Kommentar Royales Baby: Auch nur ein kackender Wurm
Die Positionen der Linken sind heute längst nicht mehr so eindeutig wie früher. Bei der Geburt eines Prinzenbabys tritt da dann auch linke Nostalgie zutage.
M onarchen, die regieren, stehen der Demokratie und der Freiheit im Weg, und konstitutionelle Monarchen, die nur repräsentieren, sind verwöhnte Bengels, die auf Kosten anderer Leute leben. Denkmäler institutionalisierter Ungleichheit! Also weg mit ihnen! Es lebe die Republik! So in etwa denken Linke und Radikaldemokraten seit bald 250 Jahren.
Klar: Da und dort hat man sich mit konstitutionellen Monarchien arrangiert, schließlich schaden sie ja kaum, wohingegen die Abschaffung der Show-Königinnen und -Könige Streitereien auslösen würde, die man sich besser spart. Aber Fans der Monarchien, das werden Republikaner und Demokraten nimmermehr.
Eine Schwundform des Antimonarchischen zeigt sich noch in dem Ärger darüber, warum öffentliche TV-Stationen und „die Medien“ so viel Sendezeit mit der Geburt eines armen Prinzenbabys verplempern, das ja auch nur ein kackender Wurm ist und ohne Krone aus der Mama schlüpft.
ist freier Publizist und lebt in Wien. Seine Texte finden sich auch auf www.misik.at.
Und doch gibt es da noch eine andere politische Emotionalität, auch wenn sie nicht immer offen zutage tritt: linke Nostalgie. Verstanden sich die meisten Linken früher als Kraft des Fortschritts, wozu das Abschneiden alter Zöpfe ebenso zählte wie der Bau möglichst vieler Kraftwerke, so ist das heute längst nicht mehr so eindeutig. Beschleunigung, Technisierung und ein Wandel, der sich nicht immer nur zum Besseren vollzieht, machen auch Linke empfänglich für Sentimentalitäten.
Suche nach einem „echten Leben“
Wer Entfremdung in der Moderne empfindet, sucht nach einem „echten Leben“; ist vielleicht angerührt von Tradition, alten Accessoires und Bauernhäusern mit Holzkastenfenstern. Und was ist so eine Königin oder so ein Prinz denn anderes als ein Accessoire aus einer verlorenen Zeit? Vor allem pompöse Königsbegräbnisse sind ja sehr malerische Umzüge.
Letztendlich sind Könige, Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen heute freilich auch nichts anderes als Komparsen der Entertainmentindustrie. Man kann wegzappen. Und die Frauenzeitungen, die noch immer wie in den fünfziger Jahren die Aristomilieus als „große Welt“ verkaufen, werden selbst von ihren LeserInnen kaum ernst genommen.
Ja, klar, man kann wie der Linke-Parteichef den „Monarchie-Hype“ kritisieren. Man kann, wenn man will, einer Traditionsinstitution in einer „geschichtsvergessenen“ Zeit sogar etwas abgewinnen. Man kann aber auch beides einfach sein lassen. Denn letztlich gilt: Es ist völlig bedeutungslos.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert