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Kommentar Regelgläubigkeit Die Fuchtel des geschriebenen Worts

Kommentar von

Maximilian Probst

Regeln und Gesetze können in die Irre führen. Die richtige Handlungsweise wird sich nie vollständig regulieren und fixieren lassen.

D er Fall der Lübecker Arbeitsagentur, die einer schwangeren Frau das Arbeitslosengeld strich, macht einen schaudern. Wie kann es sein, dass die Arbeitsagentur einer Frau just in dem Moment, wo sie am dringendsten auf Schutz und Unterstützung angewiesen ist, zur Last fällt? Diesem Schrecken stellt sich ein weiterer zur Seite, wenn man im Verhalten der Arbeitsagentur nicht bloß den bedauerlichen Einzelfall sieht, sondern einen paradigmatischen Fall jenes hierzulande seit je blühenden Unwesens der Nomolatrie, der Verehrung von Regel und Gesetz.

Sich lediglich an Vorschriften gehalten zu haben - das ist die Zauberformel in der verwalteten Welt, mit der sich guten Gewissens das Ungeheuerliche ins Werk setzen lässt. Die Lübecker Sachbearbeiter haben einfach nur ihren Job gemacht, die Schuld, lautet die bekannte Ausrede, haben immer die anderen. Allerdings sollte man heute wissen, dass Regeln und Gesetze in die Irre gehen können. Vor allem aber: dass sich auch die richtige Handlungsweise nie vollständig regulieren und fixieren lassen wird.

Vorschriften, so zeigt uns der Fall von Lübeck, haben immer nur relativen Wert. Am Ende - und das ist eine Lehre, die man sich nicht oft genug in Erinnerung rufen kann - ist es der je Einzelne, der die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Maximilian Probst Hamburg-Redakteur

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1 Kommentar

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  • TH
    Thorsten Haupts

    Denkt man die seltsame Logik von Herrn Probst zu Ende, ist man bei lupenreiner Willkür - oder dort, wo Regeln nichts, Bakschisch aber alles sind. Mit Verlaub - da ziehe ich die (ursprünglich preussische) Regellogik bei weitem (!) vor. Es ist die dieser Regeltreue geschuldete Verlässlichkeit des deutschen Gemeinwesens, die nach ihrem eigenen Bekunden auch viele ausländische Mitbürger nicht mehr missen wollen, wenn sie hier längere Zeit gelebt haben.