Europa In Deutschland gibt es 12.600 Einwendungen gegen den geplanten Tunnel unter dem Fehmarnbelt – in Dänemark 50. Was ist da eigentlich los? Ein Besuch vor Ort

Die zwei Seiten des Tunnels

Bald Bilder von gestern? Auf der Fähre von Puttgarden nach Dänemark Fotos: Karolina Meyer-Schilf

von Karolina Meyer-Schilf

Da drüben sind sie irgendwo, die Dänen. Man kann sie sich richtig vorstellen, wie sie da stehen und lauern: den Spaten geschultert, bereit zum Buddeln. Denn das wollen sie: sich unter der Ostsee durchgraben bis nach Fehmarn, gegen jeden Widerstand, Sedimente aufwirbeln, gigantische Betonteile versenken, ohne Rücksicht auf Schweinswale und anderes Getier. Das jedenfalls ist die Schreckensvision der Beltgegner.

Die Vision der Beltbefürworter geht so: Mehr Jobs auf beiden Seiten, engere Wirtschaftsbeziehungen, mehr kultureller Austausch. Ein Stück mehr Europa.

18 Kilometer lang soll der Tunnel werden, von dem die Dänen sich so viel versprechen, dass sie seinen Bau komplett bezahlen: Über 7 Milliarden Euro kostet er. Die Deutschen sollen nur für die eigene Hinterlandanbindung sorgen, also: eine Bahntrasse für die Güterzüge und den Ausbau der A1 bis Fehmarn.

Der Weg auf die Insel mit dem Auto verläuft derzeit, nun ja, geruhsam. Die letzten 20 Kilometer ging es in Kolonne hinter einem Trecker her – mit 60 km/h. Der Sund, der die Insel Fehmarn vom deutschen Festland trennt, liegt still da, nur vereinzelte weiße Segel ziehen unter der denkmalgeschützten, aber maroden Brücke hindurch. Wer erwartet hat, entlang der baufälligen Bundesstraße von Plakaten mit der kreischenden Aufschrift „Nein zur festen Fehmarnbelt-Querung!“ begrüßt zu werden, liegt falsch. Dass hier aber irgendjemand die Absicht hätte, eine neue Sundbrücke zu bauen oder die Hinterlandanbindung baulich in Angriff zu nehmen, davon ist hier auch nichts zu sehen.

Der Protest in den Ortschaften offenbart sich erst auf den zweiten Blick: Die Fehmaraner, die gegen den Tunnel sind, dokumentieren das mit blauen Holzkreuzen. Das ist das Zeichen der Beltretter, die gegen den Tunnel mobil gemacht haben. In der kleinen Buchhandlung am Marktplatz der Inselhauptstadt Burg ist die Meinung klar: „Das Verkehrschaos während der Bauzeit wird die Hölle“, da sind sich alle einig. Und wenn der Tunnel fertig ist? „Dann wird Fehmarn doch nur noch zur Durchgangs-Station“, sagt eine ältere Dame. Die Vermieter der Ferienwohnungen machen sich Sorgen, dass alle gleich bis Dänemark durchrauschen.

In der Apotheke nebenan herrscht ein völlig anderes Bild. „Ich würde sagen, die Jüngeren hier sehen den Tunnel positiv“, sagt eine – junge – Frau. Sie findet nicht nur gut, dass man schnell in Dänemark ist – denn auch in die andere Richtung kommt man schneller von der Insel, wenn erst mal die Autobahn fertig ist. „Ich glaube schon, dass das eine Generationenfrage ist: Die Älteren sind eher dagegen, die Jüngeren dafür.“

Buchhandlung vs. Apotheke

Den Belt von oben aber, die Containerschiffe, Frachter und Feeder, die wie an der sprichwörtlichen Perlenkette vorüberziehen, schließlich auch die mächtigen Molen der Fährhäfen Puttgarden und Rødbyhavn – all das wird dann keiner mehr sehen

Alles hat hier seine zwei Seiten, auch die Sache mit den LKW-Fahrern. In der Buchhandlung ist man sich sicher: „Für die LKW-Fahrer ist das doch schrecklich. Jetzt haben sie eine schöne Pause auf der Fähre, können sich ausruhen und bekommen eine Gratis-Mahlzeit. Wenn der Tunnel da ist, müssen sie durchfahren und können keine Pause machen.“ Dasselbe Thema hört sich in der Apotheke so an: „Für die LKW-Fahrer ist der Tunnel natürlich super. Die müssen nicht mehr umständlich auf die Fähre fahren und warten, sondern können gleich durchfahren.“

In Puttgarden stauen sich Autos und LKW vor dem Fähranleger. Sehen kann man die Dänen und ihre Küste an diesem strahlenden Montagmorgen allerdings noch nicht. Die Wolken über Lolland hängen tief, Dänemark verschwindet im Dunst. Auf der Gangway vor der Fähre steht eine asiatische Reisegruppe, die sich nach dem Boarding sofort auf die beiden Sonnendecks verteilt und dort begeistert Selfies macht.

Die „Schleswig-Holstein“ ist eine Hybridfähre, die Reederei Scandlines hat noch einmal richtig in saubere Technik investiert – und das ist durchaus kämpferisch gemeint. Denn wenn der Tunnel kommt, sollte es eigentlich vorbei sein mit dem Fährverkehr über den Belt. Scandlines will jedoch weiterfahren, Autofahrer sollen sich künftig entscheiden können, ob sie lieber mit der Fähre oder durch den Tunnel fahren. Scandlines hält dieses Szenario für realistisch, auch wenn die dänischen Erfahrungen beim Großen Belt und am Öresund andere sind – dort, wo jetzt die Brücken stehen, gibt es keinen Fährverkehr mehr.

