längerem durch die Medien, vor wenigen Wochen kam nun auch hierzulande ein solcher Fall ans Tageslicht, aufgedeckt vom WDR-Magazin „Monitor“ und der Organisation LobbyControl.

Toxisch am Glyphosat ist nicht nur der Wirkstoff, sondern auch seine Beimischungen: Produkte mit Glyphosat enthalten häufig das Netzmittel Tallowamin (POEA) das zu einer besseren Aufnahme durch Pflanzen, aber auch durch tierische und menschliche Zellen führt. Beim Abbau von Glyphosat entsteht außerdem Aminomethylphosphonsäure (AMPA).

Glyphosat sowie seine Neben- und Abbauprodukte wirken anerkanntermaßen auch bei direktem Kontakt mit dem Menschen über Haut oder Atemwege giftig. Dennoch wird in ländlichen Regionen Lateinamerikas, in denen „Roundup-Ready“-Pflanzen angebaut werden, das Pestizid per Flugzeug versprüht – mit direkten Folgen für die dort lebenden Menschen. Argentinische Studien ermittelten eine Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Glyphosat und der starken Zunahme von Krebserkrankungen in betroffenen Regionen, ebenso bei Fehlgeburten und Missbildungen bei Kindern.

Rückstände von Glyphosat lassen sich im Körper nachweisen. 2013 ließen der BUND und Friends of the Earth 182 Urinproben aus 18 europäischen Ländern untersuchen. In 44 Prozent der Proben fand sich Glyphosat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wiegelte ab; die Konzentrationen lägen unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Bereichs.

Toxisch am Glyphosat sind auch seine Beimischungen

Kurze Zeit später ließ die Partei Bündnis 90/Die Grünen 16 Muttermilchproben aus verschiedenen Bundesländern untersuchen und fand in allen Proben Rückstände von Glyphosat. Auch hier schieden sich in Sachen Risikobewertung die Geister: Das BfR und die Nationale Stillkommission kamen zu dem Schluss, die gemessenen Werte seien unbedenklich.

Viele Wissenschaftler fürchten dennoch Auswirkungen auf den menschlichen Organismus und sprechen Glyphosat die Eigenschaften eines so genannten Endokrinen Disruptors zu. Solche Chemikalien greifen in das Hormonsystem ein und werden mit hormonell bedingten Krebsarten, Übergewicht, Diabetes, Intelligenzverlust und motorischen Einschränkungen, Lernschwächen und Unfruchtbarkeit in Verbindung gebracht.

Aber warum gibt sich angesichts dieser mehr als zweifelhaften Sachlage und des katastrophalen Images überhaupt jemand mit diesem Zeug ab? Es geht um Effizienz – und damit einhergehend um den Gewinn. Glyphosat setzen vor allem Landwirte in der konventionellen Landwirtschaft ein, die immer effizienter produzieren müssen. Denn die Preisspirale dreht sich abwärts. Und die VerbraucherInnen machen dabei mit. Während sie bereit sind, etwa für ihr Automobil immer mehr Geld auszugeben, sollen Lebensmittel immer billiger werden. Der Druck hat inzwischen derartige Ausmaße angenommen, dass sich kürzlich die CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner bemüßigt fühlte, den Handel zur Fairness bei der Preisgestaltung aufzufordern. Was ablenkt von einer Alternative: Die ökologische Landwirtschaft verzichtet vollständig auf den Einsatz von Glyphosat.

Verbraucher können also auf Produkte mit dem Biosiegel umschwenken. Doch bewahrt sie das wirklich davor, Pestiziden ausgesetzt zu werden? Glyphosat-Rückstände wurden bereits in kommunalen Kläranlagen nachgewiesen. Offenbar wird es vom Regen abgewaschen und gelangt ins Grundwasser, in Flüsse und Seen. Der BUND Brandenburg hat in Gewässern, die neben Äckern liegen, sowohl Glyphosat als auch das Abbauprodukt AMPA nachgewiesen. Dabei ist das verboten: Beide Mittel gelten als gewässerschädlich.

Experten fordern bereits, Klärwerke sollten großflächig Aktivkohle einsetzen, um Pestizid-Rückstände aus dem Wasser herauszufiltern. Das wäre allerdings eine teure Maßnahme. Alternativ können VerbraucherInnen bei Laboren Tests auf Pestizide im Leitungswasser durchführen lassen und im Ernstfall selbst Aktivkohlefilter einsetzen. Den müssten sie allerdings selber bezahlen.