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75 Tote in Mexiko nach der Tötung des Drogenbosses „El Mencho“ und hier sorgt man sich vor allem um das Sommermärchen. Eine seltsame Prioritätensetzung

Soldaten am 23. Februar in einer der Hauptstraßen von Guadalajara Foto: Jose Luis Gonzalez/reuters

Von Wolf-Dieter Vogel

Rudi Völler findet die Zustände in Mexiko „erschreckend“. Dennoch ist der DFB-Sportdirektor zuversichtlich: „Wir haben natürlich die Hoffnung, dass sich das in den nächsten Tagen und Wochen wieder beruhigt, bevor die WM losgeht“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Wie so viele Meldungen ist diese im dpa-Ticker unter „Fussball/Unruhen/Mexiko/Deutschland/WM“ zu finden. „Sorge um Fußball-WM“ titelt auch das Handelsblatt, und die „Tagesschau“ fragt sich, ob Mexiko die Sicherheitslage vor der WM im Griff hat. Besorgt zeigte sich auch ein Sportredakteur der Bild-Zeitung. Sein erster Gedanke, nachdem er von den gewaltsamen Aktionen in Mexiko gehört habe, sei die Frage gewesen: „Was wird eigentlich aus der Weltmeisterschaft.“

Logo. Nach der Tötung des Drogenbosses „El Mencho“ in Mexiko und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit rund 75 Todesopfern an nur einem Tag ist die größte Sorge vieler Deutscher, dass ihr diesjähriges Sommervergnügen gefährdet sein könnte. Alles andere wäre vielleicht etwas zu moralisch, aber auch naiv. Denken wir an Katar. So wirklich hat sich am Ende dann doch niemand darum geschert, dass in dem WM-Austragungsland migrantische Ar­bei­te­r*in­nen unter schlimmsten Bedingungen malochen müssen und Homosexualität verboten ist.

Naiv ist aber auch, wer sich jetzt plötzlich besorgt über die Zustände in dem Land zeigt, in dem in ein paar Monaten ein Teil der Männer-WM ausgetragen wird. Natürlich waren die Straßenblockaden ein deutliches Zeichen dafür, dass das Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) über eine gewisse Kampfkraft verfügt. Wer nach dem von Militärs verursachten Tod seines Anführers, des Mafiabosses Nemesio Oseguera, aka El Mencho, in 20 von 32 Bundesstaaten Autos, Busse, Supermärkte und Tankstellen in Brand setzen kann, verfügt über eine gewisse Kampfkraft.

Aber sorry. Hallo? Jeden Tag sterben in Mexiko viele Menschen eines gewaltsamen Todes. Die Regierung spricht von durchschnittlich knapp 60, Kri­ti­ke­r*in­nen gehen von mindestens 80 aus. Über 133.000 Personen gelten als verschwunden, auch von ihnen dürften die meisten tot sein. Viele der Opfer gehen auf das Konto des CJNG, andere auf das von „El Chapos“ Sinaloa-Kartell oder Dutzender anderer krimineller Organisationen.

Apropos Joaquín El Chapo Guzmán: In und rund um Culiacán, die Landeshauptstadt des Bundesstaats Sinaloa, tobt ein blutiger Kampf um das Erbe des in den USA inhaftierten Mafia-Chefs. Seit bald zwei Jahren. Auch dort brennen Autos, Häuser und Ladengeschäfte, Schießereien gehören zum Alltag, etwa 2.650 Menschen wurden seit Sommer 2024 ermordet.

Soldaten am 23. Februar in Guadalajara, einem Austragungsort der WM Foto: Jose Luis Gonzalez/reuters

Muss man nicht unbedingt wissen, aber wer sich wirklich Sorgen über die Gewalt im WM-Gastgeberland Mexiko macht, kann es wissen. Auch, dass der mexikanische Krieg unter anderem mit deutschen Waffen geführt wird. Zum Beispiel von den Rüstungsschmieden Heckler & Koch oder Sig Sauer. Darüber hat die ARD zu bester Sendezeit Spielfilme und Dokumentationen ausgestrahlt.

Vielleicht rühren die Sorgen um die WM ja eher daher, dass die Großstadt Guadalajara einer der drei Austragungsorte ist. Vier Gruppenspiele sollen dort stattfinden. Genau genommen im Akron-Stadion von Zapopan – einem Hotspot des Jalisco-Kartells. So wie der gesamte dortige Bundesstaat Jalisco, wie der Name schon sagt, vom CJNG dominiert wird.

Foto: Gabriel Trujillo/reuters

Darauf machten die Mütter, Schwestern, Brüder und Väter von Verschwundenen jetzt im Rahmen der WM aufmerksam. Im weiteren Umfeld des Stadions seien in den letzten Jahren 456 Abfalltüten mit Leichenresten gefunden worden, informierte José Raúl Servín García von Angehörigenkollektiv Guerreros Buscadores de Jalisco. Gegen diese unhaltbare Situation wollen die Angehörigen übrigens am Tag des WM-Eröffnungsspiels in Mexiko-Stadt mit einer Demonstration protestieren.

Aber, hey, Leute, für uns kein Problem. Unsere Elf werde angesichts der Gruppenkonstellation definitiv nicht nach Mexiko fahren und dort spielen müssen, beruhigt der Kollege von der Sportredaktion der Bild-Zeitung. Und wenn die WM richtig wackele, könnte er sich auch vorstellen, dass die USA im Vorfeld militärisch eingreift. „Aber das ist reine Spekulation.“

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