Der Belt jedenfalls zeigt sich an diesem Tag von seiner Schokoladenseite. Alle Farben blau, das Wasser tiefblau, der Himmel knallblau, die See glatt wie ein Ententeich. Die Fähren bahnen sich ihren Weg, queren die Schifffahrtsstraße, die St. Petersburg mit dem Nord-Ostsee-Kanal und von da mit der Welt verbindet.

Heute ist auch dort kaum etwas los, nur vereinzelte Frachter ziehen in weiten Abständen ihre Bahn. Auf dem Sonnendeck der „Schleswig-Holstein“ stellt sich sofort nach dem Ablegen das altbekannte Hochgefühl ein, das glitzernde See und Sonnenschein so verlässlich auslösen. Geht es nach den Tunnelbefürwortern, wird es dieses Hochgefühl also für die meisten Menschen bald nicht mehr geben.

10 Minuten nach Dänemark

Stattdessen: Einfahrt in die Röhre, mit 110 km/h in 10 Minuten von Deutschland nach Dänemark. Gut beleuchtet, sicher, effizient, modern. Den Belt von oben aber, die Containerschiffe, Frachter und Feeder, die wie an der sprichwörtlichen Perlenkette vorüberziehen, schließlich auch die mächtigen Molen der Fährhäfen Puttgarden und Rødbyhavn – all das wird dann keiner mehr sehen, außer er ist Segler oder Berufskapitän. Und obwohl der Beginn des Tunnelbaus in weiter Ferne scheint, weil vorher noch 12.600 Einwendungen von deutscher Seite verhandelt werden müssen und außerdem noch Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof anhängig sind, mischt sich jetzt schon Wehmut in die Überfahrt nach Rødby.

Drüben jedoch, im Infocenter der Tunnelbaugesellschaft Femern A/S, ist von Wehmut nichts zu spüren. In dem alten Backsteinbau am Industriehafen herrscht Aufbruchstimmung. Hochglanzbroschüren beschreiben das gigantische Projekt, große Poster und Flachbildschirme mit animierten Videos malen die goldene Zukunft der gesamten Region an die Wände. Ein Kaffeeautomat brüht frischen Gratis-Cappuccino für alle, die den Weg hierher, ans gefühlte Ende der Welt, gefunden haben.

Benno Hansen, ein freundlicher großer Mann mit offenem Blick, ist heute für die Betreuung der Besucher zuständig. Geduldig erklärt er einer Gruppe Dänen das Bauprojekt. Danach befragt, wie die Dänen eigentlich den deutschen Widerstand gegen das Projekt wahrnehmen, wird er vorsichtig. „Die Deutschen sind langsam“, sagt er zögerlich. „Wir könnten sofort anfangen. Aber wir warten!“ Und, nach einer Pause: „Es ist ja auch gut für die Demokratie, wenn es so viel Mitbestimmung gibt.“ Es klingt gequält.

In den dänischen Zeitungen wird die Fassungslosigkeit über den deutschen Protest deutlicher: „400 saure Deutsche können Fehmarn-Tunnel stoppen“, lautete schon 2015 eine Schlagzeile des dänischen Fernsehens DR1. Hier in Dänemark, wo sogar der Umweltverband für das Projekt ist und es gerade mal 50 Einwendungen dagegen gab, verstehen viele die Vorbehalte der Deutschen nicht. Vielleicht, weil die Dänen das alles schon hinter sich haben: „Als wir die Brücken über den Großen Belt und den Öresund gebaut haben, waren auch erst alle dagegen“, sagt Hansen. „Und jetzt, seit es die Brücken gibt, sind alle dafür!“ Hansen glaubt, dass viele in Deutschland die Online-Petition gegen den Belttunnel unterschrieben haben, obwohl sie sich gar nicht richtig damit beschäftigt haben.

Für Lolland, eine strukturschwache Region mit vielen Arbeitslosen, würde der Tunnelbau einen großen Aufschwung bedeuten. Die Fabrik, in der die Betonteile für die Röhren gebaut werden, wird vor Ort in Rødbyhavn entstehen und für Jahre Tausende Arbeitsplätze schaffen. Wenn der Tunnel schließlich eröffnet ist, wird es immer noch 350 Arbeitsplätze nur für den laufenden Betrieb geben.

Informierte Senioren

Eine Gruppe Senioren schaut sich gerade die Tunnel-Animationen im Infocenter an. Sie sind nicht von hier, lassen sich alles genau erklären. Sie sagen, sie verstehen die Deutschen – einerseits. Denn natürlich würden Skandinavier den Tunnel mehr nutzen als die Deutschen. „Andererseits exportiert Deutschland viele Waren nach Skandinavien, insofern lohnt es sich auch für sie.“ Und, fast schüchtern sagen sie: „Wir reisen viel in den Süden. Wenn wir durch den Tunnel fahren und in Deutschland Station machen, bringt das ja auch Deutschland Geld.“ Ein älterer Herr aus der Gruppe ist nicht einverstanden mit den Deutschen. Er spricht nur Dänisch, aber an der Art, wie er mehrfach das Wort „Tyske“ ausspuckt, ist seine Missbilligung deutlich zu erkennen. Er regt sich auf. Was er sagt, bleibt unklar, denn die anderen wollen es lieber nicht übersetzen. Sie lächeln entschuldigend.

Draußen vor dem Infocenter liegen sechs Bauarbeiter im Schatten unter den Bäumen. Auch sie sind für den Tunnel. Ob sie dann häufiger rüberfahren würden nach Deutschland als bisher, wenn dann alles so einfach geht? Achselzucken. Schweigen. Schließlich sagt einer: „Vielleicht zum Bierholen.“